Stress im Freibad: Wenn der Respekt verloren geht | Deutschland | DW | 30.07.2019
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Deutschland

Stress im Freibad: Wenn der Respekt verloren geht

Immer mehr Freibäder verstärken ihre Sicherheit, weil es zu Tumulten kommt. Junge Migranten aus den Maghreb-Staaten gelten oft vorschnell als Tatverdächtige. Doch dann müssen sich sogar Oberbürgermeister korrigieren.

Freibäder sind zu "Orten des Schreckens" geworden - der Meinung ist zumindest der Präsident des Verbandes deutscher Schwimmmeister, Peter Harzheim. Und wer die Medienberichterstattung der vergangenen Tage und Wochen verfolgt hat, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass sich das Freibad zur NoGo-Area des Sommers entwickelt hat.

Bäder in Griesheim, Stuttgart, Kehl, Pankow oder Düsseldorf mussten zuletzt wegen Randalen, Handgreiflichkeiten oder Überfüllung geräumt oder vorzeitig geschlossen werden. Das Düsseldorfer Rheinbad führt nach dem dritten größeren Vorfall innerhalb eines Monats nun eine Ausweiskontrolle mit Bändchen am Einlass ein. Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma sorgen zusätzlich für Schutz.

Nordafrikaner vorschnell als Tätergruppe ausgemacht

Die mutmaßlichen Täter waren gerade in Düsseldorf schnell ausgemacht: Von 50 bis 60 Jugendlichen nordafrikanischer oder arabischer Herkunft war unter Berufung auf die Polizei in diversen Medien zunächst die Rede. Auch Schwimmmeister-Verbandschef Harzheim sagte im Gespräch mit der DW, dass aus seiner Sicht Nordafrikaner aus den Maghreb-Staaten und dem arabischen Raum unsere "Wertvorstellungen mit Füßen treten" und dass die Vorfälle seit 2015 "exorbitant zugenommen" hätten. Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) sprach von Jugendlichen, "die im Teil erkennbar nordafrikanischer Herkunft waren".

Deutschland Rheinbad Düsseldorf (DW/M. Müller)

Das Rheinbad in Düsseldorf hat nach mehreren Vorfällen aufgerüstet

Statistiken darüber, wie viele Übergriffe oder eskalierende Konflikte in den knapp 3000 Freibädern in Deutschland stattfinden, gibt es nicht. Auch nicht über die Herkunft der Täter. Wenige Tage nach den Vorfällen in Düsseldorf mussten Oberbürgermeister, Stadtdirektor und Bädergesellschaftspräsident in einer Pressekonferenz aber einige Dinge korrigieren.

Verantwortliche in Düsseldorf korrigieren Angaben

Berichte über 60 Jugendliche ausschließlich nordafrikanischer Herkunft, die Geisel am Wochenende selbst als "Jugendbande" bezeichnet hatte, waren also nicht zutreffend. "Dass hier ein organisiertes Gruppenverhalten vorliegt, ist jedenfalls nicht der Eindruck, der sich aus den Bildern aufdrängt", so der Oberbürgermeister am Montag während der Pressekonferenz.

Deutschland Pressekonferenz zu Rheinbad | Kettler, Geisel und Hintzsche (picture-alliance/dpa/D. Young)

Roland Kettler (l), Geschäftsführer der Bädergesellschaft, Thomas Geisel (m), Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, und Burkhard Hintzsche, Stadtdirektor von Düsseldorf, bei der Pressekonferenz

Stadtdirektor Burkhard Hintzsche erklärte, die Videoauswertung habe gezeigt, dass zu dem Zeitpunkt, als die Polizei gerufen wurde, deutlich weniger Jugendliche involviert gewesen seien als zunächst berichtet. Und er fügte hinzu: "Die Botschaft, die über die Medien gegangen ist, dass wir es hier von einer Grundgesamtheit von bestimmten Jugendlichen zu tun haben, die hat sich zumindest in dem Gespräch mit der Polizei und den übrigen Partnern nicht bestätigt". 

Im Zuge der Vorfälle am Freitag in Düsseldorf gab es laut Polizei zwei Anzeigen wegen Beleidigung. Beide Täter mit deutschem Pass, beide mit Migrationshintergrund.

Polizeigewerkschaft widerspricht Schwimmmeisterverband

Im Gespräch mit der DW kritisiert der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, Michael Mertens, die Aussagen von Schwimmmeister-Verbandschef Harzheim, seit 2015 würden vor allem Jugendliche aus den Maghreb-Staaten randalieren. "Ich war überrascht ob der Klarheit der Aussage. Ich kann das so nicht bestätigen, da es zwischenzeitlich über die Anzahl und Zusammensetzung der Personen unterschiedliche Aussagen gibt", so Mertens. 

"Wir erleben viel mangelnden Respekt gegenüber Ordnungshütern", fügt er hinzu. "Das ist nicht erst seit 2015 ein Problem, das war es auch schon vorher. Es ist auch ein Problem von Menschen mit Migrationshintergrund, aber nicht nur. Der Respekt vor Institutionen geht insgesamt verloren, das wird ihnen jeder Kontrolleur in der Bahn, jeder Bademeister, jeder Polizist bestätigen."

Fehlende Vergleichsdaten erschweren Einordnung

Dass die Polizei häufiger zu Freibädern ausrücken muss, kann Mertens aber zumindest für Düsseldorf feststellen. Doch die Frage, ob die Vorfälle in Freibädern insgesamt deutlich zugenommen haben, oder ob es das Problem schon immer gab, ist aufgrund der schwierigen Datenlage schwer zu beurteilen.

Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen, sagt: "Selbst wenn man Daten hätte, wäre es ja fraglich, ob man dieses heiße Jahr 2019 zum Beispiel mit dem Jahr 2017, wo es nur geregnet hat, vergleichen könnte", so der Kriminalpsychologe. "Dass 2017 weniger passiert ist, lag sicherlich am Wetter."

Vielfältigere Gesellschaft bietet auch im Freibad Konfliktpotential

Dass es früher ein geringeres Konfliktpotential in deutschen Freibädern gegeben habe, glaubt der renommierte Metropolenforscher und Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba. Viele Freibäder seien in der Nachkriegszeit gebaut worden, und da seien vor allem die lokalen Kinder und Jugendlichen ins Freibad gegangen, sagt Kaschuba im Gespräch der DW.

"Da war kein Anlass zum Konflikt", so der ehemalige Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung. "Heute haben wir eine vielgestaltigere und vielfältigere Gesellschaft, in den Freibädern treffen sich auch viel mehr unterschiedliche Gruppen, unterschiedliche Generationen."  Die Folge: Das Konfliktpotential steigt - im Freibad wie in der Gesellschaft als Ganzes.

Deutschland Wolfgang Kaschuba (picture-alliance/dpa/S. Kembowski)

Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba

Nach solchen Vorfällen wie in Düsseldorf, Berlin oder Hessen über die Herkunft der mutmaßlichen Täter zu reden und diese in bestimmte Gruppen zu unterteilen, hält Kaschuba für wenig sinnvoll und wenig aussagekräftig - vor allem wenn man sich die Zusammensetzung der Gesellschaft ansehe. "In Deutschland ist man bis ins dritte Glied türkisch- oder arabischstämmig", so Kaschuba. "Die meisten sind aber hier geboren." 

Natürlich seien bei solchen Vorfällen Jugendliche mit Migrationshintergrund dabei, so Kaschuba. "Ist ja auch kein Wunder, wenn in den Innenstädten 50 Prozent der Jugendlichen und damit der jungen Männer türkisch- oder arabischstämmig sind." 

Forscher: Rudelbildung bei jungen Männern wichtiger Faktor

Jugendliche mit Migrationshintergrund fielen leichter auf als jene ohne - obwohl sie aus derselben Wohnanlage, derselben Klasse oder demselben Sportverein kämen. "Und so neigen wir dazu, dies so zu thematisieren, als sei das jetzt primär ein migrantisches Phänomen", sagt Kaschuba.

Er selbst macht andere Gründe für die Konflikte im Schwimmbad ausfindig: "Hitze, Enge, Körper, Party: Wenn das zusammenkommt und dann auch die beiden Geschlechter: Das führt automatisch vor allem bei jungen Männern und bei männlichen Jugendlichen zu Rudelbildung."

Deutschland Freibad | Grugabad essen (imago-images/R. Oberhäuser)

Voll, voller, Freibad

Die Hitze an sich, die Menschen verschiedenen Studien zufolge aggressiver werden lassen kann, spielt laut dem Kriminalpsychologen Bliesener aber eine eher untergeordnete Rolle, im Freibad könne man sich schließlich abkühlen. Bliesener sieht eher die Gruppendynamik als Problem. "Man ist unter seinesgleichen. Man hat Publikum - nicht nur unter seinesgleichen - sondern auch andere schauen zu. Man kann sich da zeigen", so der Psychologe.

Polizei fordert mehr Respekt

Viele Freibäder in Deutschland rüsten nun auf, beschäftigen private Sicherheitsfirmen, welche die Bademeister unterstützen und für Ordnung sorgen sollen. NRW-Polizeigewerkschaftschef Mertens fordert: "Es müssen allerdings auch klare Regeln gelten und es dürfen nicht unbegrenzt Menschen in die Freibäder gelassen werden." Und er sagt: "Generell muss in einer offenen Gesellschaft respektvoll miteinander umgegangen werden."

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