Theresa May trotzt ihren Kritikern | Europa | DW | 07.01.2018
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Großbritannien und der Brexit

Theresa May trotzt ihren Kritikern

Die Zustimmung zum Brexit nimmt ab und prominente britische Politiker bringen ein zweites Referendum ins Spiel. Doch Premierministerin Theresa May sitzt sicher im Sattel. Samira Shackle berichtet aus London.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: Kurz nach dem Brexit galt Theresa May als unbesiegbar. Im Rennen um die Nachfolge des zurückgetretenen Premierministers David Cameron setzte sich die Abgeordnete aus dem Wahlkreis Maidenhead und langjährige Innenministerin gegen die politischen Schwergewichte ihrer Partei durch. Ihre Sympathiewerte waren beispiellos - höher als die der ehemaligen Regierungschefs Tony Blair und Margret Thatcher zu ihren besten Zeiten. Außerdem hatte May die Unterstützung der konservativen britischen Presse.

Dann kam der 8. Juni 2017: Die Briten waren aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen - Theresa May wollte ihre Macht durch einen Wahlsieg untermauern. Doch schon während des Wahlkampfes kam die amtierende Premierministerin ungeschickt rüber, ihre Auftritte wirkten roboterhaft, manchmal gar peinlich. Die Kampagne um Mays Persönlichkeit herum aufzubauen, erwies sich als Schlag ins Wasser. Labour-Chef Jeremy Corbyn dagegen trumpfte auf. Am Ende verweigerten die Wähler May das erhoffte starke Brexit-Mandat. Die Konservativen verloren die absolute Mehrheit und müssen sich seitdem mit einer Minderheitsregierung durch stürmische Zeiten segeln.

Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs | Theresa May (Reuters/Y. Herman)

Problem Brexit: Welche Strategie verfolgt Theresa May für den EU-Austritt?

"Für Theresa May ist die große Lektion aus dem vergangenen Jahr, dass es eine enorme Kluft zwischen Westminster und dem Rest des Landes gibt", analysiert Sophie Gaston, geschäftsführende Direktorin des Thinktanks Demos im DW-Interview. "Während die Medien und die politischen Klassen hysterisch davor warnten, die Wahl könne die Macht der Konservativen konsolidieren, waren die Wähler einfach nur müde und sauer darüber, zum dritten Mal in drei Jahren an die Wahlurnen geschickt zu werden. Sie haben ihrer Frustration darüber freien Lauf gelassen."

In den vergangenen Monaten gab es in den britischen Medien immer wieder Spekulationen über einen Sturz der Premierministerin. Die Zustimmung zu ihrer Person ist stark gesunken, nur ein Drittel der Öffentlichkeit ist mit ihrer Leistung zufrieden. Der frühere Schatzkanzler George Osborne, der mittlerweile Chefredakteur des "Evening Standard" ist, beschrieb seine Parteifreundin als "wandelnde Tote". Doch trotz aller Abgesänge: Theresa May hat bis heute politisch überlebt. Warum?

Gespaltene Tories

Vor den Parlamentswahlen im Juni stand die Spaltung der Labour Party unter ihrem Chef Jeremy Corbyn im politischen Fokus. Doch jetzt liegt die Aufmerksamkeit auf den Konservativen. Seit Jahrzehnten streitet die Partei über ihre Haltung zur Europäischen Union - durch die Brexit-Verhandlungen brechen die Spannungen neu auf. "Mays wahre Fähigkeit bestand darin, eine tief gespaltene Partei lange genug zusammenzuhalten, um in der Regierung zu bleiben", analysiert Tom Follett, Projektmanager beim Thinktank ResPublica.

Nach monatelangen politischen Peinlichkeiten und stockenden Gesprächen mit der EU verkündete May im Dezember, die erste Phase der Brexit-Verhandlungen sei abgeschlossen. Jetzt soll das Verhältnis zu Brüssel nach dem Brexit geklärt werden. Dieser Fortschritt, nach über einem Jahr Verzögerung, hat Mays Position gefestigt - zumindest für den Moment. "Ich bin kein Fan von May und denke, es grenzt an gefährlichen Wahnsinn, dass sie so auf die Pauke haut. Aber wahrscheinlich ist es wirklich nur die Rhetorik, denn inhaltlich klingen die Brexit-Vereinbarungen vernünftig", so die in London lebende Brexit-Gegnerin Jenny Thomas zur DW. "Ich habe lieber May auf diesem Posten als einen der anderen Burschen aus ihrer Partei."

Wachsfiguren von Theresa May und Boris Johnson (picture-alliance/dpa/PA Wire/J. Stillwell)

Außenminister und politischer Rivale: Boris Johnson hat lange vor May für den Brexit geworben

Auch innerhalb der Konservativen ist es May gelungen, Spaltungen zu überbrücken. "Trotz regelmäßiger Unzufriedenheit bleibt sie die einzige Figur, mit der sowohl die harten als auch die weichen Brexit-Fraktionen leben können. Jede Seite fürchtet einen ausgewachsenen Tory-Bürgerkrieg, den sie verlieren könnte", so Politikwissenschaftler Follett. "May hat den Showdown verzögert, in dem sie sich auf keine der beiden Seiten geschlagen hat. Aus diesem Grund hat sich noch kein Königinnenmörder gefunden. Ob das immer weitere Verzögern des endgültigen Brexit-Kompromisses allerdings für das Land gut ist, ist eine andere Frage."

Öffentliche Sympathie

Ein weiterer Faktor für Theresa Mays politische Überlebenskunst ist zweifellos auch die öffentliche Erschöpfung. Nach drei Jahren des politischen Umbruchs gibt es in der Bevölkerung wenig Lust auf einen neuen Urnengang. Und Mays ständige Kämpfe gegen eine feindlich gesinnte Presse und eine kritische Partei haben möglicherweise ihr Ansehen beim Volk verbessert.

"Ich denke, dass die Geschichten über die Eiserne Lady nach Mays Amtsantritt übertrieben waren. Aber genauso übertrieben ist es, die Premierministerin nun als totale Katastrophe abzuqualifizieren", so Kevin Lewis, ein konservativer Wähler aus der Grafschaft Surrey. "Schließlich ist es eine unglaublich schwierige Aufgabe, die niemand sonst wirklich machen möchte. Und sie hält durch. Ein Klischee über Engländer besagt, dass wir unbeholfen und zurückhaltend sind, also fühlt es sich unfair an, May genau deswegen anzuprangern."

Jüngste Studien zeigen denn auch, dass die Bevölkerung eine gewisse Sympathie für die Arbeit der Regierungschefin hegt. "Erhebungen, die ich in ganz England gemacht habe, belegen eine durchaus robuste Unterstützung für ihren Führungsstil", bilanziert Sophie Gaston vom Thinktank Demos. "Außerdem ist die Lust auf Veränderungen in Zeiten der Ungewissheit rund um den Brexit praktisch gleich Null."

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