Tanzen gegen Parkinson | Wissen & Umwelt | DW | 11.04.2016
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Wissen & Umwelt

Tanzen gegen Parkinson

Alter: 38. Beruf: Tänzer. Diagnose: Parkinson. Im Jahr 2010 veränderte sich Marc Vlemmix' Leben. Aber er fand einen außergewöhnlichen Weg, mit der Krankheit umzugehen.

"Mit Tanzen konnte ich meinen Schmerz mit meiner Leidenschaft verbinden", erzählt Marc Vlemmix. "Das schien eine gute Idee zu sein. Schließlich musste ich mich wohl oder übel mit der Krankheit auseinandersetzen." Tanzen half ihm sowohl psychisch als auch physisch. Es war ein wichtiger Schritt, denn zunächst hatte der Niederländer versucht, die Krankheit zu ignorieren und zu verdrängen. Irgendwann aber ging das nicht mehr: Er hatte zunehmend Schwierigkeiten, sich zu bewegen.

Sehen, was machbar ist

Um auszuprobieren, ob er überhaupt noch würde tanzen können, rief er Andrew Greenwood an. Der ist der Ballettmeister an der Tanzschule, die Vlemmix fünf Jahre zuvor gegründet hatte. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag zu einer Tanzstunde.

"Marc hat mich gefragt, ob ich mit ihm ins Studio gehen würde, um wegen seiner Parkinsonerkrankung ein paar Sachen auszuprobieren", erzählt Greenwood. Er habe natürlich zugesagt - obwohl er sehr nervös gewesen sei. Er habe nicht gewusst, was Parkinsonpatienten machen können und was nicht.

Greenwood habe Vlemmix einfach nur als Menschen gesehen und nicht als Kranken. Er habe sich auf seine Tanzerfahrung verlassen und darauf, dass der menschliche Körper zu großen Leistungen fähig ist. Greenwood muss zugeben: "Es war ein Blindflug." Gemeinsam entwickelten der Lehrer und sein Schüler verschiedene Tanztechniken. Sie versuchten, herauszufinden, was möglich ist und was nicht. "Ich wusste nichts über Parkinson. Und genau auf dieser Basis haben wir dann die Techniken entwickelt", erzählt der Tanzlehrer.

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Studiogespräch: Was hilft bei Parkinson? (26.03.2014)

Tanzen als Therapie

Der Blindflug, den beide da unternahmen, funktionierte: Schon die erste Tanzstunde mit Greenwood habe sein Leben verändert, erzählt Vlemmix. "Für mich hat sich eine neue Welt eröffnet. Wir haben einfach angefangen, ohne dass wir wussten, wie und ob es funktionieren würde. Und das war genau das Richtige."

Schon nach der ersten Stunde fühlte sich Vlemmix wesentlich besser. Auch Greenwood war überrascht und angetan von Vlemmix‘ körperlicher und emotionaler Reaktion.

Erst später fanden sie heraus, dass alles, was sie in dieser ersten Tanzstunde gemacht hatten, überhaupt nicht den medizinischen Empfehlungen und Standards für Parkinsonpatienten entsprach. Diese sollten beispielsweise nicht laufen und gleichzeitig noch etwas anderes machen. Sie sollten nicht rückwärtsgehen, nicht springen und schon gar nicht versuchen zu balancieren. "Die Betroffenen könnten Schwierigkeiten haben, diese Bewegungen auszuführen oder sie könnten vielleicht sogar stürzen", erläutert Greenwood. "Aber das alles habe ich nicht gewusst und daher genau all das mit Marc gemacht." Dazu gehörte etwa das spontane Balancieren auf einem Bein, auf Zuruf, also schnell und ohne lange zu überlegen.

Parkinson

Bei Parkinsonpatienten ist die Verbindung zwischen dem Gehirn und der Motorik gestört

Nervenverbindungen trainieren

Vereinfacht gesagt, ist bei Parkinson die Verbindung zwischen Gehirn und Körperfunktionen gestört. Bewegungen, etwa das Schwingen mit den Armen beim Laufen, passieren nicht mehr automatisch. Die Patienten müssen ganz bewusst daran denken, diese Bewegungen auszuführen. "Im Tanzkurs versuchen wir genau den Moment zu finden, wenn Körper und Gehirn miteinander verbunden sind", sagt Greenwood.

Der Ballettmeister weiß, dass er Parkinson mit Tanzen nicht heilen kann. "Aber wir können die Lebensqualität der Erkrankten verbessern. Wir trainieren die Verbindung zwischen Gehirn und Körper, indem wir dem Körper Befehle geben." Dabei spielt der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle.

Wenn ein Befehl nicht ausführbar ist, könne man ein bisschen tricksen, erklärt Greenwood. "Wenn Menschen es nicht mehr schaffen, ihre Arme zu kreuzen, dann sollen sie imaginär eine Orange von einem Baum pflücken. Dann eine, die etwas höher hängt, dann müssen sie ihren Körper verdrehen, um an die nächste zu kommen. Und dann sollen sie noch eine pflücken, die wieder etwas tiefer hängt." So könne man die Krankheit zumindest ein wenig überlisten und vielleicht sogar fließende Bewegungen erreichen.

Hilfe für andere

Mittlerweile haben der Tanzlehrer und sein Schüler in den Niederlanden Dance for Health gegründet, eine Stiftung, die die Lebensqualität von Parkinsonpatienten verbessern will. Sie haben bereits 12 Speziallehrer ausgebildet und einen neuen, internationalen Lehrgang in Rotterdam gestartet.

Michael J. Fox Foto: EPA/TANNEN MAURY, dpa - Bildfunk

Berühmter Parkinsonpatient: Michael J. Fox

"Dance for Health" gibt es mittlerweile auch in anderen Ländern, etwa in Italien. In Bassano del Grappa gehört Eva Borotto zu den regelmäßigen Teilnehmern. Sie erhielt ihre Diagnose im Jahr 2005, im Alter von 35. In der Physiotherapie, die sie bis dahin besucht hatte, gehörte Tanz nicht zur Therapie.

"Wenn man Parkinson nur mit Tanzen komplett heilen könnte", träumt Borotto vor sich hin. Aber auch mit den kleinen Verbesserungen, die das Tanzen bewirkt, ist sie schon zufrieden: "Ich bewege mich bewusster und manchmal schaffe ich es sogar, eine Bewegung auszuführen, ohne vorher bewusst daran zu denken. Normalerweise muss ich intensiv daran denken, das Bein anzuheben, und dann schaffe ich es auch. Es ist in etwa so, als würde man eine Stufe hochgehen."

Borotto hat für sich herausgefunden, dass mit dem Tanzen und dem Wiederholen von Bewegungen der Körper eine Art Erinnerungsfunktion entwickelt. "Unsere Muskeln erinnern sich an Anstrengung und Schmerzen, die durch Überforderung kommen können. Das gleiche gilt für die schönen Momente beim Tanzen", sagt Borotto. "Aber wir müssen es immer und immer wieder machen - für die Erinnerung."

Sie und ihr Körper profitieren eindeutig vom Tanzen: Sie kann wieder Auto fahren und fühle sich heute weniger eingeschränkt als kurz nach der Diagnose.

Regelmäßiges Training

Marc Vlemmix tanzt mittlerweile jeden Tag. Er fängt bereits morgens an. Die Musik wählt er je nach Tagesform und Laune: langsam oder schnell, meditativ ruhig oder Partymusik.

"Der schönste Moment ist der, wenn ich mich einfach gehen lasse und nicht über die Bewegungen nachdenke - oder darüber, ob ich alles richtig mache", erzählt er. "Dann kommt dieser atemberaubende Augenblick, wenn dieser Körper, der mich jeden Tag beschäftigt und behindert, genau das nicht mehr macht. Wir sind einfach eine Einheit."

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