Studie: Homosexuelle in der Bundeswehr jahrelang diskriminiert | Nachrichten & Analysen: der globale Blick auf Schlagzeilen | DW | 19.09.2020
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Militär

Studie: Homosexuelle in der Bundeswehr jahrelang diskriminiert

Eine Studie gibt Einblick in die Diskriminierung Homosexueller in der Bundeswehr vor dem Jahr 2000. Das Verteidigungsministerium will Betroffene entschädigen. Doch man werde "nicht jedem Schicksal gerecht werden" können.

Bonn Ernennungszeremonie der ersten 101 Bundeswehr Soldaten (picture alliance/akg-images)

Ernennungszeremonie der ersten 101 Bundeswehr Soldaten am 12. November 1955 in Bonn

1964 sollte der damals 21-jährige Marine-Soldat Dierk Koch eigentlich mit anderen Militärangehörigen zu den Olympischen Spielen in Tokio reisen. "Können Sie sich vorstellen, auf welch einer Wolke ich geschwebt bin vor Vergnügen?", sagte der heute 77-Jährige bei einer Veranstaltung des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin. Zwei Wochen vor der Reise wurde er ohne Vorwarnung zu seinem Kommandanten zitiert, der ihm klar machte, dass er die Reise nicht antreten - und unehrenhaft entlassen werde.

Kochs einziges "Verbrechen" war es, schwul zu sein. "Soldaten der Marine, die in so etwas verwickelt sind, können wir nicht in die Welt hinausschicken", habe man ihm gesagt. Für Koch brach eine Welt zusammen: "Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie mir da zumute war?"

Kochs Geschichte ist eine von jenen, die das Bundesverteidigungsministerium in einer neuen Studie zum Umgang mit homosexuellen Soldaten in der Bundeswehr von 1955 bis 2000 ans Licht gebracht hat. Annegret Kramp-Karrenbauer kündigte bei der Vorstellung der Studie am Donnerstagabend an, einen Gesetzentwurf zur Rehabilitierung ehemals diskriminierter Homosexueller in der Bundeswehr vorantreiben zu wollen.

Systematische Diskriminierung

Im Jahr 2000 wurden Homosexuelle in der Bundeswehr erstmals gesetzlich vor Diskriminierung geschützt. "Wir dürfen nicht drum herum reden", sagte Kramp-Karrenbauer bei der Veranstaltung in Berlin. "In der Bundeswehr wurden seit ihrer Gründung 1955 jahrzehntelang homosexuelle Soldaten und später auch Soldatinnen systematisch diskriminiert." Die Haltung der Bundeswehr zur Homosexualität sei falsch gewesen. "Sie war damals schon falsch und hinkte der Gesellschaft hinterher. Und sie war es aus heutiger Sicht umso mehr", so die Ministerin. "Ich bedaure diese Praxis sehr. Und bei all denen, die darunter zu leiden hatten, bitte ich um Entschuldigung."

Deutschland Veranstaltung Zwischen Tabu und Toleranz Bundeswehr Homosexualität (Bundeswehr/Torsten Kraatz)

Wurde wegen seiner Homosexualität unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen: der ehemalige Marine-Soldat Dierk Koch

Die Studie mit dem Titel "Tabu und Toleranz: Umgang der Bundeswehr mit Homosexualität von 1955 bis zur Jahrtausendwende" wurde von Kramp-Karrenbauers Vorgängerin Ursula von der Leyen in Auftrag gegeben. Ihr Autor, Oberstleutnant Klaus Storkmann, führte dafür Interviews mit rund 60 Zeitzeugen, die meisten von ihnen Soldaten, die vor 2000 gedient hatten.

Entlassungen wie die von Koch waren demnach nicht selten. Erzwungene medizinische Untersuchungen kamen ebenfalls häufig vor, wie etwa im Fall des nicht in dem Bericht erwähnten Soldaten Chris. Er verließ die Armee 1992, nachdem er für medizinische Tests in ein Militärkrankenhaus geschickt worden war, weil er sich als schwul geoutet hatte. Für ihn sind die in der Studie beschriebenen Geschichten "nicht überraschend".

Für die Studie wurden auch aktive Soldaten befragt. "Das Verteidigungsministerium trifft sich seit Monaten mit QueerBW", sagte Sven Bärig der DW. Er ist Sprecher von QueerBW, einer Interessenvertretung homosexueller Soldaten in der Bundeswehr.

Der 25-Jährige, der ebenfalls auf der Veranstaltung zur Vorstellung der Studie sprach, erzählte auch von Diskriminierung, die er erlebt habe. "Auch wenn es per Gesetz verboten ist, hat ein Betroffener immer Angst vor Diskriminierung", sagte er.

Eine Frage der Toleranz

Der Militärhistoriker Storkmann wies auch auf die Beispiele von Toleranz hin, die seine Studie neben den Diskriminierungsfällen aufgedeckt habe. Auch, wenn systematische Diskriminierung zu dieser Zeit noch weit verbreitet gewesen sei, hätten die Aussagen von Soldaten, die in den 80er und 90er Jahren gedient hatten, gezeigt, dass Homosexuelle - manchmal stillschweigend - akzeptiert wurden.

Deutschland Veranstaltung Zwischen Tabu und Toleranz Bundeswehr Homosexualität (Bundeswehr/Torsten Kraatz)

Sprach für seine Untersuchung mit 60 Zeitzeugen: Klaus Storkmann

Nach Ansicht des Ex-Soldaten Chris spiegelte diese Entwicklung die sich veränderte Mentalität in Deutschland insgesamt wider.

"Die Welt hat sich einfach verändert", sagte er der DW. "Die Toleranz und das Bewusstsein für Homosexuelle nahmen in der normalen Gesellschaft zu - und die Armee existierte nicht im luftleeren Raum."

Aufdeckung sexueller Gewalt

Die Studie untersucht auch Fälle sexueller Übergriffe in der Bundeswehr, die im 20. Jahrhundert ein rein männliches Umfeld war.

"Sexualisierte Gewalt von Männern an Männern war lange Zeit ein noch größeres Tabu im Tabu der Homosexualität", sagte Storkmann bei der Vorstellung seiner Untersuchung. Die Studie unterscheide zwischen Fällen sexueller Übergriffe und einvernehmlichem Sex zwischen Männern, der zu öffentlichen "Outings" führte, erklärte Storkmann. Warum jedoch eine Studie zur Diskriminierung homosexueller Männer auch sexuelle Gewalt untersucht, ist unklar.

"Beide Themen sind unglaublich wichtig, sollten aber unabhängig voneinander untersucht werden", sagt Chris. Viele Männer werden von Menschen diskriminiert, die glauben, Schwule seien potenzielle Sexualstraftäter.

Bundeswehr in Ulmen I Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (picture-alliance/J. Krick)

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, hier im Juli in Ulmen

Kramp-Karrenbauer bestätigte nicht, ob das Verteidigungsministerium die Fälle sexueller Gewalt von Männern gegen Männer, die durch die Studie ans Licht gekommen sind, weiter verfolgen wird.

Ein Fall von "Pink-Washing"?

Nach Ansicht von Kritikern wird sich der Sinn der Studie erst zeigen, wenn ihr Taten folgen. "Ich bin froh um die Studie, aber die Vorstellung wirkt wie Pink-Washing", sagte ein aktiver Soldat, der anonym bleiben wollte, der DW. Pink-Washing bezeichnet von Regierungen oder kommerziellen Organisationen betriebene Politik, die die LGBTI-Vertreter und deren Verbündete ansprechen soll, aber nicht unbedingt wirkliche Veränderungen herbeiführt.

Zu den Zielen des geplanten Gesetzentwurfs gehören laut Kramp-Karrenbauer die Aufhebung von Urteilen gegen Soldaten, die wegen ihrer sexuellen Orientierung juristisch belangt wurden, sowie die finanzielle Entschädigung derer, die etwa entlassen wurden oder bei Beförderungen übergangen wurden.

"Werden nicht jedem Schicksal gerecht werden können"

Jeden Betroffenen ausfindig zu machen, könnte aber schwierig werden. Chris, der inzwischen im Ausland lebt, sagt, er hätte von den Plänen möglicherweise gar nicht erfahren, wenn die Interessenvertretung QueerBW, die vom Verteidigungsministerium unabhängig ist, ihn nicht kontaktiert hätte.

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 "Wir werden nicht jedem Schicksal und jedem Unrecht gerecht werden können", räumte Kramp-Karrenbauer ein.

Sowohl ihm als auch Dierk Koch, dem 1964 entlassenen Marine-Soldaten, sind eine offizielle Entschuldigung und ein Eingeständnis vergangener Fehler wichtiger als eine finanzielle Entschädigung.

Ihm sei noch 2019 mitgeteilt worden, dass die Bundeswehr sich nicht bei ihm entschuldigen werde, erzählte Koch in Berlin. Dass das Verteidigungsministerium sich inzwischen entschuldigt hat, sei "sehr viel mehr wert als eine finanzielle Entschädigung". Ebenso wie das Eingeständnis, "dass es etwas Falsches war, was geschehen ist, und dass mein Leben nicht falsch war".

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