Streitpunkt Nationalhymne: Den Spaniern fehlen die Worte | Kultur | DW | 21.04.2018
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Kultur

Streitpunkt Nationalhymne: Den Spaniern fehlen die Worte

Seit dem 18. Jahrhundert können sich die Spanier nicht auf einen Text für ihre Nationalhymne einigen. Spanische Popsänger wollen das nun ändern. Doch eine Einigung scheint nach wie vor schwierig.

Wenn vor Spielbeginn der spanischen Nationalmannschaft die Landeshymne ertönt, sind die Fans der "Furia Roja" auf den Rängen zum Summen verurteilt. Während die Anhänger anderer Nationen ihre Hymne zum Teil inbrünstig mitschmettern, bewegen sich die Lippen der Spanier keinen Millimeter. Das liegt nicht an deren mangelnden Textkenntnissen oder an fehlender Identifikation mit der Heimat. Sondern daran, dass die spanische Hymne schlicht über keine offiziellen Verse verfügt. Immer wieder wurde in der 250-jährigen Geschichte der "Marcha Real" (des Königlichen Marschs) versucht, Worte zu finden - bisher ohne Erfolg.

Die spanische Sängerin Marta Sánchez steht vor einem Geländer im Teatro de la Zarzuela in Madrid. (picture-alliance/NurPhoto/O. Gonzalez)

Die spanische Pop-Sängerin Marta Sánchez präsentierte im Februar ihre Version der spanischen Nationalhymne im Teatro de la Zarzuela in Madrid.

Die spanische Popsängerin Marta Sánchez hat frischen Wind in die Debatte um einen geeigneten Text gebracht. Bei einem Konzert in Madrid gab die 51-Jährige ihre eigene Interpretation der Hymne zum Besten.Für ihre patriotischen Verse erntete Sánchez sowohl große Anerkennung als auch jede Menge Kritik. Der spanische Premierminister Mariano Rajoy lobte die Performance bei Twitter als "sehr gute Initiative". Seiner Ansicht nach könne sich die Mehrheit der Spanier mit ihren Worten identifizieren.

Über diese Einschätzung wunderte sich die Zeitung "El País" kurz darauf und fragte, auf welche Umfragewerte sich der konservative Politiker denn stütze. Sánchez sang von einem "großen Spanien" und schwärmte von den rot-gelben Farben der Nationalflagge, die in ihrem Herzen flammten. In einem Land, das durch das Unabhängigkeitsreferendum Kataloniens eine tiefe Identitätskrise erfuhr, dürften ihre Zeilen bei Teilen der Bevölkerung daher auf offene Ablehnung stoßen.

Oppositionspolitiker teilten Rajoys Ansicht daher nicht: "Wir sehen im Patriotismus nicht nur Symbole, Flaggen oder Hymnen. Patriotismus steht auch für das Gesundheitssystem, Bildung und Rechte der Arbeiter in unserem Land", so Pablo Echenique, von der linkspopulistischen Partei Podemos. Die sozialistische Politikerin Carmen Calvo kommentiert die Diskussion knapp: "Unsere Hymne hat keinen Text. Punkt."

Abad: "Eine Hymne braucht einen Text"

Dabei will es Sänger Alejandro Abad, Teilnehmer beim Eurovision Song Contest (ESC) im Jahr 1994, jedoch nicht belassen. "Eine Hymne braucht einfach einen Text. Sonst ist es keine Hymne", so der in Chile geborene Musiker gegenüber der Zeitung "La Vanguardia". Auch er habe seit einiger Zeit an einem Text für die spanische Nationalhymne gearbeitet. Bisher habe er sich allerdings nicht getraut, sein Werk zu veröffentlichen. Die Performance von Marta Sánchez' hat Alejandro Abad nach eigener Aussage nun neuen Mut verliehen, seine Verse zu präsentieren. Sein Stück solle in erster Linie modern wirken. Auf martialische Passagen, wie etwa in der französischen Marseillaise, habe er deshalb bewusst verzichtet. Mit seiner "Canta España" und Zeilen wie "Sing Spanien, deine Völker und deine Geschichte werden dich schützen" besingt Abad die Diversität und das multikulturelle Zusammenleben der Spanier, aber mit "einem einzigen Herzen". Eine Wortwahl, die womöglich auch von Separatisten akzeptiert werden könnte. Ob sein Werk allerdings offiziell anerkannt wird, steht derzeit in den Sternen.

Einige vergleichbare Anläufe sind in der Vergangenheit krachend gescheitert. Zuletzt hatte das Nationale Olympische Komitee (NOK) im Jahr 2007 einen offiziellen Wettbewerb ausgerufen, um einen Text für die Hymne zu finden. Der Siegertext aus über 7.000 Einsendungen, "Viva España!" ("Es lebe Spanien"), stieß in der Öffentlichkeit auf breite Ablehnung. Die größte spanische Sportzeitung "Marca" bezeichnete das Stück als "Totgeburt". Die Zeitung "El Español" holte noch weiter aus und beurteilte alle bisherigen Vorstöße als "mehr oder weniger bedauernswert". Trotz der neuen Vorschläge ist es daher sehr wahrscheinlich, dass die spanische Nationalelf und deren Fans auch stumm bleiben werden, wenn der Königsmarsch bei der Fußball-WM 2018 in Russland erklingt.

ak/pj (dpa/EFE)

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