Studie: Wie die jungen Russen ticken | Europa | DW | 03.07.2018
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Jugend in Russland

Studie: Wie die jungen Russen ticken

Soziale Netzwerke statt Zeitungen, Konservatismus statt Offenheit. Eine neue ZOiS-Studie liefert interessante Details zum Porträt der heutigen Jugend in Russland.

Russland Opposition Proteste in Moskau (Getty Images/AFP/M. Antonov)

Anti-Korruptions-Proteste in Moskau 2017

Jugendliche in Russland nehmen zwar sehr selten an Protestaktionen teil, interessieren sich aber für Politik und sind über Ziele der Proteste gut informiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS), die in englischer Sprache unter dem Titel "Youth in Russia: Outlook on Life and Political Attitudes" veröffentlicht wurde.

Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Online-Umfrage, die im April 2018 nach den russischen Präsidentschaftswahlen durchgeführt wurde. Diese Umfrageform sei verständlicher für junge Menschen und biete zudem mehr Anonymität, die im "restriktiven politischen Umfeld" nötig sei, erklärten die Autoren der Studie. Etwa 2000 junge Menschen aus 15 russischen Städten im Alter von 16 bis 34 haben an der Umfrage teilgenommen.

Interesse an Politik und mangelndes Wissen

Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) gaben an, sich sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik zu interessieren. Doch politisch bewandert sind die wenigsten von ihnen. Nur zwei Prozent konnten die wichtigsten politischen Figuren der letzten Jahrzehnte im postsowjetischen Raum oder die wichtigsten westlichen Politiker von heute benennen. Auch wussten die meisten nicht, wie viele Einwohner Russland hat oder wie viele Länder in der EU sind.  

Junge Russen vertrauen auf Präsident Putin

Die Umfrage lieferte ein klares Bild über die Beteiligung am politischen Prozess. 61 Prozent der Befragten gaben an, bei der letzten Präsidentschaftswahl im März dieses Jahres ihre Stimme abgegeben zu haben, 67 Prozent von diesen für Wladimir Putin.

Präsident Vladimir Putin Jugend Forum Tver 29.8.2014 (Reuters)

Putin auf einem Jugendforum (2014)

Die Zustimmungswerte für den russischen Präsidenten sind hoch unter Jugendlichen, wie die ZOiS-Studie feststellt. Sonst genießt nur die eigene Armee bei den jungen Russen großes Vertrauen. Viel weniger vertraut man den Medien in Russland sowie der Russischen Orthodoxen Kirche.

Proteste? Junge Menschen wissen Bescheid

Was Soziologen noch herausgefunden haben ist, dass junge Russen sind über Protestaktionen des letzten Jahres gut informiert waren. Etwa 60 Prozent der Befragten haben bestätigt, dass sie von Protestbewegungen gehört haben. Sie wussten auch, dass diese gegen die amtierenden Machthaber inklusive Putin gerichtet waren, aber auch gegen Korruption. Allerdings hätten nur 5 Prozent an den Demonstrationen persönlich teilgenommen.

Keine Überraschung für Felix Krawatzek. "So erstaunlich sind diese Zahlen auch nicht. Das kennen wir von anderen Studien. Die Auswirkungen für Teilnehmer von Protestaktionen sind im repressiven russischen Regime natürlich hoch. Man weiß darüber Bescheid, dass man kurzfristig eingesperrt werden kann und dass die Sicherheitskräfte relativ gnadenlos vorgehen. Das schreckt ein Stück weit ab", beschreibt der Soziologe die vermeintliche Logik im DW-Gespräch. 

Doch auch hier beobachteten die Studienautoren eine interessante Diskrepanz. Etwa ein Drittel der Befragten erklärte sich nämlich bereit, an Protesten teilzunehmen und 17 Prozent sagten, sie würden Leute kennen, die bereits an Protesten teilgenommen haben. "Wenn man weiterdenkt, wie sich das im Alltag auswirkt, dann stützt das die These, dass sie sich für Politik interessieren und zeigt, wie politisch sozialisiert diese Generation ist und dass sie die Proteste als legitim ansieht", sagt Felix Krawatzek.

Russland Proteste in Sankt Petersburg (Reuters/A. Vaganov)

Anti-Korruptions-Proteste in St. Petersburg 2017

Das Wichtigste? Lebensqualität erhöhen

Und doch haben nicht die politischen Interessen Priorität bei jungen Russen. "Die wichtigste Erwartung an die Regierung ist ganz klar die Verbesserung der Lebensqualität", fasst Felix Krawatzek zusammen. 56 Prozent haben dieses Thema als die wichtigste und weitere 20 Prozent als die zweitwichtigste Priorität bezeichnet.

Hier sieht der Soziologe kaum Stimmungsunterschiede zwischen der russischen und der europäischen Jugend: "Das finden wir in Europa genau so".

So kriegen junge Russen Nachrichten

Auch sollte es niemanden überraschen, dass die sozialen Netzwerke mittlerweile eine wichtige Quelle für Nachrichten über die Weltereignisse für junge Menschen in Russland geworden sind. Das gilt für etwa 30 Prozent der Befragten. Führend ist nicht Facebook, sondern das russische Pendant Vkontakte (19 Prozent). Der Zuckerberg-Riese und Twitter folgen weit abgeschlagen (1,5 und 1,4 Prozent). 

Weitere 23 Prozent der Befragten bekommen relevante Informationen über andere Internetportalen. Zeitungen sind faktisch Geschichte. Nicht so das Fernsehen: Das bleibt für fast jeden Dritten immer noch eine relevante Nachrichtenquelle, so die ZOiS-Umfrage.

Subtile Beeinflussung beginnt schon in der Schule

Der russische Staat setzt sich für eine sehr aktive Arbeit mit jungen Menschen ein - besonders seit der Orangenen Revolution im Nachbarland Ukraine 2004. Es wurden viele Jugendorganisationen gegründet, um junge Russen im Sinne des Kremls zu beeinflussen. Doch sie sind längst von der Oberfläche verschwunden und haben keinen bzw. kaum Einfluss auf die russische Jugend von heute, konstatieren die Soziologen.

Was überhaupt nicht heißt, dass der Kreml im Kampf um die Stimmen der jungen Leute aufgegeben hat, sagt Felix Krawatzek der DW. "Die Beeinflussung läuft jetzt ein bisschen anders, nicht durch offensive und aggressive Rekrutierung in diese Jugendorganisationen, sondern subtiler." Ein wichtiger Aspekt dabei sei die ideologische Beeinflussung in russischen Schulen.

Was ist anders an der Jugend in Russland im Vergleich zu Europa?

Felix Krawatzek Pressegespräch am ZOiS (DW/N. Jolkver)

Felix Krawatzek

Grundsätzlich halten die Soziologen fest, dass man weniger von einer "Einheit" oder einem in sich "geschlossenen Akteur" sprechen soll, da Jugendliche eine heterogene Bevölkerungsschicht sind. Das gilt auch für Russland, obwohl da einige Besonderheiten zu beobachten seien. Es gebe nämlich einen Riss, der durch russische Jugend ginge, so die ZOiS-Studie: auf der einen Seite eine konservative, regime-loyale Schicht, die einen Wert auf den Begriff "Nation" legt, und auf der anderen Seite eine liberale Schicht, für die Weltoffenheit und Chancengleichheit wichtig sind.

Es gebe kaum internationale Vergleichsstudien dazu, sagt Krawatzek, aber man könne davon ausgehen, dass "die Unterstützung multikultureller Werte in Russland unter von uns befragten Jugendlichen ein bisschen geringer als in westlichen Ländern und die Unterstützung für konservative, nationale Werte ein bisschen höher ist".

Doch das Bild ändert sich, wenn man konkrete Fragen jungen Russen stellt. Die höchste Zustimmung bekamen demnach die Thesen über gleiche Möglichkeiten für alle und über örtliche Selbstverwaltung. "Diese Modelle gelten traditionell als Teil der liberalen Ideologie. Und das sind Werte, bei denen es Ähnlichkeiten mit westlichen Jugendlichen gibt", findet Felix Krawatzek.

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