Ticktacktick: Zögernd Zeitumstellung zurücknehmen | Europa | DW | 30.08.2019
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Zeitansage

Ticktacktick: Zögernd Zeitumstellung zurücknehmen

Kinder, wie schnell die Zeit vergeht! Das sagen wir, wenn uns der Nachwuchs über den Kopf wächst. Umgekehrt gilt für ungelöste Fragen menschlichen Miteinanders - wie die Abschaffung der Zeitumstellung: Das dauert!

Die Kühe sind schuld. Oder doch der jetzt scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker? Zu den wirklich wichtigen Problemen der Europäischen Union hat sich vor einem Jahr ein weiteres Problem gesellt, eines, das Behördenchef Juncker alsbald zur Chefsache erklärte. "Die Menschen wollen das, wir machen das", sagte Juncker im Spätsommer 2018. Der fröhliche Luxemburger hatte damit zwar eigentlich die Lösung eines Problems gemeint, aber 365 Tage später ist aus der Lösung des Problems, hoppla, ein neues Problem geworden: Wie schaffen wir die Zeitumstellung ab?

Fünf Minuten früher melken! Und morgen wieder fünf Minuten früher!

Vor genau einem Jahr nämlich, am 31. August 2018, gab die EU-Kommission die Ergebnisse einer öffentlichen Befragung bekannt, wonach die überwiegende Zahl der Menschen das Sommerzeit-Ritual ablehnten: die Uhren am letzten Sonntag im Monat März eine Stunde vorzustellen und am letzten Sonntag im Oktober wieder ein Stunde zurück. Das solle abgeschafft werden. 

Symbolbild Zeitumstellung, Jean-Claude Juncker, EU (picture-alliance/dpa/V. Mayo)

Zeit für ein Ende der Zeitumstellung: der scheidende Kommissionschef Juncker

Womit wir bei den Kühen wären. Von Landwirten war oft zu hören, dass sich deren Milchkühe nun gar nicht an eine neue Zeit gewöhnen könnten. Das Fachorgan "Agrarheute" berichtete erst im diesem Jahr über einen Bauern namens Reinhold Meyer, der gemeinsam mit seiner Frau schon zwei Wochen vor der jeweiligen Umstellung damit begönne, seine 60 Tiere im Fünf-Minuten-Takt früher zu melken. Jeden Tag also fünf Minuten früher. Wenn der Zeiger der Uhr dann nach vorne gedreht werde, "sind unsere Tiere schon im Rhythmus. Und wir auch."

Die meisten Stimmen aus Deutschland

Doch was sind schon die Probleme der Kühe, wenn wir uns auch um die Nöte der Menschen und etwaige Gesundheitsfolgen Gedanken machen können? Kommissionspräsident Juncker hatte natürlich mitbekommen, dass sich so ein Thema wie die Zeitumstellung für Gespräche an Stamm- und Küchentischen eignet. Juncker legte dann jene öffentliche Befragung auf, online übrigens, wie es sich in diesen Zeiten gehört. 4,6 Millionen Menschen machten mit, sprachen sich überwiegend für ein Ende des Hin und Hers um die Uhrzeit aus. Und Junckers Mitarbeiter schritten zur Tat. Wenige Tage später gab es ein vierseitiges, offizielles Papier mit der vielversprechenden Überschrift: "Directive of the European Parliament and of the Council discontinuing seasonal changes of time and repealing Directive 2000/84/EC".

So sollte also eine neue Direktive eine alte Direktive aus dem Jahr 2000 ablösen, inzwischen hatte auch das Europaparlament für die Abschaffung der Sommerzeit - und zwar im Jahr 2021 - gestimmt. Dass sich an der Online-Befragung nicht einmal ein Prozent der EU-Bürger beteiligt hatten und drei der 4,6 Millionen Teilnehmer aus Deutschland stammten, hinderte Juncker nicht. "Die Menschen wollen das, wir machen das."

Nun ist ja immer Vorsicht geboten, wenn Politiker mit Absolutheit "die Menschen" sagen. Denn es gibt natürlich auch die anderen Menschen, die vielleicht das Gegenteil oder überhaupt nichts wollen. Manche beklagten, sie hätten an der Umfrage nicht teilnehmen können, andere fragten: "Haben wir wirklich keine anderen Probleme?"

Symbolbild Zeitumstellung (picture-alliance/dpa/J. Barlow)

Ausstellung in Edinburgh: Diese Uhren sollen die unterschiedlichen Zeiten auf den Planeten des Sonnensystems anzeigen

Doch, haben wir! Die EU zum Beispiel rang auf diversen Gipfeltreffen entweder über die sogenannte Flüchtlingskrise oder über den Austrittswunsch Großbritanniens aus der Gemeinschaft, schwerwiegende, an den Grundfesten der EU rüttelnde Fragen, die eine Sache wie die Sommerzeit in den Hintergrund drängten. Und so kommt es, dass die Sache bislang nicht vorangekommen ist.

Wie tickt Ursula von der Leyen? 

Dies hat seine Ursachen allerdings auch im Vorschlag, den die Kommission gemacht hat. Danach sollen die Staaten künftig selbst wählen, ob sie denn dauerhaft Sommer- oder Winterzeit wollen. Dazu muss man wissen, dass es derzeit eine große Zeitzone von Polen bis Spanien gibt, zu der Deutschland und 16 weitere EU-Länder gehören. Einige Staaten - etwa Griechenland - sind eine Stunde voraus, andere - zum Beispiel Portugal - eine Stunde zurück. Eine Lösung, die Europa am Ende wie einen "Flickenteppich" wirken lässt, will die EU-Kommission aber vermeiden.

Da bleibt nur abzuwarten, wie die neue Kommissionschefin Ursula von der Leyen das Thema behandelt. Grundsätzlich gilt: Das könnte dauern. Ticktacktick. 

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