Tour of Rwanda: ″Eine Begeisterung wie in Alpe d′Huez″ | Sport | DW | 15.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Radsport

Tour of Rwanda: "Eine Begeisterung wie in Alpe d'Huez"

Ruanda ist das Land der tausend Hügel, das nationale Radrennen das schwerste Afrikas. Teammanager Micha Glowatzki ging mit einer kleinen deutschen Mannschaft an den Start und ist beeindruckt vom Radsport in Ruanda.

 Bildergalerie zur Tour of Rwanda (Oliver Farys)

In Kontakt: Teammanager Micha Glowatzki (l.) mit seinem Fahrer Dan Craven und jungen Fans

An der berüchtigten "Mur de Kigali", einer steilen Kopfsteinpflasterstraße in der Hauptstadt von Ruanda, endete die diesjährige Tour of Rwanda mit einem Spektakel. Vor tausenden frenetisch feiernden Zuschauern gewann der Einheimische Samuel Mugisha die 10. Austragung des achttägigen Rennens, das aufgrund der bergigen Streckenführung als das schwerste Radrennen Afrikas gilt. Erfolgreich dabei war auch das deutsche Amateur-Team Embrace the World, das drei Etappen gewinnen konnte. Teammanager Micha Glowatzki berichtet im Interview von großer Begeisterung, starken Bergfahrern und fehlenden Ersatzteilen.

DW: Micha Glowatzki, Ihr Amateur-Team Embrace the World hat drei Etappensiege beim vielleicht schwersten Rennen Afrikas gefeiert - hätten Sie das vor dem Rennen für möglich gehalten?

Micha Glowatzki: Auf keinen Fall. Erwartet hätten wir das niemals und das es dann direkt drei Siege in Folge werden, war eine totale Überraschung. Als wir im Auto saßen und über den Tourfunk gehört haben, dass wir zum dritten Mal gewonnen haben, das war sensationell. Ruanda ist das Land der tausend Hügel, da geht es nur bergauf, bergab. Da muss man einen sehr guten Tag erwischen um mit den Einheimischen mithalten zu können. Dass hier Europäer gewinnen ist eher selten der Fall.

DW: Ihr Team hat inzwischen Erfahrungen mit Rennen in allen Erdteilen. Ist da eine Tour of Rwanda noch ein Abenteuer?

Ja, auf jeden Fall. Die Tour of Rwanda ist für uns das Highlight des Jahres. Erstens wegen des schweren Profils und zweitens, weil wir uns schon drei Mal erfolglos für einen Start beworben hatten. Auch die Stimmung am Streckenrand macht das Rennen besonders, die Menschenmassen sind einfach unfassbar. Das ist eine Begeisterung wie in Alpe d'Huez, sonst habe ich so etwas noch nie so gesehen. Auch das Land ist eines der schönsten Länder, die ich bisher bereisen durfte. Das Rennen ist ein Abenteuer, aber alles ist hier sehr gut organisiert.

DW: Woher kommt die Begeisterung für den Radsport in Ruanda?

Das Rennen wird hier in den Medien sehr gehypt, es ist das Sport-Highlight des Jahres. Die heimischen Sponsoren ziehen mit, das Geld ist da. Die Tour of Rwanda wird hier ganz anders vermarktet als Rennen in anderen Teilen Afrikas. Hier werden Fußball und Radsport gezielt gefördert. Und die Nationalfahrer fahren auch mit sehr gutem Material.

DW: Was macht das Rennen so schwer?

 Bildergalerie zur Tour of Rwanda (Oliver Farys)

Die "Mur de Kigali": Steiler Schlusspunkt einer harten Rundfahrt

Es gibt selten längere Flachstücke. Es geht mal auf, mal ab, oft ist es steil. Auch die Fahrweise der Einheimischen macht es spannend. Es gibt drei ruandische Teams, die sich einerseits unterstützen und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Das heißt, es wird ständig attackiert, man weiß nie was als nächstes kommt. Und gerade am Berg sind die leichten afrikanischen Fahrer im Vorteil. Wir haben unsere Etappensiege (Julian Hellmann gewann die 3. Und 5. Etappe, Timothy Hugg die 4. Etappe, Anm. d. Red.) meist in den Abfahrten herausgeholt. Da sind wir im Vorteil, weil wir eine bessere Fahrtechnik haben.

DW: Gut zwei Jahrzehnte sind seit dem Bürgerkrieg in Ruanda vergangen. Was merkt man davon noch, wenn man durch das Land fährt?

Eigentlich gar nichts mehr. Die Stimmung ist sehr friedlich. Wir wurden sehr freundlich begrüßt, jeder will uns sehen, natürlich auch, was wir dabei haben. Am Streckenrand war nichts mehr von den Spannungen zwischen den Volksgruppen zu sehen.

DW: Ihre Fahrer sind echte Amateure, studieren und arbeiten, der Radsport läuft nebenher. Wo steht Ihr Team fünf Jahre nach der Gründung?

Genau, wir arbeiten oder studieren nebenher. Wir machen das alles nebenbei und verdienen auch kein Geld mit dem Radsport. Wir zahlen auch unsere Flüge zu den Rennen aus eigener Tasche, wir sind sehr engagierte Freizeitsportler. Ich werde oft gefragt, ob ich auf die nächste Stufe gehen will, ein Profiteam auf Kontinentalteam-Ebene gründen möchte. Dazu müsste das ganze Team umstrukturiert werden.

Bildergalerie zur Tour of Rwanda 11 (Oliver Farys)

Das deutsche Amateurteam Embrace the World erhält inzwischen Einladungen zu Rennen in aller Welt

DW: Was steckt hinter dem Teamnamen "Embrace the World"?

Wir wollen die Welt und den Radsport umarmen, mit dem Rad die Welt entdecken. Der Grundgedanke war, dass man auch als Amateur international Rennen fahren kann. Damit verbunden ist auch unser Spendenprojekt. Als wir die ersten afrikanischen Teams kennengelernt haben, haben wir gesehen, dass die mit Material fahren, das wir vor zehn bis 15 Jahren genutzt haben. Es wird dort alles gebraucht. Da haben wir uns schnell überlegt, dass wir Material zu den Rennen mitnehmen und verschenken. Inzwischen haben wir mehr als 1000 Ersatzteile, Räder oder Bekleidungsstücke verschenkt, vieles davon haben wir als Spenden aus Deutschland erhalten.

DW: Die Tour of Rwanda wird von einheimischen, kletterstarken Fahrern dominiert. Können es ruandische Radsportler auch irgendwann einmal in die vorderen Positionen der Tour de France schaffen?

Das halte ich aktuell für eher unwahrscheinlich. Dafür muss man es in ein großes Profiteam schaffen und das ist nicht einfach. In Europa hat man schnell über drei, vier Ecken Kontakt zu einem Profiteam hergestellt, in Afrika muss man erst einmal gesehen werden. Denn die bei Rennen in Europa gesammelten UCI-Punkte sind für die Profiteams aussagekräftiger als in die in Afrika gesammelten Punkte. Man kann die Rennen dort nicht so gut einschätzen. Noch dazu brauchen viele afrikanische Fahrer erst einmal eine Eingewöhnungszeit, wenn sie im europäischen Radsport ankommen. In Ruanda sind die Trainingsbedingungen zwar schon sehr gut im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern, dennoch fehlt hier die Trainingswissenschaft, ohne die in Europa nichts mehr läuft im Profibereich. Aber es gibt hier sehr starke Bergfahrer, ähnlich wie in Eritrea und von dort haben es ja schon Fahrer zur Tour de France geschafft.

Micha Glowatzki ist 31 Jahre alt und arbeitet in einem Sportinstitut im Bereich Bikefitting. Daneben leitet er ehrenamtlich das Team Embrace the World, mit dem er zu Rennen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa reist. Mit Olympiateilnehmer und Ex-Profi Dan Craven starten inzwischen auch stärkere Fahrer für die Mannschaft. Als ehemaliger Radprofi der dritten Kategorie will Glowatzki zugleich mit einem Spendenprojekt helfen, den Radsport in ärmeren Ländern weiterzuentwickeln.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema