Terror trifft Wirtschaft nur kurzfristig | Wirtschaft | DW | 16.11.2015
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Wirtschaft

Terror trifft Wirtschaft nur kurzfristig

Die Anschläge erhöhen die Unsicherheit. Mögliche Folgen: Mehr Grenzkontrollen, weniger Konsum, weniger Tourismus und damit weniger Wachstum. Ökonomen fürchten aber keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Die Terroranschläge von Paris werden sich Banken-Ökonomen zufolge nicht nachhaltig auf die Wirtschaft in Frankreich und anderen westlichen Ländern auswirken. "Die Erfahrung zeigt, dass solche Terrorakte die konjunkturelle Entwicklung in den westlichen Volkswirtschaften nicht aus der Spur bringen", sagte Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, am Montag.

Unmittelbar nach den Anschlägen in London 2005 sei der private Konsum im Sommer genauso kräftig gestiegen wie im Schnitt der vier Vorquartale. Ähnlich sei dies auch nach dem Anschlag 2004 in der spanischen Hauptstadt Madrid gewesen.

Nur kurzfristige Effekte in Frankreich?

Kurzfristig dürfe die Verunsicherung in Frankreich groß sein und den Konsum belasten. "Den Terroristen ist es auch mit den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 in New York nicht gelungen, die Wirtschaft der USA nachhaltig zu treffen", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer im Gespräch mit DW. Im Monat des Anschlags sei der Umsatz im Einzelhandel gesunken, danach aber gleich wieder gestiegen. "Ich glaube nicht, dass der Welthandel diesmal leiden wird - selbst wenn nun die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden dürften", sagte Krämer.

"Die Wirtschaftsleistung von Großbritannien, Spanien und Frankreich ist in der Vergangenheit durch terroristische Grausamkeiten relativ wenig beeinflusst worden", sagte Howard Archer, Ökonom beim IHS Global Insight gegenüber dem Handelsblatt. Für Frankreich dürfte der kritischste Faktor die Reise- und Hotelbranche sein. Sie steht für 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes.

Unter Umständen höheres Haushaltsdefizit

Die Antwort des französischen Staates auf die Terroranschläge werde wohl in zusätzlichen Ausgaben für die Polizei und das Militär bestehen, schrieb Volkswirt Holger Schmieding von der Privatbank Berenberg. Kurzfristig jedoch dürfte sich dies wohl kaum auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auswirken. Derweil könnte die Notwendigkeit, auf diese ernste Herausforderung zu reagieren, zu einem etwas höheren Haushaltsdefizit führen.

Auch Volkswirt Malcolm Barr von der US-Bank JPMorgan sieht keine großen wirtschaftlichen Auswirkungen, falls die Anschläge nicht der Auftakt zu einer ganzen Terrorserie seien. Umsatzrückgänge im Einzelhandel, im Tourismus oder in der Reisebranche könnten zumindest teilweise durch steigende Ausgaben in anderen Bereichen ausgeglichen werden.

Leichte Reaktion an weltweiten Börsen

Frankreich Terror Tatort Le Carillon Restaurant

Einer der Terror-Tatorte in Paris: das Restaurant Le Carillon

Am Montag haben Luftfahrt- und Hotelaktien europaweit das Nachsehen. "Anleger fürchten, dass die Attentate Auswirkungen auf den Tourismus haben und die Leute weniger reisen werden", sagte ein Händler. An der französischen Börse rutschten die Titel des größten europäischen Hotelbetreibers Accor und der Fluggesellschaft Air France-KLM um 6,2 und 4,2 Prozent ab. Die British-Airways-Mutter IAG und InterContinental Hotels gaben jeweils 2,5 Prozent nach. Die Aktien der Betreibergesellschaft des Eurotunnels verloren knapp vier Prozent. Im Dax bildeten die Lufthansa-Aktien mit einem Abschlag von 2,9 Prozent das Schlusslicht.

Insgesamt sorgten die Pariser Anschläge zum Handelsstart an den Börsen für Verunsicherung. Der deutsche Aktienindex Dax verlor zum Handelsauftakt zunächst 0,8 Prozent auf 10.621 Zähler, legte im weiteren Verlauf dann aber wieder zu und beendet den Tag mit 0,05Prozent im Plus. Der französische Leitindex CAC gab ebenfalls zunächst rund ein Prozent nach und pendelte sich dann aber bei einem knappen Minus ein. Der Londoner FTSE 100 ging fast ein halbes Prozent fester aus dem Handel. Der New Yorker Leitindex Dow Jones Industrial notierte zum europäischen Börsenschluss knapp im Plus.

Zuvor hatten bereits mehrere Finanzmärkte in Asien niedriger geschlossen. Der Nikkei-Index in Tokio lag zum Handelsschluss 1,04 Prozent im Minus - beeinflusst auch von schlechten Zahlen zum japanischen Wirtschaftswachstum. Der Hang-Seng-Index in Hongkong verlor 1,72 Prozent. Dagegen konnte der Leitindex in Shanghai zwischenzeitliche Verluste wieder aufholen und schloss 0,73 Prozent im Plus. Auch der zweitwichtigste chinesische Index an der Börse von Shenzhen schloss höher, und zwar um 2,06 Prozent.

Deutsche Industrie noch unter Schock

Die deutsche Industrie will sich nach den verheerenden Anschlägen noch nicht zu möglichen wirtschaftlichen Folgen äußern. "Der Schock sitzt tief, das Entsetzen ist groß", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo. "Angesichts dieser entsetzlichen Ereignisse ist für mich noch nicht der Zeitpunkt gekommen, die wirtschaftlichen Folgen zu thematisieren."

iw/hb (rtrs, Handelsblatt)

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