Türkei: Wenn das Studium zu teuer wird | Politik | DW | 17.03.2019
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Universitäten

Türkei: Wenn das Studium zu teuer wird

In den letzten fünf Jahren haben über eine Million junge Menschen an türkischen Universitäten ihr Studium abgebrochen. Ein wichtiger Grund sind wirtschaftliche Schwierigkeiten - und das trotz staatlicher Unterstützung.

"Als mein Vater seine Arbeit verlor, blieb mir nichts anderes übrig, als mein Studium abzubrechen." Eine Vielzahl der Studierenden in der Türkei brechen das Studium aus finanziellen Gründen und aus Angst vor Armut ab. Einer von ihnen ist Kadir.

Sein Vater, der als Schweißer arbeitete, wurde entlassen, weil die Geschäfte in dem Unternehmen nicht mehr so gut liefen wie früher. Der DW sagte Kadir, dass es für seinen Vater sehr schwer gewesen sei, als Arbeitsloser vier Kinder zu ernähren.

Kadirs Familie lebt in Istanbul. Er selber studierte an der Universität Kocaeli, einige Stunden von seinem Zuhause entfernt. Anfangs lebte er in einem Studentenwohnheim, später teilte er sich mit einem Kommilitonen eine Wohnung. Die größte Ausgabe war die monatliche Miete. "Die Vermieter haben die Studenten wie Kühe gesehen, die sie laufend melken konnten. Die Miete war mit circa 150 Euro nicht nur sehr hoch, in unserem Vertrag gab es auch eine Staffelung enthalten, das heißt, die Miete wurde immer teurer. Vom Staat bekam ich ein Studentendarlehen von monatlich 65 Euro. Doch das reichte vorne und hinten nicht aus", so Kadir.

Zahl der Studienabbrecher fast verdoppelt

In den vergangenen fünf Jahren gab es bei den Studienabbrechern an türkischen Universitäten einen signifikanten Anstieg. Laut Bildungsministerium in Ankara haben seit 2013 mehr als 1,1 Millionen Studierende entweder ihr Studium abgebrochen oder auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Besonders zwischen 2017 und 2018 ist Zahl der Unter- und Abbrecher um ein Vielfaches angestiegen - im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Anstieg von 92 Prozent.

Viele Studenten befürchten dass sie nach ihrem Abschluss keine Arbeit finden

Viele Studenten befürchten, dass sie nach ihrem Abschluss keine Arbeit finden

Einer der Hauptgründe sind wirtschaftliche Aspekte. Die türkische Währung hat 2018 über 30 Prozent an Wert verloren, die Kaufkraft hat, bedingt durch den 20-prozentigen Preisanstieg, sehr gelitten. Dies ist die schwerste Wirtschaftskrise, die die Türkei in den vergangenen 15 Jahren erlebt hat. Hinzukommt eine Arbeitslosenquote von über 12 Prozent. Dies spüren auch die etwa 7,6 Millionen Studierenden an den rund 200 staatlichen und privaten Universitäten im Land.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit

Laut Gewerkschaftssekretär Özgür Bozdoğan befürchten viele, dass sie nach ihrem Abschluss keine Arbeit finden, deshalb entschieden sich viele zu einem Studienabbruch. Bereits während der Vorlesungen machten sich die Kommilitonen Gedanken, wie es mit ihnen weitergeht, selbst wenn sie einen erfolgreichen Abschluss vorweisen können. Bozdoğan sagte der DW: "Bei den Studiengängen, wo es auf dem Arbeitsmarkt Probleme gibt, sind Studienunterbrechung häufiger zu beobachten. An den medizinischen Fakultäten dagegen gibt es dieses Phänomen nicht."

Immer mehr Studenten mit Schulden

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums erhöhte sich zwar die Zahl der Studienkredite zwischen 2017 und 2018 um mehr als 11 Prozent. Allerdings sind die monatlichen Ausgaben für jeden einzelnen Studenten nach Ansicht von Bozdoğan mit einem Studentendarlehen nicht zu decken. Nach Berechnungen der türkischen Statistikbehörde haben sich die Ausgaben für Miete, Wasser, Strom und Heizung pro Jahr um 24 Prozent verteuert. Hinzukommt, dass die Preise für Grundnahrungsmittel zusätzlich um 25 Prozent gestiegen sind. Eine Folge: Viele der Studierenden sind nicht mehr in der Lage, nach dem Studium ihre Kredite und Schulden zurück zu zahlen. 

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