Tausende springen vor New York in den Atlantik | Aktuell Amerika | DW | 02.01.2019
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Leibesertüchtigung

Tausende springen vor New York in den Atlantik

Ja, es soll gesund sein - auch wenn Sie schon beim Anblick dieser Bilder frieren dürften. Das Neujahrsschwimmen ist etwas für Hartgesottene, die dafür aus allen Teilen der USA anreisen.

Sie nehmen allen Mut zusammen, umarmen sich, feuern sich gegenseitig an, schaudern noch einmal kurz. Dann rennen sie mit Anlauf los - immer schneller, bis es kein Zurück gibt: Der Lächerlichkeit gäbe sich preis, wer jetzt noch einmal zögerte, gar den Versuch abbräche, die innere Barriere zu überwinden, die ein gewöhnliches Exemplar der Gattung Homo sapiens daran hindert, bei klarem Verstand in fünf Grad Celsius warmes (kaltes) Wasser zu hüpfen.

Zu Tausenden sind sie gekommen - für diesen Augenblick, für diese Sekunden, maximal für wenige Minuten. Länger hält es niemand aus in den Fluten des Atlantiks hier vor dem Vergnügungspark Coney Island im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Dann laufen sie bibbernd, aber glücklich ans Ufer zurück, wo Handtücher, Bettdecken und warmer Tee auf die Schwimmer warten. Vor allem aber die Urkunde, die manch Todesmutigem, der keine Angst vor plötzlichem Herzversagen hatte, den letzten Motivationsschub verliehen hatte.

Der Polar-Bear-(übersetzt: Eisbären-)Schwimmklub, nach eigenen Angaben der älteste Winterbadeverein der USA, organisiert das eiskalte Spektakel seit mehr als 100 Jahren, immer am Neujahrstag. Dann macht der Klub, der zurzeit keine neuen Mitglieder aufnimmt, allen Einheimischen und Besuchern das generöse Angebot, auch ohne Vereinszugehörigkeit dabei zu sein.

Sogar ein verspäteter Weihnachtsmann nutzt die Gunst der Stunde - obwohl US-Präsident Donald Trump den Glauben an "Santa Claus" noch an Heiligabend als "grenzwertig" bezeichnet hatte. Der Mann, der unerkannt bleibt, scheint sich allerdings am Ufer wohler zu fühlen als in den Fluten, wie die Bekleidung nach dem Zwiebelschalenprinzip verrät.

Nein, die Hitze von oben ist gar nicht das Hauptproblem an diesem Januartag; man sollte allerdings auch für Unwägbarkeiten meteorologischer Art gewappnet sein. Immerhin war es mit fast 15 Grad Außentemperatur bei strahlendem Sonnenschein am 1. Januar 2019 deutlich wärmer als in den Vorjahren.

Da aber schon das Betrachten der abgehärteten Naturen in den Fluten jene Spiegelneuronen des Menschen aktiviert, die wahres Mitempfinden möglich machen, sollten auch Zuschauer auf Gänsehaut und Muskelzittern gefasst sein. Daher sind Handschuhe ein empfehlenswertes Utensil (die Sonnenbrille ist fakultativ).

Wer es tatsächlich getan hat, wird mit ansteigender Leukozytenproduktion belohnt - die weißen Blutzellen, die jetzt vermehrt gebildet werden, wirken Entzündungen entgegen. Er oder sie erfährt die Wirkung eines rasch einsetzenden Glücksschubes. Wo das Jahr so intensiv mit einem Jauchzen beginnt, wo die tiefe Energie so leibhaftig fühlbar wird wie sonst womöglich nur in einer Urschrei-Therapie, da kann man den weiteren Entwicklungen des neuen Zeitabschnitts mit großer Gelassenheit entgegenblicken.

jj/haz (dpa, afp)