Studie: Mehr Gas geben für den Klimaschutz | Wirtschaft | DW | 24.11.2017
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Energiewende

Studie: Mehr Gas geben für den Klimaschutz

Deutschland kann seine Klimaziele erreichen und trotzdem Milliarden Euro beim Umbau seiner Wirtschaft bis zum Jahr 2050 sparen. Allerdings müsse man, so eine aktuelle Studie, bestehende Infrastrukturen besser einbinden.

Seit Jahren gibt es immer neuen Studien, in denen es um die Einsparung von Treibhausgasen und den Umbau der Wirtschaft geht. Nur so, lautet die Botschaft vieler Papiere, lasse sich der Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren und die ehrgeizigen Ziele der Klimapolitik umsetzen. Dreh- und Angelpunkt sei dabei die Abschaltung von Kohlekraftwerken und anderen klimaschädlichen Technologien sowie der konsequente Ausbau Erneuerbarer Energien.

Alles in Prozenten aufgeschlüsselt, mit Diagrammen und Grafiken unterlegt und konkreten Forderungen an die Politik versehen. Alles viel zu akademisch, zu theoretisch und zu wenig praxistauglich, meinten drei Top-Manager aus der Energiebranche in Nordrhein-Westfalen. Und so kamen Dieter Steinkamp von der RheinEnergie in Köln, Jörg Bergmann von Open Grid Europe und Henning Deters von Gelsenwasser auf die Idee, selbst eine Studie in Auftrag zu geben. "Unsere Zielrichtung war dabei konkreter und nicht theoretischer Klimaschutz", sagt Henning Deters, der Vorstandsvorsitzender des Versorgers Gelsenwasser in Gelsenkirchen ist. Im Auftrag der drei Unternehmen gingen die Berater von ewi Energy Research & Scenarios in Köln dabei der Frage nach, welchen Beitrag bestehende Gas- und Wärmenetze leisten Können, um den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 und bis 2050 zu reduzieren.

Dazu untersuchten die Autoren zwei mögliche Szenarien, wie die klimapolitischen Ziele Deutschlands bis 2030 beziehungsweise 2050 erreicht werden können. Im Szenario "Revolution" gingen sie davon aus, dass der Gesetzgeber die Elektrifizierung des Endverbrauchermarktes, etwa mit Wärmepumpen, so forciert, dass Gas- und Wärmenetze immer mehr an Bedeutung verlieren - ein so genanntes "all electric scenario".

Im Szenario "Evolution" sollten dagegen keine ordnungsrechtlichen Vorgaben die Wahl einer bestimmten Technologie beeinflussen und bestehende Gas- und Wärmenetze - natürlich ganz im Sinne der beauftragenden Unternehmen - weiter genutzt werden.

ewi Energy Research & Scenarios gGmbH (ewi ER&S)

Harald Hecking, Dieter Steinkamp, Jörg Bergmann und Henning Deters (von links) bei der Vorstellung der Studie

Einsparpotential von 140 Milliarden Euro

Die Klimaziele ließen sich laut Studie in beiden Szenarien erfüllen: eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 50 Prozent bis 2030 und um bis zu 95 Prozent bis 2050. "Wir können die Ziele erreichen, aber wir können sie auch kostengünstiger erreichen", unterstreicht Henning Deters. Denn im Szenario "Evolution", so haben die Studienautoren errechnet, können bis 2050 Kosten in Höhe von rund 140 Milliarden Euro eingespart werden.

Der Grund: Ohne eine zu frühe Festlegung auf bestimmte Technologien könne man vermeiden, beim Klimaschutz aufs falsche Pferd zu setzen.  "Wir sagen nicht, diese Studie ist das einzig Wahre. Aber sie zeigt einen machbaren Weg auf. Und diese Machbarkeiten wollen wir nicht liegen lassen", so Deters. Außerdem sei es unmöglich, schon heute zu wissen, welche Technologien sich in den nächsten Jahren durchsetzen werden, um auch nach 2030 möglichst kostengünstig die gesteckten Klimaziele zu erreichen.

"Da wir nicht wissen, wie sich Märkte und Technologien in den kommenden Jahrzehnten entwickeln werden, bietet dieser Weg auch mehr Flexibilität und Chancen", betont Harald Hecking. Er ist Geschäftsführer der ewi Energy Research & Scenarios gGmbH, einem Spin-off des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität zu Köln und hatte die Federführung bei der Studie. 

Alter Heizkessel (imago/INSADCO)

Stille Reserve für CO2-Einsparungen: Veraltete Ölheizungen wie diese warten in Millionen deutscher Keller

Eines von vielen Beispielen ungenutzter Infrastrukturmaßnahmen ist die technisch machbare Umrüstung von rund sieben Millionen Ölheizungen. Die befinden sich in Gebäuden, die ans Gasnetz angeschlossen sind oder in Straßen liegen, wo es bereits eine Gasleitung gibt. Wenn man diese Ölheizungen gegen Gasheizungen austauschen würde, lassen sich CO2-Einsparungen von 30 Prozent erreichen, rechnet Jörg Bergmann von Open Grid Europe vor. Und wenn man die alte Ölheizung gleich gegen eine Gas-Brennwertheizung austauscht, schwärmt der Chef des Netzbetreibers, der aus EON Ruhrgas hervorgegangen ist, dann ließen sich sogar 50 Prozent CO2 einsparen.

Dieter Steinkamp wird noch konkreter: Bis 2030 könnten allein durch die Umrüstung alter Heizungen auf moderne Gastechnik rund 30 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Das sei wie die Studie "ganz praktisch und mit spitzem Bleistift gerechnet", so der Rheinenergie-Chef. Natürlich verblassen solche Einsparungen bei einem CO2-Ausstoß von derzeit mehr als 900 Millionen Tonnen pro Jahr in Deutschland. Doch um beim Klimaschutz voranzukommen müssten künftig alle verfügbaren Technologien genutzt werden, empfiehlt auch die der Bundesregierung unterstellte Deutsche Energieagentur (Dena). Und Studienautor Hecking ist davon überzeugt, dass sich dieser technologieoffene Ansatz in der Energiewende durchsetzen wird: "Ein rein elektrisches Szenario bei der Energiewende ist einfach unwahrscheinlich." 

 

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