″The Hill we Climb″ von Amanda Gorman erscheint auf Deutsch | Kultur | DW | 30.03.2021
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Literatur-Debatte

"The Hill we Climb" von Amanda Gorman erscheint auf Deutsch

Wer darf was übersetzen? Das Gedicht der US-amerikanischen Dichterin Amanda Gorman hat für Kontroversen gesorgt. Nun liegt es auf Deutsch vor.

USA Washington | Inauguration Joe Biden, 46. Präsident | Amanda Gorman, Dichterin

Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden

Bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden am 20. Januar stahl diese junge Dichterin allen die Show: Die damals 22-jährige Amanda Gormanwurde mit ihrem Gedicht "The Hill We Climb" über Nacht zum weltweiten Phänomen. Nun wurde es übersetzt - auch ins Deutsche. Der Verlag Hoffman und Campe veröffentlicht das Gedicht am 30. März 2021 in einer zweisprachigen Ausgabe mit dem Titel "The Hill We Climb - Den Hügel hinauf". In einem Interview mit dem "Spiegelerklärt Verleger Tim Jung, dass es eine große Verantwortung sei, ein Gedicht zu übersetzen, das von solcher "Kraft und Schönheit" sei und weltweit so kraftvoll gewirkt hat. 

"Sie ist eine Aktivistin, die sich gegen Rassismus einsetzt, die für Diversität in der Gesellschaft kämpft. Daraus entstand bei uns im Verlag die Idee, einen ungewöhnlichen Weg zu beschreiten und drei Personen mit unterschiedlichen Expertisen und Erfahrungen als Übersetzerteam zu beauftragen", erklärt Jung. 

Kontroverse um Übersetzungsauftrag

In den Niederlanden und in Spanien entstanden hitzige Kontroversen um die Auswahl der geeigneten Übersetzerinnen oder Übersetzer. 

Anfang März trat Marieke Lucas Rijneveld, selbst nicht schwarz, von der Aufgabe zurück,das Gedicht ins Niederländische zu übertragen, nachdem Kritik laut wurde, dass eine nicht-schwarze Person mit dieser Aufgabe betraut worden war. "Ich bin schockiert von dem Aufruhr, der sich um meine Beteiligung an der Verbreitung von Amanda Gormans Gedicht entwickelt hat", schrieb Rijneveld auf Twitter. "Ich verstehe die Menschen, die davon verletzt sind, dass der Meulenhoff-Verlag mich gefragt hat." Rijneveld ist schreibt ebenfalls Gedichte. Ähnlich wie Gorman, die mit 22 Jahren die jüngste Dichterin der US-Geschichte war, die an einer Amtseinführung teilnahm, war Rijneveld die jüngste Person, die den International Booker Prize gewann, und zwar mit dem Roman "Was man sät" (Suhrkamp) im Jahr 2020. 

Eine Kritikerin, die Rijneveld zum Rücktritt aufforderte, war Janice Deul, eine Aktivistin und Journalistin, die sich in einem Kommentar der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant dazu äußerte: "Nichts gegen die Qualität von Rijnevelds Arbeit, aber warum nicht eine Autorin aussuchen, die - genau wie Gorman - eine Spoken Word-Dichterin ist, jung, weiblich und schwarz, ganz ohne sich dafür zu entschuldigen." 

"Ist es nicht - im besten Fall - eine vertane Chance, wenn man Marieke Lucas Rijneveld für diese Übersetzung anheuert? Sie ist weiß, non-binär, hat keine Erfahrung auf diesem Feld, aber ist laut Meulenhoff trotzdem 'die Traumübersetzerin'", schrieb Deul. Sie fügte auch einige Vorschläge hinzu für Übersetzerinnen, die sie für besser geeignet hielt. Die Generaldirektorin des Verlags, Maaike le Noble, sagte in einer Erklärung, dass der Verlag nun "nach einem Team sucht, das zusammenarbeitet, um Amandas Worte und ihre Botschaft der Hoffnung und Inspiration so gut wie möglich und in ihrem Sinne zu übersetzen."  

Katalanischer Übersetzer nicht der Richtige?

Mitte März wurde der katalanische Übersetzer Victor Orbiols von seinen Auftraggebern mit der Begründung abgezogen, er habe nicht das richtige "Profil" für diese Tätigkeit, wie die Nachrichtenagentur AFP am 10. März schrieb.  "Sie haben meine Fähigkeiten nicht in Frage gestellt, aber sie suchten nach einem anderen Profil, das eine Frau, jung, Aktivistin und vorzugsweise schwarz sein sollte", sagte er der französischen Nachrichtenagentur. Nachdem Orbiols bereits die Übersetzung ins Katalanische abgeschlossen hatte, erhielt sein Verleger eine Nachricht aus den USA - es ist unklar, ob von Gormans Agenten oder dem ursprünglichen Verlag -, dass er nicht die richtige Person für den Job sei.  

"Es ist ein kompliziertes Thema, das man nicht leichtfertig behandeln kann", sagte der Übersetzer gegenüber AFP.  "Aber wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine Frau ist, jung, schwarz, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich auch Homer nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des achten Jahrhunderts vor Christus bin. Oder ich kann Shakespeare nicht übersetzen, weil ich kein Engländer des 16. Jahrhunderts bin."  

Trio übersetzt das Gedicht ins Deutsche  

Niederländisch und Katalanisch sind nicht die einzigen Sprachen, in die das Gedicht von Gorman übersetzt werden soll. Eine französische Version wird im Mai erscheinen, übersetzt von dem aufstrebenden belgisch-kongolesischen Musikstar Marie-Pierra Kakoma, der unter dem Künstlernamen "Lous and the Yakuza” auftritt. In Deutschland wurde ein Übersetzerinnentrio ausgewählt, lange bevor es in anderen Ländern zu Kontroversen kam. Zu dem dreiköpfigen Team gehört auch die 33-jährige Aktivistin und Autorin Kübra Gümüşay, die sich in ihrem Bestseller "Sprache und Sein" mit einem voraussetzungsfreien Sprechen und einer respektvollen Kommunikation auseinandersetzt. Gemeinsam arbeitet sie mit der Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin Hadija Haruna-Oelker, die sich unter anderem mit Migration und Rassismus beschäftigt. Komplettiert wird das Trio von der Lyrik-Übersetzerin Uda Strätling, die bereits Werke des nigerianisch-amerikanischen Autors Teju Cole und der Lyrikerin und Dramatikerin Claudia Rankine ins Deutsche übertragen hat. Jung sagte dem Spiegel, das Übersetzungstrio habe das Gedicht nicht in drei Teile zerlegt, sondern "die drei haben ein Team gebildet und gemeinsam eine Übersetzung erstellt, in die unterschiedliche Expertisen und Erfahrungen eingeflossen sind und die ich im Ergebnis für brillant halte."

Berichtigung zum Artikel vom 04. März 2021: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlich behauptet, dass der deutsche Verlag Hoffmann und Campe drei Frauen ausgewählt hat, um eine ähnliche Kontroverse wie in den Niederlanden zu vermeiden. Der deutsche Verlag hatte seine Übersetzerinnen bereits vor der Debatte in den Niederlanden ausgewählt. Dieser Fehler wurde korrigiert.  

Adaption ins Deutsche: Christine Lehnen/Sabine Oelze

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