Sukhdev: ″Unternehmen müssen ihre Kosten für die Natur messen″ | Wirtschaft | DW | 21.10.2013
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Wirtschaft

Sukhdev: "Unternehmen müssen ihre Kosten für die Natur messen"

Unternehmen sollen nicht nur ihre Gewinne ausweisen, sondern auch das, was sie an Schäden in Natur und Gesellschaft verursachen. Die Wirtschaft muss sich ändern, sagt der ehemalige Deutsche Bank-Manager Pavan Sukhdev.

DW: Mit Ihrem neuen Buch und der begleitenden Kampagne wollen Sie eine sogenannte Corporation "2020" ins Leben rufen. Was sind die Hauptunterschiede zwischen der Corporation "1920" und der "Corporation 2020"?

Pavan Sukhdev: Heutzutage sind die meisten Firmen das, was ich eine "Corporation 2020" (Unternehmen 2020) nenne. Es geht ihnen nur um Größe, ständig werben sie in unmoralischer Art, sie versuchen, sich viel Geld zu leihen und häufen hohe Schulden an. Diese Firmen schauen nur auf ihren Gewinn. Das sind Unternehmen des alten Typus. Der neue Typus wird sich mehr Gedanken über die Auswirkungen auf die Gesellschaft machen. Tatsächlich werden sie ihre Auswirkungen auf die Natur, auf die Menschen, die Gesellschaft und das Sozialkapital messen und darüber, dem Vorstandsvorsitzenden und der Öffentlichkeit berichten müssen.

Sie zitieren Berichte, die besagen, dass 100 globale Branchen Umweltschäden im Wert vom 7,3 Milliarden Euro verursachen. Wie erklären Sie das einem Laien?

Wenn zum Beispiel die Palmölbranche den Regenwald abholzt, um Palmen für Palmöl anzubauen, dann zerstören sie auch die Güter und Dienstleistungen, die aus dem Wald kommen und sie zerstören die CO2-Speicherungskapazität des Waldes. All das erzeugt für die Gesellschaft und die Ökonomie Kosten. Wirtschaftswissenschaftler nennen das externe Auswirkungen oder Kosten für Dritte.

Was muss sich ändern?

Wenn man etwas managen will, dann muss man es messen. Sie müssen die Gesamtkosten, die Sie an der Natur und der Gesellschaft verursachen, messen und ausweisen. Das für sich alleine würde schon Druck erzeugen. Wenn ein Geschäftsführer der Öffentlichkeit sagen würde: "OK, ich habe 100 Millionen Dollar Gewinn gemacht, aber die Kosten für die Natur beliefen sich auf 200 Millionen Dollar und für die Gesellschaft auf noch mal 100 Millionen Dollar", würde er sich das zweimal überlegen. Er würde sein Geschäftsmodell oder seine Lieferkette ändern. Aber was man nicht misst, kann man nicht berichten und nichts wird sich ändern. Ich hoffe, dass bis zum Jahr 2020 wenigstens die Hälfte der großen Unternehmen sich dieses Denken zu eigen gemacht hat. Sie sollten anfangen, ihre negativen Auswirkungen zu messen und darüber zu informieren und ihre Kosten für die Natur und die Gesellschaft zu reduzieren.

Was könnte Unternehmen oder deren Geschäftsführer, die sich bis jetzt hauptsächlich um Gewinnmaximierung ihrer Aktionäre gekümmert haben, dazu bewegen, diese Kosten zu messen?

Es gibt bislang nur wenige Unternehmen, die damit angefangen haben, wie zum Beispiel Puma unter Jochen Seitz (Ex-Puma-Chef, d. Red.). Allein dieses Führungsverhalten wird nichts ändern, wir brauchen dafür mehr Anhängerschaft. Wir brauchen Bilanzierungsregeln und Bestimmungen. Die weltweiten Rechnungslegungsbehörden, wie das International Accounting Standards Board, müssen Regeln festlegen und dann müssen die lokalen Behörden in Deutschland, Großbritannien und den USA diese Regeln umsetzen. Wir reden also nicht darüber, dass Regierungen eingreifen, sondern Rechnungslegungsbehörden.

Eine Sammlung alter Puma-Schuhe ist am Mittwoch (15.02.2012) in der Puma-Zentrale in Herzogenaurach (Mittelfranken) in einer Vitrine ausgestellt. Der Sportartikelhersteller Puma hat nach einem Rekordumsatz im vergangenen Jahr für 2012 und 2013 ein weiteres Wachstum im oberen einstelligen Bereich angekündigt. Die Franken hatten im vergangenen Jahr ihre Erlöse um 11,2 Prozent auf rund 3,01 Milliarden Euro gesteigert und ein operatives Ergebnis von 333,2 Millionen Euro erzielt. Foto: David Ebener dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Sukhdev sagt, dass Unternehmen dem Beispiel von Firmen wie Puma folgen sollen

Wie viel Einfluss können Öffentlichkeit und Verbraucher nehmen, wenn sie zum Beispiel Unternehmen kritisieren, die diese Standards nicht einführen?

Ich glaube, die Bürger können einen großen Einfluss nehmen. Sie sollten sehen, was möglich ist, sie sollten Puma anschauen, wie es über die Umweltauswirkungen berichtet oder Infosis aus Indien, wie es über seine Umweltauswirkungen informiert. Jochen Seitz und Richard Branson von Virgin haben das B Team initiiert, eine Gruppe von Unternehmen, die all das wissen wollen. Und die Bürger sollten zu ihren Regierungen gehen, damit diese die Rechnungslegungsbehörden darauf aufmerksam machen.

Warum sollten die großen Unternehmen ihren starken Einfluss und ihre hohen Gewinne aufgeben?

Sie werden diesen Einfluss und den Profit nur aufgeben, wenn es für sie teuer wird, mit ihrem Geschäftsmodell wie bisher weiterzumachen. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Erstens, ihr Ruf wird sich verschlechtern, weil einige Unternehmen sich zum Guten ändern und sie nicht. Zweitens, ihr Marktanteil wird sich verringern, weil manche Gruppen, Unternehmen und auch Konsumenten - wenn es ein Einzelhandelsunternehmen ist - aufhören, bei diesen Unternehmen einzukaufen. Es ist also eine Mischung aus Konsumentendruck, Druck von Nichtregierungsorganisationen und dem Verlust des Ansehens. Aber schlussendlich wird es eine Änderung der Regeln sein, die den Unterschied machen wird.

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Werbeagenturen sollen sich auch mit moralischen Grundsätzen beschäftigen, sagt Sukhdev

Könnte das 21. Jahrhundert das Jahrhundert werden, in dem ethisches Verhalten ein verkaufsförderndes Argument ist?

Ja, und ganz speziell bei der Werbung. Werbung hat heutzutage "gutes Verkaufen" als Ziel und ich glaube, das Ziel muss das "Verkaufen des Guten" werden. Ich habe Werbeagenturen sagen hören, dass sie nicht dazu da seien, eine moralische Position einzunehmen, sondern dass sie da seien, um Kundenwünsche der Firmen zu erfüllen. Ich glaube, dass das inakzeptabel ist. Ich meine, dass jeder Geschäftszweig eine moralische Position einnehmen und dass Werbung verantwortungsbewusst sein muss.

Ihr Buch, "Corporation 2020", wurde gerade auf Deutsch veröffentlicht. Wird dieses Buch auf Deutschland und andere europäische Länder und Unternehmen eine andere Auswirkung haben als in den USA und in China?

Ich hoffe wirklich, dass es für diese Ideen Unterstützer geben wird. So wie es schon eine Initiative zur Bilanzierung von externen Auswirkungen gibt, hoffe ich, dass sich neue Initiativen gründen mit Zielen wie verantwortungsvoller Werbung, der Limitierung von Fremdkapital und der Idee, dass Besteuerung nicht mehr auf Gewinne und Gehälter zielt, sondern auf Ressourcenverbrauch und Ressourcengewinnung. Im Grunde ist es eine Herausforderung, bei der es um die Ressourcen geht. Auf einem globalen Niveau verwalten wir unsere Ressourcen schlecht. Wir müssen einfach nur besser zusammenarbeiten. Die heutige Welt ist zu kompliziert und so sehr miteinander verbunden, dass es viel zu gefährlich wäre, nicht zusammenzuarbeiten.

Pavan Sukhdev ist der Autor von "Corporation 2020: Warum wir Wirtschaft neu denken müssen." Er hat 14 Jahre bei der Deutschen Bank gearbeitet, bevor er die Green Economy Initiative der UN-Umweltorganisation UNEP leitete und Kopf der TEEB zur Erfassung des ökonomischen Werts von Natur und Ökosystemen wurde.

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