Technotempel in Berlin: Nach dem Hype der Ausverkauf? | Kultur | DW | 28.06.2019
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Clubkultur

Technotempel in Berlin: Nach dem Hype der Ausverkauf?

Berlin gilt als Mekka des freien und unangepassten Techno. Doch wie lange noch? Großinvestoren, Gentrifizierung und Technotouristen setzen den Clubs heftig zu. Die Politik ist scheinbar machtlos.

Wie passt das zusammen? Alle Welt schwärmt von Berlin als der Welthauptstadt des Techno. Jedes Wochenende strömen Tausende von Techno-Fans aus aller Herren Länder in die Berliner Clubs. Die Stimmung bei den Partys überschreitet regelmäßig den Siedepunkt. Und doch ist dieses einzigartige Biotop bedroht wie nie zuvor.

Platzt die Techno-Blase?

Zu jenen, die ihre warnende Stimme erheben, zählt einer der weltweit profiliertesten DJs und Techno-Produzenten: Zak Khutoretsky, besser bekannt unter seinem Künstlername DVS1. Khutoretsky ist Amerikaner mit russischen Wurzeln und einem Zweitwohnsitz in Berlin, wo er regelmäßig im Berghain auflegt, dem immer noch angesagtesten Techno-Club in Berlin. Das Wort von DVS1 hat Gewicht in der internationalen Szene, manche verehren ihn gar als "Weltgewissen" des Techno.

Portraitfoto DVS1 Techno DJ (DVS1)

Techno-DJ DVS1

DVS1 sieht die Berliner Techno Community in einem Überlebenskampf: "An einem bestimmten Punkt wird die Blase platzen", sagt er. "Entweder findet man eine Lösung oder das Ganze geht den Bach herunter." 

Der Todesstoß könnte aus verschiedenen Richtungen kommen: Geht Berlin am Hype zu Grunde, weil die anreisenden Techno-Touristen den Charakter der Clubs zerstören? Oder sind es die internationalen Groß-Investoren, die die Clubs aus ihren angestammten Locations vertreiben? Ist es die Gentrifizierung, mit der unbezahlbare Mieten einhergehen? Oder die Klagen der Anwohner wegen Lärmbelästigung, vor denen die Clubs am Ende kapitulieren müssen?

Clubsterben geht weiter

Von den geschätzt 100 Berliner Techno-Clubs mussten im vergangenen Jahr vier Clubs aufgeben, bestätigt die Clubkommission beim Berliner Senat der Deutschen Welle. Weitere neun Clubs gelten als gefährdet. Darunter auch die Griessmuehle im Süden der Stadt, die David Ciura vor acht Jahren gegründet hat. Der heute 30-Jährige kann auf eine stolze Bilanz verweisen. Angefangen hat alles - typisch für Berlin - mit dem Wunsch einiger Leute, ungestört zu feiern. Das Gelände der Griessmuehle, einer ehemaligen Nudelfabrik, schien ideal. 

Mittlerweile veranstaltet Ciura 150 Partys im Jahr, beschäftigt 70 Mitarbeiter und sein Jahresumsatz, zuletzt 2.1 Mio Euro, geht weiter steil aufwärts. Ciuras Techno Partys, vor allem seine monatliche CockTail d'Amore, treffen den Nerv auch der ganz jungen Technofans.

Bild von einem industriellen Betonbau von aussen, heute der Berliner Technoclub Griessmuehle (Griessmuehle)

Er zählt zu den gefährdeten Clubs in Berlin: die Griessmuehle in Berlin-Neukölln

Doch was kaum einer weiß: Ciura bekommt nie mehr als Halbjahresverträge. Planungssicherheit sieht anders aus. Auch jetzt wurde sein Mietvertrag wieder nur bis Anfang 2020 verlängert. Und das ist kein Einzelfall in Berlin.

Vom Traditionsclub Tresor erzählt man sich zum Beispiel, dass er eine Zeit lang sogar nur Mietverträge über eine Laufzeit von drei Monaten erhielt. "Langfristige Mietverträge kriegt man im inneren Stadtring gar nicht mehr", klagt Ciura und spricht von der andauernden "Angst, rausgeschmissen zu werden". Das könnte passieren, wenn ein Investor für das Gelände der Griessmuehle so viel bieten würde, dass der Besitzer des Areals verkauft.

Porträt von David Cezar Ciura Griessmuehle Club

David Cezar Ciura ist Geschäftsführer der Griessmuehle

Die Technoclubs haben Berlin aus dem Dornröschenschlaf geholt, meint Ciura. "Vor etwa 10 Jahren platzte der Knoten. Und jetzt nach so kurzer Zeit das unterzubuttern, wäre schade." Ginge es nach ihm, müsste die Berliner Landesregierung, der Senat, ein Signal setzen und sich nicht nur für Prestigeprojekte wie den 600 Millionen Euro teuren Wiederaufbau des Stadtschlosses einsetzen.

Doch die Politik habe viel zu spät reagiert, kritisiert Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) seine Vorgänger und gibt sich im Interview mit der DW kämpferisch: "Ich halte es für zwingend, jetzt um jeden Quadratmeter für Kultur, für Freiräume in dieser Stadt zu kämpfen, um jeden Club zu kämpfen." 

Doch er gibt zu, dass die Politik gegen die geballte Macht der Milliardeninvestoren wenig ausrichten könne. Immerhin, beim Schallschutz unterstützt der Senat die Clubs mittlerweile mit Zuschüssen. Doch allein damit wird sich das Clubsterben kaum aufhalten lassen.

Viel steht auf dem Spiel: Noch ist Berlin in der Szene unumstritten. Die Stadt gilt als einzigartig und quicklebendig: nicht nur wegen ihrer legendären Clubs wie Berghain, Tresor oder Watergate, sondern auch wegen der ständigen illegalen Neugründungen.

Techno = Freiheit = Berlin

Der beleuchtete Betonbau des Berghain mit Warteschlange (Foto. Picture-Alliance)

Etabliert und unerreicht: Der Techno-Club Berghain

Diese Neugründungen sind ein Ausdruck jener Freiheit, für die Berlin bis heute steht. "In Berlin kannst du so frei sein wie sonst nirgends in der Welt", schwärmt denn auch David Ciura. Und DVS1 ergänzt: "Es geht um die Freiheit der Menschen, so zu fühlen, wie sie wollen, ihren Bürojobs zu entfliehen, sich zu öffnen und ganz einfach ihr Leben zu genießen." Er meint aber auch die Freiheit der DJ's, ihre Sets ohne kommerzielle Zwänge zu spielen.

Das geht auch im Berghain, das als weltberühmter Techno-Tempel natürlich alles andere als "Underground" ist. "Ich denke, das Berghain versucht genauso wie ich, die Ästhetik des Underground zu schützen, sagt DVS1. "Keine Kameras, die völlige Freiheit der Menschen drinnen, die Freiheit für die Künstler, auch längere Sets zu spielen." Und er erwähnt in diesem Zusammenhang auch die gefürchteten Türsteher, die schon manchen Besuchern den Zugang zum Club verwehrt haben. Die strenge "door policy" sei notwendig, um den Underground-Charakter des Berghain zu bewahren.

Kaum ein Berliner Club ist so unangefochten wie das Berghain. Bei den meisten anderen wird es sich zeigen, ob sie trotz der vielfältigen Bedrohungen ihren Charakter und ihre wirtschaftliche Existenz behaupten können. "Von der Sexiness geht hier und da ein bisschen was verloren," sieht Kultursenator Lederer voraus. Doch er hoffe trotz alledem, dass aus Berlin nicht so eine Glasbetonmetropole wie viele andere europäische Großstädte werde.  

Auch DVS1 hat seine Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Berlin die Hauptstadt des freien, unangepassten Techno bleiben kann: "Wenn es irgendwo in der Welt eine Chance gibt, dass das hier überlebt, dann in Berlin."

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