Streit um patriotische Lieder beim ″Proms-Finale″ der BBC | Musik | DW | 03.09.2020
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Debatte um koloniale Vergangenheit

Streit um patriotische Lieder beim "Proms-Finale" der BBC

Trotz heftiger Kritik erlaubt der britische Sender BBC nun doch das Singen patriotischer Hymnen bei der "Last Night of the Proms", dem Finale des Festivals.

Das Abschlusskonzert des BBC Proms.Festival 2015

Vergangene Zeiten: Es ging immer hoch her bei der "Last Night of the Proms"

"Promenadenkonzertserie" mag spießig klingen, nach 19. Jahrhundert - und tatsächlich fand das erste Proms-Konzert im August 1895 in London statt. Inzwischen aber sind die "Proms", die klassischen Sommerkonzerte, die die BBC von Juli bis September allabendlich im Radio überträgt, im 21. Jahrhundert angekommen - und immer noch extrem beliebt. Die meisten der 70 Konzerte finden in der Royal Albert Hall im Londoner Stadtteil Kensington statt, wo es neben günstigen Sitzplätzen auch besonders billige Stehplätze gibt. Das Klassikfestival ist populär, viele "Prommers" besuchen es schon seit Jahrzehnten, und manche verpassen kein einziges der Konzerte. Dabei wird ihnen nicht unbedingt ein leichtes, sondern ein oft anspruchsvolles, manchmal leises, gelegentlich experimentelles Programm serviert.

Die patriotischen Hymnen sind beim Publikum beliebt

Ganz anders als beim Abschlussprogramm der Saison. Die "Last Night of the Proms" gibt sich volkstümlich. Zum Finale der jährlichen Sommer-Konzertreihe kommen traditionell viele Briten in Verkleidung und mit Tröten, sie singen laut mit, schwenken ihre Union-Jack-Fähnchen und kommentieren das Programm mit witzigen Zwischenrufen.

Normalerweise wird das Abschlusskonzert im Fernsehen übertragen, doch in diesem Jahr fällt das große Finale fürs Publikum aus. COVID-19 hat die Massenveranstaltung gekillt. Diesmal wird das Programm nur im Radio zu hören sein. Und trotzdem gab es im Vorfeld des Finales am 12. September schon großes Getöse. Denn zu den Schlagern des Abschlusskonzerts, die das begeisterte Publikum normalerweise laut mitgrölt, gehören einige umstrittene britische Lieder, vor allem die traditionellen Hymnen "Rule, Britannia" und "Land of Hope And Glory".

Darf man heute noch "Rule, Britannia" im Radio singen?

Im Zuge der "Black-Lives-Matter"-Proteste hatte es einen heftigen Streit um die Liedtexte gegeben. In "Rule, Britannia" von 1740, das normalerweise zum Finale gespielt wird, heißt es unter anderem: "Herrsche Britannia ... Briten werden niemals Sklaven sein." Kritiker hatten gefordert, die patriotische Hymne aus dem Programm zu streichen. Auch "Land of Hope And Glory" (Land der Hoffnung und des Ruhms) sollte aus dem Programm gekippt werden.

Darf man eingedenk von Großbritanniens kolonialer Vergangenheit bei Konzerten patriotische Lieder spielen? Sollten die beiden Hymnen aus dem Programm gestrichen werden - wie es schon nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA geschehen war? Von 2002-2007 hatte der amerikanische Dirigent Leonard Slatkin die patriotischen Oden nur noch anspielen lassen.

Das Finale des Proms-Festivals 2015 der BBC mit vielen Fahnen schwenkenden ausländischen Besuchern

Das Proms-Festival - insbesondere das Finale - ist nicht nur bei Briten beliebt

Laute Kritik am Kompromiss

Der Sender BBC meinte jetzt, eine salomonische Lösung gefunden zu haben. Die Stücke sollten nur instrumental interpretiert werden, als Orchesterversion ohne den anstößigen Text. Doch der Ärger für "Auntie BBC", die von den Briten hochgeschätzte und liebevoll zur "Tante" erklärte Sendeanstalt, wurde mit dieser Entscheidung nur größer. Sogar Premierminister Boris Johnson mischte sich ein. Man müsse nicht die Symbole von Problemen bekämpfen, sondern die Inhalte, ließ er über einen Sprecher erklären. Er forderte ein Ende der "Selbstdiskriminierung". "Es ist an der Zeit, dass wir damit aufhören, uns wegen unserer Geschichte zu schämen", ließ Johnson am Dienstag (01.09.) verlauten. Und Kulturminister Oliver Dowden twitterte: "Selbstbewusste, nach vorn schauende Nationen löschen ihre Vergangenheit nicht aus - sie fügen ihr etwas hinzu." 


Auch weitere Abgeordnete der konservativen Tories rügten die Entscheidung, die angeblich die Mehrheit der Briten brüskiere. Die britische Boulevardpresse forderte die BBC in lauten Tönen auf umzusteuern.

Die Kehrtwende der BBC

Und tatsächlich unternahm die Sendeanstalt eine Kehrtwende. Am Mittwochnachmittag (02.09.) gab sie bekannt, dass ausgewählte Chorsänger die heiß diskutierten Stücke live vortragen sollen - in der Royal Albert Hall ohne Publikum. "Die Texte werden im Saal gesungen, das Publikum kann, wie wir es immer betont haben, gern von zuhause aus mitsingen", hieß es von einem BBC-Sprecher.

Der Beifall blieb nicht aus. Selbst der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Keir Starmer, begrüßte die Entscheidung des Senders umgehend. Patriotische Lieder zu singen, stehe nicht im Widerspruch dazu, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus zu lernen.

Der Sender gerät unter Druck

Dalia Stasevska dirigiert ein Orchester

Die Dirigentin Dalia Stasevska ist keine Befürworterin der gesungenen Hymnen

Doch die Diskussion um das koloniale Erbe ist damit sicherlich nicht beendet. Die diesjährige Dirigentin des Abschlusskonzerts, die Finnin Dalia Stasevska, zum Beispiel hatte die Änderungen im Programm unterstützt und war dafür prompt angefeindet worden. Sie bleibt weiterhin eine Kritikerin der Oden, die sie als Verherrlichung des Kolonialismus ansieht.

Der Rückzieher der BBC hat einen politischen Hintergrund. Er wurde einen Tag nach dem Antritt des neuen Chefs Tim Davie bekannt. Davie, der bisher die kommerzielle Sparte der BBC geleitet hat, folgt Toni Hall als Intendant an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Senders nach. Der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge hat Davie betont, die BBC müsse dringend reformiert werden. Möglicherweise möchte er damit der konservativen Regierung den Wind aus den Segeln nehmen, die die Sendeanstalt für zu linkslastig und zu sehr auf London bezogen hält. 2022 steht turnusmäßig eine Überprüfung der BBC an. Der neue Intendant weiß, dass dann finanzieller Druck und ein grundlegender Umbau drohen.

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