Toni Kroos, das Mittelding | FIFA WM 2018 in Russland | DW | 15.06.2018
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WM 2018

Toni Kroos, das Mittelding

Wenn die deutsche Nationalmannschaft den WM-Titel in Russland verteidigen will, gehört der 28 Jahre alte Toni Kroos zu den wichtigsten Spielern im DFB-Team. Der Mittelfeldmann beeindruckt aber nicht nur sportlich.

Der Kopf ist oben, die Augen scannen sorgfältig das Spielfeld, der Ball klebt am Fuß. Dann, ein kurzer Blick, eine schnelle Fußbewegung, das Leder huscht über den Rasen und landet exakt beim Mitspieler. Toni Kroos ist eine Passmaschine, er zählt zu denen, die es schaffen das Spielgerät mit ungeheurer Präzision von A nach B zu befördern. Der 28-Jährige bewegt sich bei seinem Passspiel nahe an der Perfektion - rund 98 Prozent seiner Zuspiele bringt er erfolgreich an den Mann.

"Egal ob ein oder drei Gegenspieler ihn anlaufen, seine Ruhe ist faszinierend, wie er immer wieder die richtige Entscheidung findet", erklärt Nils Kern. Der Journalist berichtet seit sieben Jahren über Real Madrid. "Durch Kroos spielt Madrid sicherer und ruhiger. Doch sind es nicht nur die Querpässe, sondern auch die präzisen langen Bälle und die Standards, die das königliche Spiel so vielseitig machen." Auch Bundestrainer Joachim Löw gerät ins Schwärmen, wenn er auf seinen Mittelfeldstrategen angesprochen wird: "Toni kann das Spiel mit seiner Technik in richtige Bahnen lenken", sagt der Weltmeister-Coach.

"El Profesor" gehört zu den Ausnahmen

Real Madrid's Toni Kroos (Reuters/E. Keogh Livepic)

Kroos holt 2018 den dritten CL-Titel mit Real Madrid

Kroos' Spiel ist nicht auffällig, wie beispielweise das seines Madrider Teamkollegen Cristiano Ronaldo. Im Gegenteil, denn der deutsche Mittelfeldstratege agiert und arbeitet oft im Hintergrund. "Toni wird auch "el Profesor" genannt, weil er seine Aufgaben so sachlich und einfach unaufgeregt erledigt, und in Madrid auch den Schritt von einem großen Spieler zur Weltklasse geschafft hat", erklärt Insider Nils Kern. "Er ist keiner der zaubert, aber dank ihm dürfen eben andere zaubern. Und in Madrid wurden in Vergangenheit eher die Magier bejubelt, er gehört also zu den Ausnahmen."

Kroos, der Rekordjäger

Im Sommer holte Kroos mit Real seinen dritten Champions-League-Titel in Folge, nachdem er diese Trophäe bereits mit dem FC Bayern München (2013) gewinnen konnte. Vier Titel in der Königsklasse - das ist vor ihm noch keinem deutschen Fußballspieler gelungen. Löw gewährte seinem Rekordmann daher ein paar Tage Sonderurlaub. Kroos stieß erst nach einer Woche zur Mannschaft in Südtirol, wo der Weltmeister die Vorbereitung absolvierte.

"Der Toni ist ein Spieler, dem hätten wir bis zum ersten WM-Spiel freigeben können", sagte Torwart-Trainer Andreas Köpke im Trainingslager und ergänzte, dass Kroos keine lange Eingewöhnungsphase brauche. Für den 28-Jährigen, der die freie Zeit bei seiner Familie verbracht hatte, waren aber genau diese Tage immens wichtig, um sich für eine erneute Titeljagd zu motivieren. "Es braucht dann meist ein paar Tage, das war jetzt auch nach Champions-League-Sieg so", erklärt Kroos. "Aber eine WM zu spielen ist nicht die schlechteste Motivation. Da kam der Hunger schnell wieder. Ich freue mich mittlerweile wieder auf Fußball."

Familie und Privatleben sind wichtige Punkte in Kroos' Leben. Vor wenigen Tagen bedankte er sich öffentlich bei seiner Frau Jessica, mit der er seit Juni 2015 verheiratet ist. "Fast drei Jahre ist es her und es fühlt sich immer noch so an als wäre es gestern gewesen."

Kroos zählt ohne Frage zu den wichtigsten Säulen im DFB-Team. Mit seinen Pässen setzt er seine Mitspieler perfekt in Szene, er dirigiert das Spiel aus dem Mittelfeld heraus. Mal mehr in der Offensive, mal von einer defensiveren Position heraus. "Ich bin eher so ein Mittelding", erklärt Kroos auf der Pressekonferenz im DFB-Quartier in Watutinki. Seine Vorliebe liege aber klar im vorderen Teil des Spielfeldes. "Ob etwas defensiver am eigenen oder offensiver am fremden Strafraum, wenn Kroos einen guten Tag erwischt, spielt Madrid auch automatisch gut", sagt Kern.

Das gilt auch für die Nationalmannschaft, denn unter der Regie des Mittelfeldmannes holte das Team von Joachim Löw vor vier Jahren den WM-Titel in Brasilien. Verteidigt die Nationalmannschaft in Russland den WM-Pokal, wäre Kroos einer von neun deutschen Spielern, die zwei Weltmeister-Titel auf ihrer Visitenkarte stehen hätten. "Er wird irgendwann mit 32 bis 34 Jahren früh zurücktreten und kann dann sagen, er habe alles erreicht", sagt Kern und betont noch einmal: "Er ist immer für einen Spruch gut. Auch wenn die Mannschaft trainiert, merkt man, dass er zwar nicht der lauteste und kommunikativste ist, aber wenn er mal etwas sagt, hören alle zu. Kurz: Er ist einfach eine coole Socke!"