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Billiganbieter Temu und Shein erobern Europa - was tun?

10. November 2025

Fast Fashion und andere Billigwaren aus China strömen weiterhin nach Europa. Für die Behörden ist dies ein logistisches und regulatorisches Problem, und die EU hat Mühe, die überwältigende Flut einzudämmen.

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Mehrere Temu-Pakete werden in einem Treppenhaus gestapelt
Innerhalb der EU konzentrieren sich Temu und Shein auf ihre wichtigsten Märkte Frankreich, Deutschland, Polen, Italien und Spanien.Bild: Michael Bihlmayer/Bihlmayerfotografie/IMAGO

Als der chinesische Online-Fast-Fashion-Händler Shein Anfang November seine erste Boutique eröffnete, gab es neben einem riesigen Kundenandrang auch Proteste. Der stationäre Laden im Kaufhaus BHV Marais im Zentrum von Paris trifft einen Nerv, und das nicht nur, weil er sich in der Heimat der Haute Couture befindet. Es ist eine Hassliebe gegenüber einem Unternehmen, wie sie auch in vielen anderen Bereichen zu beobachten ist.

Ultragünstig und zollfrei

Shein, das oft in dieselbe Kategorie wie die Online-Plattform Temu eingeordnet wird, über die Hersteller weit mehr als nur Mode direkt an Verbraucher verkaufen können, wurde wegen Fälschungen, aggressivem Marketing, schlechten Arbeitsbedingungen und unsicheren Produkten kritisiert. Trotzdem freuen sich viele Kunden über mehr Einkaufsmöglichkeiten und die günstigen Preise. Obwohl die beiden Unternehmen unterschiedlich sind und unterschiedliche Geschäftsmodelle haben, ist das Ergebnis oft dasselbe: eine Flut billiger chinesischer Waren und die dazugehörigen Verpackungen.

Shein und Temu: Frankreich gegen Fast Fashion

Neben dem extrem günstigen Preis spielt den Unternehmen auch die Befreiung von Einfuhrzöllen für Pakete mit einem Wert von unter 150 Euro (174 Dollar) durch die Europäische Union in die Hände. Die USA hatten eine ähnliche Lücke für Pakete mit einem Wert von unter 800 Dollar (691 Euro), haben jedoch ihre Vorschriften geändert, was zu einem Rückgang der Sendungen geführt hat. Die EU befindet sich in der Endphase der Verabschiedung einer ähnlichen Regelung, um ihre eigene Lücke für Waren mit geringem Wert zu schließen, die jedoch möglicherweise erst 2028 in Kraft treten wird.

In der ersten Hälfte des Jahres 2025 hatte Temu nach eigenen Angaben durchschnittlich 115 Millionen aktive Nutzer pro Monat in der EU und Shein 145 Millionen. Für beide Plattformen ist dies ein Anstieg von rund zwölf Prozent gegenüber den vorangegangenen sechs Monaten.

Millionen von Paketen aus China

Eine der größten Sorgen im Zusammenhang mit diesen chinesischen E-Commerce-Plattformen ist die Nachhaltigkeit. Ein Großteil der auf ihren Plattformen gekauften Waren wird direkt von Herstellern in China an Verbraucher auf der ganzen Welt verschickt. Diese einzeln verpackten Waren werden für eine schnelle Lieferung eingeflogen, überfordern die Zollbehörden und können oft nicht zurückgeschickt werden. Umweltverbände sind besorgt über den durch billige Fast Fashion verursachten Kleidermüll, den Plastik- und Kartonverpackungsmüll sowie die Emissionen all dieser Flüge, mit denen die Waren um die Welt transportiert werden. Und die Zahlen sind in der Tat enorm.

Demonstranten halten bei ihrem Protest Plakate gegen die Eröffnung des ersten Shein-Stores im Pariser Kaufhaus BHV in ihren Händen
Proteste vor der neu eröffneten Shein-Boutique in ParisBild: Firas Abdullah/Anadolu Agency/IMAGO

Im Jahr 2024 wurden laut einem im Februar veröffentlichten Bericht der EU-Kommission rund 4,6 Milliarden Artikel von geringem Wert in die EU importiert. Das ist doppelt so viel wie 2023 und mehr als dreimal so viel wie 2022. Von diesen zwölf Millionen Paketen pro Tag stammen 91 Prozent aus China. Nicht alle diese Pakete kommen von Temu oder Shein, aber zusammen haben sie einen großen Anteil am Gesamtvolumen. "Europa wird von einer Flut kleiner Pakete aus China überschwemmt, und das wird auch so bleiben", sagte Agustin Reyna, Generaldirektor der Europäischen Verbraucherorganisation (BEUC) mit Sitz in Brüssel, gegenüber der DW.

Verbraucherschutz in der EU

Neben Fragen der Nachhaltigkeit haben Verbraucherschutzorganisationen und die Europäische Kommission wiederholt vor unsicheren Produkten gewarnt, die nicht den EU-Normen entsprechen.

Neue Testergebnisse, die am 30. Oktober von der Stiftung Warentest, einer unabhängigen Organisation mit Sitz in Berlin, die sich auf Produkttests spezialisiert hat, veröffentlicht wurden, bestätigen, was viele befürchten.

Die Tests, die gemeinsam mit Gruppen aus Belgien und Dänemark durchgeführt wurden, ergaben dramatische Ergebnisse. Gemeinsam untersuchten sie Halsketten, USB-Ladegeräte und Babyspielzeug.

Von den 162 Artikeln, die von Herstellern gekauft wurden, die über Temu und Shein verkaufen, entsprachen 110 nicht den EU-Normen, und etwa ein Viertel war potenziell gefährlich. Einige der Artikel wiesen einen hohen Gehalt an Formaldehyd oder Schwermetallen wie Cadmium auf. Einige der USB-Ladegeräte wurden einfach zu heiß.

Die Europäische Verbraucherorganisation ist der Ansicht, dass die Missachtung von Sicherheitsvorschriften zu unlauterem Wettbewerb führt, da einige Unternehmen Produkte verkaufen, die nicht den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen, während lokale Unternehmen solche Vorschriften einhalten müssen.

Die EU-Behörden bleiben nicht untätig

Im Mai hat die EU-Kommission Shein wegen Praktiken auf seiner Plattform, die gegen das EU-Verbraucherrecht verstoßen, abgemahnt. Zu den Beschwerden zählen gefälschte Rabatte, Druck auf Verbraucher, Käufe abzuschließen, irreführende Informationen über die gesetzlichen Rechte der Verbraucher, täuschende Produktkennzeichnungen und irreführende Nachhaltigkeitsangaben. Im Juli stellte die Kommission vorläufig fest, dass Temu gegen seine Verpflichtungen aus dem Gesetz über digitale Dienste verstößt, indem es nicht genug unternimmt, um den Verkauf illegaler Produkte zu unterbinden. Weitere Untersuchungen sind im Gange und könnten zu einer hohen Geldstrafe führen.

Auch EU-Länder bleiben nicht untätig

Im Oktober leitete die deutsche Kartellbehörde ein Verfahren gegen Temu ein. Sie will prüfen, ob die Plattform möglicherweise die Preisgestaltung auf ihrem deutschen Online-Marktplatz beeinflusst, einschließlich der Festlegung der endgültigen Verkaufspreise. Im August wurde Shein von der italienischen Wettbewerbsbehörde wegen irreführender Umweltaussagen mit einer Geldstrafe von einer Million Euro belegt.

in Plastik verpackte Online-Bestellungen von Shein
Mit viel Plastik verpackt - direkt zollfrei vom Hersteller aus China zum Kunden nach Deutschland Bild: Thorsten Wagner/onemorepicture/IMAGO

Im Juli wurde Shein von der französischen Wettbewerbsbehörde wegen irreführender Rabatte und Umweltaussagen mit einer Geldstrafe von 40 Millionen Euro belegt. Damit belaufen sich die französischen Geldstrafen für das Unternehmen in diesem Jahr auf insgesamt 191 Millionen Euro. Frankreich ist noch einen Schritt weiter gegangen und arbeitet an neuen Vorschriften für Fast-Fashion-Unternehmen wie Temu und Shein. Wenn diese verabschiedet werden, würden ihre Anzeigen in Frankreich verboten, sie müssten über die Umweltauswirkungen ihrer Waren berichten und für jedes gekaufte Kleidungsstück würde eine Abgabe von bis zu zehn Euro erhoben. Hohe Geldstrafen und strengere Vorschriften könnten die chinesischen E-Commerce-Giganten zwar bremsen, aber nicht aufhalten.

"Europa muss sich zusammenraufen und Temu und Shein zur Verantwortung ziehen", sagte Agustin Reyna. "Wir brauchen klare Zuständigkeiten und abschreckende Konsequenzen, wenn die von ihnen verkauften Produkte gegen unsere Vorschriften verstoßen." Um dies zu erreichen, braucht die EU eine ehrgeizige Zollreform und Marktüberwachung. Wenn die EU jedoch bis 2028 zollfreie Einfuhren von Paketen im Wert von unter 150 Euro zulässt, werden Unternehmen weiterhin diese Lücke ausnutzen und europäische Kunden werden wahrscheinlich weiter dort einkaufen.

Temu, Shein und Co.: Plagiate aus China überfluten die EU 

Der Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert

 

Timothy Rooks, Deutsche Welle
Timothy Rooks ist Reporter und Redakteur in Berlin.