Türkei: Gefahr für Europas Banken? | Wirtschaft | DW | 10.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Türkei

Türkei: Gefahr für Europas Banken?

Der Verfall der türkischen Lira ruft offenbar auch die EZB auf den Plan. Werden die wirtschaftlichen Probleme zu einer Gefahr für Europas Banken? US-Präsident Trump macht zusätzlich Druck und verdoppelt die Strafzölle.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat den Westen für den Kursverfall der Lira verantwortlich gemacht und sprach von einem "Wirtschaftskrieg" des Westens gegen sein Land.

Die Türken rief er auf, Dollar und Euro in die Landeswährung umzutauschen. "Die, die Dollar, Euros, Gold unter dem Kissen haben - geht und wechselt es in türkische Lira in unseren Banken", sagte Erdogan am Freitag im nordtürkischen Bayburt.

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak sicherte der Notenbank seines Landes in einer Rede in Istanbul die Unabhängigkeit zu und stellte ein Maßnahmenpaket für die schwer angeschlagene Wirtschaft vor.

Man wolle das Vertrauen in die Lira verbessern und werde die Inflation effektiv bekämpfen. Außerdem werde das Budget gestrafft. Wie genau die Regierung das anstellen will, ging aus der Rede nicht hervor.

Aus dem Finanzministerium hatte es am Vortag geheißen, die Maßnahmen, die die Regierung ein "neues Wirtschaftsmodell" nennt, sollen unter anderem das Wachstum, das Experten kurz vor einer Überhitzung sehen, von rund 7 Prozent auf rund 3 bis 4 dämpfen und die Inflationsrate von mehr als 15 Prozent in den einstelligen Bereich drücken.

Trump macht Druck

Noch während Finanzminister Albayrak in Istanbul sprach, heizte US-Präsident Donald Trump die Krise um den Verfall der türkischen Lira weiter an. "Ich habe gerade eine Verdoppelung der Zölle auf Stahl und Aluminium hinsichtlich der Türkei bewilligt", teilte Trump auf Twitter mit. Die Zölle auf Aluminium würden nun auf 20 Prozent und die für Stahl auf 50 Prozent angehoben.

Trump verwies ausdrücklich darauf, dass die Lira "schnell gegenüber unserem sehr starken Dollar abrutscht!" Er fügte hinzu: "Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut!"

Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira gegenüber US-Dollar und Euro rund ein Drittel an Wert verloren.

Infografik Wechselkurs türkische Lira zu Euro DE

Auch die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) interessieren sich für den drastischen Wertverlust. Ihnen geht es um die Verbindungen europäischer Banken zu dem Land. Droht hier Ansteckung für das europäische Bankensystem?

Gefahren für BBVA und BNP Paribas?

Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch einstufen, berichtete die "Financial Times" am Freitag unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Allerdings seien die Großbanken BBVA aus Spanien, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas besonders exponiert. Die Aufseher würden die Situation schon seit einigen Monaten verfolgen, schreibt das Blatt. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.

"Der Türkei droht eine Finanzkrise", sagte der prominente türkische Ökonom Korkut Boratav der DW. "Dann werden Kredite nicht zurückgezahlt, Unternehmen melden Konkurs an und am Ende trifft es die Banken."

Allerdings hätten die Europäer wissen müssen, dass Kredite für türkische Unternehmen und Banken riskant sind. "Das ist einer der wichtigsten Grundsätze der freien Marktwirtschaft: Wer Geld leiht, geht ein Risiko ein und nimmt die Verluste in Kauf." 

Staatschef Erdogan hat sich die Probleme mit der Lira zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben. Im Bestreben, seine Machtfülle auszubauen, hat er sich auch den direkten Zugriff auf die bisher unabhängige türkische Zentralbank gesichert. Deren Spitze wird nun von direkt vom Präsidenten eingesetzt. Internationale Anleger reagierten irritiert. Seither fließt Kapital aus der Türkei ab.

Türkei Recep Tayyip Erdogan (picture alliance/dpa/AP/B. Ozbilici)

Zugriff auf die Zentralbank - der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan

Das belastet nicht nur den Lira-Kurs, der am Freitag auf ein neues Rekordtief sank: Am Vormittag wurde ein Euro zeitweise für 7,2254 Lira gehandelt, ein Abschlag von weit mehr als zehn Prozent allein an einem Tag.

Auch wurde der bisherige Aufschwung der Türkei stark durch Kredite finanziert. Fachleute warnen vor der hohen privaten Verschuldung in US-Dollar, was eine steigende Schuldenlast bei abwertender Landeswährung nach sich zieht. Außerdem ist die Türkei auf einen steten Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen, um ihre Importe zu finanzieren.

Lira-Verfall und Inflation

Angesichts der hohen Inflation empfehlen Volkswirte eine Erhöhung der Leitzinsen durch die Zentralbank. Das allerdings verhinderte bisher Präsident Erdogan, der sich selbst als "Gegner der Zinsen" bezeichnet.

"Entweder ist er aus religiösen Gründen gegen höhere Zinsen", sagt der türkische Ökonom Boratav. "Oder er denkt, dass er von der hoch verschuldeten Bauwirtschaft profitiert."

Erdogan will, dass die Banken weiter billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es zu einer Überhitzung kommen könnte.

Konflikte mit den USA

Hinzu kommen hausgemachte politische Probleme. Erdogan legt sich zunehmend mit den USA an. In dem Streit zwischen Washington und Ankara geht es um den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson.

Die Redaktion empfiehlt

Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Die dortige Justiz wirft ihm nun vor, Kontakte zum Prediger Fetullah Gülen unterhalten zu haben, Brunson weist das zurück. Erdogan macht seinen einstigen Verbündeten Gülen für den Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren verantwortlich.

Gülen lebt in den USA, die Türkei verlangt, bisher erfolglos, seine Auslieferung. Die USA und die Türkei haben inzwischen Sanktionen gegen Minister des jeweils anderen Landes verhängt. Die Regierung in Washington stellt zudem den teilweise zollfreien Zugang der Türkei zum US-Markt auf den Prüfstand.

Gespräche hochrangiger Regierungsvertreter beider Seiten brachten am Mittwoch in Washington nach US-Angaben keinen Durchbruch. Aus türkischen Kreisen hieß es, die von Staatssekretär Sedat Önal angeführte Delegation sei inzwischen wieder zurück in Ankara.

Im Hintergrund schwelen weitere Konfliktherde. Ankara und Washington vertreten unterschiedliche Positionen und Interessen, was die jeweiligen Militärinterventionen im Syrienkrieg anbelangt. Auch Pläne des NATO-Landes Türkei, Raketenabwehrsysteme von Russland zu kaufen, machen die Sache nicht einfacher.

Problem für Europas Banken

Im Verhältnis der Türkei zu Europa richteten sich in dieser Woche die Sorgen aber zunehmend auf den Bankensektor. Türkische Unternehmen haben Kredit-Verbindlichkeiten in einer Höhe, die fast einem Drittel des türkischen Bruttoinlandsprodukt BIP entspricht. "Die Türkei benötigt momentan 238 Milliarden Dollar", so der Ökonom Boratav zur DW. 

Angesichts des Verfalls der heimischen Währung kann das zu einer ernsten Gefahr für die Banken des Landes werden. "Natürlich hätte eine ausgewachsene Bankenkrise in der Türkei negative Auswirkungen auf das Bankensystem der Eurozone", schreiben Experten der Berenberg-Bank in einer neuen Analyse.

Zwar seien die Gefahren für die Eurozone begrenzt, so die Volkswirte, doch Banken aus drei Ländern der Eurozone hätten hohe Forderungen in der Türkei. Für Spanien geht es der Berenberg-Bank zufolge um 81 Milliarden Euro, für Frankreich um 35 Milliarden und für Italien um 19 Milliarden Euro.

Türkei Wirtschaft Türkische Lira (Getty Images/C. McGrath)

7,225 zu 1 - Lira mit Rekordtief im Vergleich zum Euro

Die deutschen Banken haben in der Türkei rund 21 Milliarden Euro im Feuer, teilte die Bundesbank mit.

"Seit geraumer Zeit haben Investoren die sich entwickelnde Währungskrise in der Türkei nur als lokales Problem eingestuft, aber das beschleunigte Tempo des Absturzes nährt die Sorgen um das Türkei-Engagement europäischer Banken", gibt auch Michael Hewson zu Bedenken, Analyst beim Londoner Derivatehändler CMC Markets. Immerhin seien die Instrumente der EZB mittlerweile ausreichend, um einer denkbaren größeren Krise zu begegnen, urteilt die Berenberg-Bank.

Hilfsprogramm des IWF?

Zurückhaltend auch der Kommentar des Ökonomen Thomas Gitzel von der VP Bank: "Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden. Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen."

"Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel", warnt Lutz Karpowitz von der Commerzbank. "Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte weitere massive Lira-Schwäche einplanen."

Nach Meinung der Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs könnte der Lira-Verfall die Kapitalpuffer der türkischen Banken sogar aufzehren. Sollte der Dollar dauerhaft auf 7,10 Lira steigen, hätten die Institute keinerlei Sicherheitspolster mehr.

Am Donnerstag trieben bereits verstärkte Spekulationen auf Zahlungsausfälle in der Türkei die Kosten für Kreditausfall-Versicherungen auf den höchsten Stand seit Jahren. Viele Anleger ziehen weiter Geld ab und verkaufen türkische Anleihen und Aktien.

Der türkische Ökonom Korkut Boratav glaubt, dass eine Finanzkrise nur mit einem Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) abgewendet werden könnte. Im Jahr 2001 erhielt das Land einen Kredit von zehn Milliarden US-Dollar und musste ein Sanierungsprogramm umsetzen. "Der IWF hat damals durchgesetzt, dass der türkische Staat die Schulden des privaten Sektors absichert", so Boratav. "Wenn die Türkei den IWF um Hilfe bittet und die Schulden verstaatlicht, würde das auch die europäischen Banken retten."

ar/bea (rtr, dpa, DW, Berenberg-Bank, Bloomberg) 

Audio und Video zum Thema