Tönnies und die Werkverträge - Ausbeutung mitten in Deutschland | Nahaufnahme - Die aktuelle Reportage | DW | 07.09.2020
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Tönnies und die Werkverträge - Ausbeutung mitten in Deutschland

Der Corona-Ausbruch im deutschen Fleischkonzern Tönnies brachte dubiose Werkverträge ans Licht. Die hiesige Fleischindustrie ist zum Brennglas für prekäre Arbeitsverhältnisse, gierige Unternehmer und machtlose Gewerkschaften geworden.

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Die Tönnies Holding ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb. Rund 25.000 Schweine werden täglich im Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück getötet und verarbeitet. Die überwiegende Zahl der Produktionsmitarbeiter kommt aus Osteuropa und ist mit Werkverträgen beschäftigt. Sie sind oft bei Subunternehmen angestellt, die ihre Mitarbeiter häufig in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse drängen. Werkverträge sind nicht nur in der Fleischindustrie üblich, sondern z.B. auch im Bausektor, der Logistikbranche, bei Gebäudereinigern oder in der Automobilindustrie - also überall dort, wo Arbeitgeber ihre Beschäftigten nicht fest anstellen wollen, um hohe Lohnkosten zu vermeiden. Das kritisiert Prof. Dr. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung scharf. Inflationsbereinigt seien die Unternehmensgewinne in den vergangenen 30 Jahren um fast 80 Prozent gestiegen, die Reallöhne dagegen nur um rund 15 Prozent. Das verursache ein gefährliches Schrumpfen der Mittelschicht. Heute hat Deutschland den größten Niedriglohnsektor in ganz West-Europa. Dass es auch anders geht, zeigt ein Besuch in Dänemark. Obwohl einer der ganz großen Schweinefleischproduzenten in Europa, gibt es in der dänischen Fleischindustrie keine vergleichbaren Corona-Ausbrüche. Ein Grund dafür: "In Dänemark muss kein Mitarbeiter befürchten, wegen Krankschreibung seinen Job zu verlieren", so Jensen von der dänischen Lebensmittel-Gewerkschaft. Werkverträge mit Subunternehmern gebe es nicht, alle Mitarbeiter sind beim Unternehmen fest angestellt und in der Regel gewerkschaftlich organisiert. In Deutschland will jetzt Arbeitsminister Hubertus Heil die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie verbessern. Im Juli 2020 hat die Bundesregierung dem Gesetzentwurf für ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft zugestimmt. Ab dem 1. Januar 2021 darf bei der Schlachtung, der Zerlegung und der Fleischverarbeitung kein Fremdpersonal mehr eingesetzt werden. Die Dokumentation geht der Frage nach, wie sehr die prekären ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse den deutschen Sozialstaat aushöhlen und zur Gewinnmaximierung der Unternehmen im großen Stil missbraucht werden.