Taliban und Islam-Vertreter: Heimliche Zustimmung? | Nahost | DW | 09.09.2021
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Afghanistan

Taliban und Islam-Vertreter: Heimliche Zustimmung?

Einige muslimische Intellektuelle beklagen die zurückhaltende Reaktion islamischer Repräsentanten auf die Machteroberung der Taliban. Deren Weltsicht sei theologisch gar nicht haltbar, lautet unter anderem die Kritik.

Taliban-Anhänger schwenken eine Fahne aus dem Auto heraus im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet.

Taliban-Anhänger im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. "Es gibt keinen Gott außer Gott", steht auf der Fahne

Ali Mohieddin al-Qaradaghi reagierte schnell. Der an der Universität in Doha lehrende Islamgelehrte und Vorsitzende der Internationalen Union muslimischer Gelehrter gratulierte den Taliban, kaum dass diese Mitte August die gewählte Regierung in Kabul gestürzt hatten. Sein Glückwunsch ging auch an die Afghanen insgesamt - dafür, dass diese "Besatzer der unterschiedlichsten Art" aus dem Land vertrieben hätten. Offizielles Lob aus dem Munde eines muslimischen Repräsentanten für eine extremistische, gewaltsam agierende Bewegung, die ihre autoritären politischen Herrschaftsansprüche aus dem Islam heraus begründet.

Al-Qaradaghi forderte die Taliban auf, eine Regierung zu bilden, die alle Bevölkerungsschichten Afghanistans umfasse, "so dass die Tragödie (des Krieges, Anm. Red.) nicht zurückkehrt", wie der Nachrichtensender Al-Jazeera den Rechtsgelehrten zitiert. Außerdem begrüßte er, dass die Taliban sich angeblich offen gegenüber ihren Nachbarn und der internationalen Gemeinschaft verhielten.

Dieser Tage zeigt sich allerdings, dass seine Einschätzung den Fakten deutlich zuwiderläuft: In der kürzlich vorgestellten Regierung der Taliban finden sich ausschließlich deren eigene Kräfte. Vertreter anderer Gruppen sind in ihr nicht präsent.

Äußerungen wie die von al-Qaradaghi sind typisch für nicht wenige islamische Gelehrte. Teils gibt es vorsichtiges Lob für die afghanischen Glaubensbrüder, meist aus einer demonstrativ anti-kolonialen Grundhaltung heraus - eventuell sogar verbunden mit ein paar vorsichtigen Empfehlungen oder Ermahnungen. Ebenfalls häufig ist ein Bemühen erkennbar, sich vorsichtshalber zurück- oder ganz herauszuhalten, da auch politische Interessen im Spiel sind und Kritik unter Muslimen schnell als Bevormundung oder gar Verrat verstanden werden könnte. 

Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahi auf einer Pressekonferenz in Kabul

Was für ein Bild des Islam wird hier vermittelt? Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahi auf einer Pressekonferenz in Kabul

Direkte offene Kritik hingegen ist selten - obwohl auf der Hand liegt, dass der Triumph der Taliban durchaus dazu angetan sein könnte, das alte Klischee vom "rückständigen" Islam weltweit neu zu beleben, zumindest unter Nicht-Muslimen. So wie al-Qaradaghi die theologischen Prämissen der Taliban zumindest öffentlich nicht direkt kritisiert, sind auch aus anderen Teilen der islamischen Welt bisher kaum kritische Äußerungen von offiziellen religiösen Repräsentanten zur Ideologie der neu-alten afghanischen Machthaber zu hören gewesen. 

"Keine klare Zurückweisung"

Die Reaktion der islamischen Gelehrten auf die Machtübernahme der Taliban sei "marginal", urteilt auch Milad Karimi, stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. Zwar gebe es einzelne - eher zurückhaltende - kritische Äußerungen gegenüber dem Vorgehen der Taliban. "Aber sogar das ist sehr, sehr marginal. Insgesamt gibt es keine klare theologische Zurückweisung der Standpunkte der Taliban", bemängelt der Islamwissenschaftler aus Deutschland im DW-Gespräch die Haltung vieler islamischer Repräsentanten.

Tatsächlich haben sich viele religiöse Führungspersönlichkeiten sogar eher politisch als theologisch zum Machtwechsel in Afghanistan geäußert. So beglückwünschte der Großmufti von Oman, Ahmed bin Hamad Al-Khalili, die Afghanen zum "eindeutigen Sieg" über die "Invasoren". Die "gesamte islamische Nation" beglückwünschte er zur "Erfüllung von Gottes aufrichtigen Versprechungen".

Auch in Deutschland debattiert ein Teil der in Verbänden organisierten Muslime über die Ereignisse in Afghanistan. Hier immerhin fallen dabei durchaus auch deutliche kritische Worte in Richtung Taliban. So bezeichnete der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, die Machtergreifung der Taliban nicht nur als desaströse Niederlage für den Westen. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sprach er auch von einem "Desaster für die Muslime weltweit, denn die allermeisten Muslime - und die Afghanen ohnehin - wollen kein archaisches Leben gepaart mit einer Stammesdoktrin", so Mazyek.

Deutliche Worte aus Deutschland

Für den Juristen Murat Kayman sind die Reaktionen der muslimischen Verbände hierzulande in der Summe allerdings zu schwach. Eigentlich hätte man in schneller Folge Erklärungen der muslimischen Dachverbände zu Afghanistan erwarten können, schreibt Kayman im Blog 'Freitagsworte' der von ihm mitgegründeten deutschen "Alhambra-Gesellschaft - Muslime für ein plurales Europa". Kayman war bis 2017 Jurist im Bundesvorstand der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), löste sich dann aber von dem der türkischen Regierung nahestehenden Verband. 

Kayman argumentiert, hinter dem Schweigen auch vieler deutscher Islam-Verbände verberge sich in Wirklichkeit eine "hohe Bereitschaft zur Solidarisierung mit den Taliban und zur Idealisierung ihrer vermeintlich religiösen Motive". Wörtlich schreibt er: "Die Taliban haben das umgesetzt, was vielen Muslimen, darunter nicht wenigen Verbandsvertretern, als Ideal einer gesellschaftlichen Entwicklung gilt. Nämlich die uneingeschränkte Durchsetzung des eigenen, konkurrenzlosen politischen Machtanspruchs."

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Einsatz für den rechten Glauben? Ein Taliban-Anhänger überstreicht eine Wand-Werbung in Kabul

Auch im arabischen Raum ist ähnliche Kritik geäußert worden, allerdings auch hier eher selten. So kritisierte die Autorin Heba Yosry in einem Online-Artikel für das in Dubai ansässige Medienunternehmen Al Arabiya, dass es in Ägypten Stimmen gebe, die dazu aufriefen, den Erfolg der Taliban zu begrüßen und die muslimische Sache zu unterstützen. "Diese Stimmen sind heimtückisch und gefährlich", so Yosry. "Denn wenn ein junger Mensch ohne nennenswerte Bildung von den Erfolgen der Taliban hört, könnte er geneigt sein, dies nicht auf ihre militärischen Fähigkeiten, sondern auf ihre Nähe zu Gott zurückzuführen."

"Sie sind der Islam", umreißt Yosri das Selbstverständnis der Taliban. "Sie sind die Vertreter Gottes. Wer gegen die Taliban vorgeht, geht gegen Gott vor." Wegen dieser gefährlich religiös aufgeladenen Selbstdarstellung der Taliban gelte es, deutlich auf Distanz zu ihnen zu gehen, schreibt die Autorin - und resümiert schließlich deutlich: "Die Taliban repräsentieren nicht den Islam."

Theologische Vorbehalte

Ideologisch gründen die Taliban zwar auf den Lehren des "Dar al ulum" (Haus der Gelehrsamkeit) in Deoband im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Dieses gilt als eines der größten theologischen Zentren der islamischen Welt. Dennoch sei ihre Lehre theologisch kaum haltbar, meint Islamgelehrter Karimi im DW-Gespräch: "Was dagegen spricht, ist zunächst der Umstand, dass sie ihr eigenes Verständnis vom Willen Gottes mit diesem Willen gleichsetzen." Denn dies lasse keinerlei freien Raum für Interpretationen. "Das ist gefährlich! Denn wenn jemand der Überzeugung ist, seine Sicht entspreche der Wahrheit, dann setzt er jede andere Stimme mit der Unwahrheit gleich. Setzt man aber seine eigene Idee mit der Idee Gottes gleich, dann ist das reine Blasphemie." Noch bleibt abzuwarten, wie die Taliban vor diesem Hintergrund mit der religiösen Minderheit der schiitischen Hazara umgehen werden, oder ob sie zumindest bis zu einem Grad bereit und in der Lage sind, gesellschaftlichen Pluralismus hinzunehmen, auch im digitalen Raum

Deutschland Ahmad Milad Karimi, Professor für islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster

"Taliban kennen keinen freien Raum der Interpretation": Islamgelehrter Milad Karimi

Problematisch findet der Islamgelehrte Karimi vor allem die von den Taliban praktizierte Deutung der Scharia. "Die Taliban übersehen, dass wir Menschen niemals über das Urteil Gottes verfügen, sondern uns bemühen müssen, dem Urteil Gottes so gut wie möglich nachzukommen, indem wir uns ethisch verhalten." Die Scharia sei kein kodifiziertes Gesetzbuch, dessen Regelwerk möglichst eins zu eins umzusetzen sei. "Eine solche Vorstellung ist theologisch vollkommen unhaltbar."

Auch die Reduzierung von Frauen auf vor allem der Reproduktion dienende Wesen sei nicht hinnehmbar, so Karimi. "Das ist schon nicht mehr eine bestimmte Lesart, sondern das ist eine Verachtung der Schöpfung Gottes."

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Frauen in Kabul demonstrieren Anfang September 2021 gegen die Taliban

Hüter einer religiösen Fassade?

Umso problematischer sei es, dass viele muslimische Repräsentanten zu den Taliban schwiegen, findet Karimi. Ähnlich wie Murat Kayman meint er, dies lasse den Verdacht entstehen, dass unter ihnen teilweise eine heimliche Zustimmung zur Weltsicht der Taliban herrsche: "Sie schweigen, weil sie ihre eigenen Phantasien erfüllt sehen." Allerdings sei auch noch ein weiterer Grund für die Zurückhaltung sei denkbar, sagt Milad Karimi - und holt zu einem weiteren verbalen Schlag gegen etablierte muslimische Repräsentanten weltweit aus: Viele dieser  Religionsgelehrten seien "geist- und kraftlos, zu faul und zu bequem, um ihrer tiefen spirituellen Verantwortung nachzukommen. Sie haben den Sinn für Religiosität vollkommen verloren. Sie interessieren sich nur noch für die Fassade der Religion, eine Fassade, die von innen längst ausgehöhlt ist."