Traumata: Plötzlich wieder im Krieg | Wissen & Umwelt | DW | 04.09.2015
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Wissen & Umwelt

Traumata: Plötzlich wieder im Krieg

Sie kommen mit schlimmen Bildern im Kopf: Jedes fünfte Flüchtlingskind hat nach einer neuen Studie eine posttraumatische Belastungsstörung. Was dagegen hilft, erklärt Traumaexperte Jan Kizilhan.

Eine Untersuchung von 100 syrischen Kindern hat gezeigt, dass jedes fünfte Kind an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Volker Mall, Professor für Sozialpädiatrie an der Technischen Universität stellte die Studie auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in München vor. Wir sprachen mit dem Traumaexperten Jan Kizilhan über Traumata bei Flüchtlingskindern.

DW: Fallende Bomben, tote Menschen, die zermürbende Flucht über das Mittelmeer - die meisten Flüchtlingskinder haben schlimme Szenen gesehen. Bilder, die sich einbrennen und niemals ganz vergessen werden können. Was lösen diese Erfahrungen bei den Kindern aus?

Jan Kizilhan: Es ist das gleiche, das auch mit Erwachsenen passiert. Die Kinder werden mit Geschehnissen konfrontiert, die fernab der Normalität liegen. Das hat Auswirkungen auf die Gefühlswelt, auf das Gedächtnis und auf den Körper. Die Kinder können in eine Art Schockzustand verfallen - sie bekommen Ängste und werden unsicher.

Der andere Aspekt ist, dass ihre Eltern auch gegenüber diesem Krieg, gegenüber Folterern, gegenüber Soldaten und Angriffen hilflos sind. Bis dahin lernen die Kinder, dass ihre Eltern sie beschützen und behüten. Plötzlich wird diese soziale Konstellation auf den Kopf gestellt. Damit wird die Bindung zu den Eltern und zur Umwelt gestört.

Kinder sind in der Entwicklungsphase, entwickeln ihren Charakter, ihre Persönlichkeit. Eine Flucht und der Krieg sind psychologisch gesehen ein einschneidendes Erlebnis und das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass diese Kinder diese Erfahrungen nie wieder loswerden.

Wie äußert sich dieses "nicht mehr loswerden"?

Die Kinder können schon bereits direkt nach diesen Erfahrungen eine Angststörung entwickeln. Das ist ein klinisches Bild - sie können eine Depression entwickeln, sich zurückziehen und leiden an Schlafstörungen. Sie ziehen sich von den Menschen zurück, weil sie glauben, dass ihnen auch dort etwas geschehen könnte. So kann es passieren, dass sie in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung bekommen. Dabei kommen dann Erinnerungen einfach wieder hoch. Plötzlich sind sie wieder im Krieg oder erleben ihre Flucht hautnah und können in dem Moment nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden und sind deshalb ständig auf der Hut.

Das sind die kurzfristigen Entwicklungen, die relativ schnell nach so einer Erfahrung auftreten können. Wie sehen denn die langfristigen Folgen einer solchen Belastungsstörung aus?

Dann entstehen neben einer chronische psychische Erkrankung häufig auch körperliche Leiden. Dazu gehören Durchfall, häufige Erkältungen aber auch psychosomatische Erkrankungen wie beispielsweise Hautprobleme. Oft bekommen die Kinder auch Migräne sie nässen sich regelmäßig ein.

Jan Kizilhan, Traumaexperte, Foto: privat

Jan Kizilhan

Auf der psychologischen Ebene kann sich die Persönlichkeit so verändern, dass die Kinder nie wieder in der Lage sind - auch nicht als Erwachsene - eine gesunde Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen, weil sie ständig unsicher distanziert und nervös sind. Oder Kinder können mit ihren Gefühlen nicht umgehen und entwickeln eine emotional instabile Persönlichkeit. Das heißt: Sie werden aggressiv, sind unsicher und können sich sehr schwer in der Gesellschaft integrieren.

Wie kann denn jetzt eine Behandlung aussehen, damit genau das nicht passiert?

Man muss das Umfeld der Kinder - also die Schule und die Familie - darüber aufklären, was ein Trauma ist und wie man damit umgeht. Dann geht es um Stabilität und bei Flüchtlingskindern vor allem darum, dass sie endlich erfahren, was Sicherheit ist. Dass sie sich keine Sorgen machen müssen um sich und ihre Eltern. Die beste Psychotherapie ist eigentlich, dass sie relativ schnell in die Schule gehen sollten. Das sie eine Struktur zurückbekommen. Kinder brauchen einen Rahmen, indem sie Sicherheit spüren. In den schlimmen Fällen müssen sie dabei von Traumapädagogen und Sozialpädagogen begleitet werden.

Und was machen die dann?

Die Reden mit den Kindern über ihre Ängste. So dass sie das Gefühl haben, sie müssen sich wegen ihrer Ängste nicht schämen. Angst ist etwas Normales. Die Kinder bauen ein Verhältnis zu den Pädagogen auf. Manchmal wollen die Kinder auch ihren Eltern nichts von ihren Ängsten berichten, weil Sie nicht wollen dass ihre Eltern Kummer haben, sich Sorgen machen oder traurig sind. Die Ängste brauchen sie bei einem Pädagogen nicht zu haben. Es gibt da auch verschiedene Anwendungen wie Zeichnen, Malen, Gestalten und Spielen, in denen man die Kinder mit ihren Erlebnissen konfrontiert .

Dieses Jahr kommen geschätzt 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland. Darunter viele Kinder. Ist Deutschland in der Lage die nötige Therapie zu bieten.

Die Frage ist doch: 'Haben wir genügend Fachkräfte, die sich mit diesem Thema beschäftigen?' Die Antwort ist 'nein!' Die Traumapädagogik ist noch in den Anfängen in Deutschland. Gerade im Bereich der Kinder und Jugendlichen ist die Zahl der Experten, die sich in diesem Bereich auskennen sehr gering.

Was könnte im Umkehrschluss mit einer Einwanderungs-Gesellschaft passieren, wenn diese Traumata der Flüchtlinge nicht bewältigt werden?

Die Hoffnung liegt auf der Resilienz – also wissenschaftlich gesehen einer inneren Kraft, die es den Kindern in einem guten Umfeld ermöglicht, mit diesen Erlebnissen fertig zu werden. Das betrifft etwas die Hälfte der Kinder. Der Rest braucht eine Psychotherapie und da liegt der entscheidende Punkt. Was machen wir mit denen? Und da haben Politik und die Gesellschaft die Verantwortung, sich hier Konzepte zu überlegen.

Jan Kizilhan ist Psychologe, Autor und Herausgeber. Er gilt als Experte der transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Aktuell ist er Leiter des Studiengangs Soziale Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken an der Fakultät für Sozialwesen an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen.

Das Interview führte Nicolas Martin