Taliban willkommen? - Deutschlands neue Afghanistan-Politik
29. Juni 2026
Vor knapp einem Jahr geriet Hamid Nangialay Kabiri in die Mühlen dessen, was einige in Deutschland wohl als zwar nicht vorbildliche, aber wohl notwendige Realpolitik beschreiben würden. Der Mann, der sechs Jahre für das afghanische Generalkonsulat in Bonn gearbeitet hatte und zuletzt dessen Leiter war, legte im September 2025 sein Amt nieder – weil er nicht, wie von der Bundesregierung gefordert, mit Vertretern der Taliban zusammenarbeiten wollte.
Er sagt der DW: "Ich habe gesagt, tut mir leid, ich kann das nicht, weil sie Terroristen sind, das mache ich nicht. Ich bin mit ihnen als Regierung in Afghanistan aufgewachsen, viele meiner Klassenkameraden wurden direkt vor meinen Augen getötet. Ich akzeptiere diese Menschen nicht als meine Mitarbeiter."
Nur neun Monate später ist diese Form der Realpolitik Realität: Sowohl das Generalkonsulat in Bonn als auch die afghanische Botschaft in Berlin werden von einem Vertreter der Taliban geleitet. Es sollen sogar vier weitere Diplomaten nach Deutschland kommen, wie die Bundesregierung bestätigte. Und Kabiri, der sich standhaft einer Kooperation mit den Radikalislamisten verweigerte, traut sich aus Sicherheitsgründen nur noch mit Freunden aus der Wohnung. Und muss Asyl beantragen, um überhaupt in Deutschland bleiben zu können.
"Ich habe mit Afghanistan meine erste Heimat verloren, ich möchte mit Deutschland nicht mein zweites Zuhause verlieren, denn ich fühle mich hier sehr wohl. Wenn Du früher einen Asylantrag gestellt hast, wurdest Du auf Herz und Nieren überprüft, dass Du ja nicht mit den Taliban zusammengearbeitet hast. Und jetzt muss ich vielleicht das Land verlassen, weil ich nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Das ist Doppelmoral."
Mehr Abschiebungen nach Afghanistan - heiligt der Zweck die Mittel?
Die Doppelmoral, auf die große Politik übertragen, sieht so aus, kritisieren Opposition und Menschenrechtsorganisationen: Deutschland will die Zahl der Abschiebungen nach Afghanistan unbedingt erhöhen. Drei Charterflüge pro Monat schweben CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt vor, plus einzelne Rückführungen über Linienflüge. Die Bundesregierung sucht deswegen die Gespräche mit einem Regime, gegen das deutsche Soldaten fast zwei Jahrzehnte lang kämpften und 59 von ihnen starben – und das man offiziell gar nicht anerkennt.
Das Bundesinnenministerium schreibt auf Anfrage der DW: "Mit der Akzeptanz von Rückführungen aus Deutschland erfüllt die De-facto-Regierung Afghanistans die völkergewohnheitsrechtliche Verpflichtung der Rücknahme eigener Staatsangehöriger. Zugleich ist die Funktionsfähigkeit der afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland eine Voraussetzung für die Passersatzpapierausstellung im Rahmen von Rückführungen."
"Wir reichen diesem Taliban-Regime nicht die Hand", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einer Befragung des Parlaments. Auf "der notwendigen technischen Ebene" werde aber eine Zusammenarbeit gesucht, die im deutschen Interesse liege, ergänzte er mit Verweis auf die Abschiebung von Straftätern. Bundesinnenminister Dobrindt habe seine "volle und eingeschränkte Unterstützung bei dem, was er da tut", ergänzte Merz.
Taliban-Regime unterdrückt massiv die Rechte von Frauen und Mädchen
"Die Entscheidung, Taliban‑Vertreter in afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland zu akzeptieren, markiert eine neue Qualität im Verhältnis zwischen Deutschland und den Taliban. So wird ein Unrechtsregime aufgewertet, das grundlegende Menschenrechte verletzt und Frauen und Mädchen aus Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben verdrängt und systematisch entrechtet", kritisiert Helen Rezene, Geschäftsführerin von Pro Asyl, im DW-Gespräch.
Mädchen dürfen nach dem zwölften Lebensjahr keine Schulen mehr besuchen, Frauen sind von der Universität ausgeschlossen und auch vom Arbeitsmarkt und der Politik sind sie weitgehend verschwunden – die Vereinten Nationen stufen die Lebensbedingungen für Frauen deshalb als einer der schwersten Ungleichheiten weltweit ein. Gleichzeitig hat eine fünfköpfige Taliban-Delegation in diesen Tagen Gespräche mit der EU-Kommission und gleich 15 Mitgliedsstaaten geführt.
"Mein erster Gedanke war, dass Deutschland für diese Gespräche der Türöffner war", sagt Rezene. "Die Debatte der letzten Monate über die Normalisierung der Taliban, der Austausch des Botschaftspersonals in Bonn und Berlin und die Abschiebungen nach Afghanistan sind für uns ein klares Zeichen, dass Deutschland hierfür den Weg geebnet hat. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, die Taliban einzuladen und mit ihnen zu sprechen, wird dazu führen, dass sich diese Kontakte verstetigen."
Nutzen die Taliban die Abschiebeflüge als Druckmittel?
Die Pro-Asyl-Geschäftsführerin befürchtet, dass das Taliban-Regime gleich die ganze Hand nimmt, wenn man ihr den kleinen Finger reicht. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht: Nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks bliesen die Radikal-Islamisten einen Abschiebeflug nach Kabul ab, bei dem die für die Begleitung zuständigen Bundespolizisten sogar schon afghanische Visa erhalten hatten. Begründung des afghanischen Außenministeriums: Man habe zu wenige eigene Diplomaten in Deutschland.
"Alexander Dobrindt fährt einen extrem harten Kurs – und kooperiert dafür ausgerechnet mit einem Regime, das elementare menschenrechtliche Standards verletzt und jede neue Abhängigkeit strategisch ausnutzt. Was der Bundesinnenminister macht, ist zu kurz gedacht: Die Taliban werden sich nicht mit kleinen Abschiebedeals zufriedengeben, sondern jede Abhängigkeit nutzen, um weitere politische Zugeständnisse zu erzwingen", so Rezene.
Afghanen müssen bei den Menschen vorsprechen, wegen denen sie geflohen sind
Auch Hamid Nangialay Kabiri ist davon überzeugt, dass die Taliban ihre Machtposition ausnutzen und auch in Zukunft Abschiebungen blockieren werden, sollte man ihren Forderungen nicht nachkommen. Seine Stimme werde auf jeden Fall auch in Zukunft nicht verstummen, versichert er. Der frühere Generalkonsul Afghanistans warnt:
"Wenn Menschen vor den Taliban fliehen und man diese dann dazu drängt, ihnen Dokumente vorzulegen, dann können die Menschen, die in Deutschland leben, leicht aufgespürt werden. Und die Taliban können außerdem ihre Familien in Afghanistan problemlos ausfindig machen. Wer sind die Eltern? In welcher Provinz leben sie? Und in welchem Dorf?"