Streit über Corona-Zahlen in der Türkei | Europa | DW | 25.11.2020
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COVID-19

Streit über Corona-Zahlen in der Türkei

Es sind nicht nur die türkische Ärztekammer (TTB) und Istanbuls Bürgermeister: In der Türkei bestehen Zweifel an den offiziellen Corona-Zahlen. Nach acht Monaten hat Ankara erstmals wesentlich höhere Zahlen vorgelegt.

Beim Einkauf auf dem Markt ist Abstand kaum möglich

Beim Einkauf auf dem Markt ist Abstand kaum möglich

Die Türkei ist von einer zweiten Corona-Welle erfasst worden. Seit November ist die Anzahl derjenigen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, sprunghaft angestiegen. Diesen Mittwoch hat der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca erstmals die Anzahl der Corona-Tests mit positivem Ergebnis veröffentlicht. Die Gesamtsumme der Corona-Infizierten und Corona Kranken liegt zurzeit bei 28.352.

Bis Dienstag beschränkten sich die täglich auf Twitter vom Gesundheitsminister verkündeten Zahlen auf neue Corona-Fälle, die in Krankenhäusern behandelt wurden. "Am Dienstagabend wurden 7.381 neue Corona-Fälle registriert, 4.543 Menschen sind zurzeit schwer erkrankt. Damit die Maßnahmen und Beschränkungen schnell Resultate zeigen, sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Halten sie sich von Menschenansammlungen fern", twitterte Koca am Dienstag.

Vor einer Woche lag die Zahl der in Krankenhäusern behandelten COVID-Kranken in der Türkei noch bei 3.819 Fällen. Wegen der Verdoppelung der Fallzahlen hat die türkische Regierung nun mit einem Teil-Lockdown die Notbremse gezogen: Seit vergangenem Wochenende sind Restaurants und Cafés wieder geschlossen. An Werktagen dürfen über 65-Jährige nur von zehn bis 13 Uhr ihre Wohnungen verlassen, und den unter 20-Jährigen ist der Ausgang nur zwischen 13 und 16 Uhr gestattet.

Alle anderen Altersgruppen dürfen am Wochenende zwischen zehn und 20 Uhr vor die Tür treten. Die Maßnahmen wurden so konzipiert, dass die türkische Wirtschaft unter Normalbetrieb weiterlaufen kann - der Arbeitsalltag und der Konsum soll durch die Corona-Maßnahmen möglichst wenig beeinträchtigt werden.

Besonders für Senioren gibt es strenge Regeln

Besonders für Senioren gibt es strenge Regeln

Ankara verspielt Vertrauen 

Die strengeren Regeln sollen der Bevölkerung suggerieren, dass die türkische Regierung die Pandemie ernst nimmt. Doch ihr Image als seriöser Krisenmanager hat in den letzten Monaten schwer gelitten - besonders weil das türkische Gesundheitsministerium unter dringendem Verdacht steht, bei den Corona-Zahlen zu tricksen.

So kam im September heraus, dass seit Beginn der Pandemie nicht alle positiven Tests erfasst wurden, sondern nur diejenigen Fälle gezählt wurden, bei denen der Patient einen Krankenhausaufenthalt durchlief. Das eigentliche Ausmaß der Corona-Neuinfektionen ist somit deutlich höher, als es die Regierung darstellt.

Besonders die Darstellungen des Istanbuler Bürgermeisters von der größten Oppositionspartei CHP, Ekrem İmamoğlu, lassen immer wieder Zweifel aufkommen: So verkündete İmamoğlu am Montag, dass alleine in Istanbul 186 Menschen am Coronavirus gestorben seien. Kurze Zeit zuvor hatte das Gesundheitsministerium noch verkündet, dass es 139 COVID-Tote in der gesamten Türkei gegeben habe.

"Das raubt mir den Schlaf"

Besonders in Istanbul scheint das Ausmaß der Pandemie so verheerend zu sein, dass in der türkischen Öffentlichkeit immer häufiger Vergleiche zu der chinesischen Metropole und dem ehemaligen Corona-Hotspot Wuhan gezogen werden. İmamoğlu zeigt sich seit Tagen besorgt über das Tempo, in dem sich der Virus in Istanbul ausbreitet.

"Das raubt mir den Schlaf ", sagte der Bürgermeister diese Woche. "Normalerweise liegt die Zahl der Beerdigungen im November bei täglich 190 oder 180 Menschen. Derzeit steuern wir auf eine Anzahl von 450 zu."

Der Leiter der Friedhöfe des Großraums Istanbul (IBB), Ayhan Koç, bestätigte der DW, dass man klar erkennen könne, dass die Anzahl der Toten, die in an den Folgen einer Infektionskrankheit gestorben sind und begraben wurden, in den vergangenen zwei Wochen exponentiell gestiegen sei. "Solche Bestattungen haben täglich um bis zu 20 Fälle zugenommen und liegen jetzt bei über 400 Bestattungen pro Tag."

Die Aussagen von Istanbuler Ärzten und Krankenhausangestellten, mit denen die DW gesprochen hat, spiegeln dramatische Zustände wider. Osman Elbek, der in einem privaten Krankenhaus für Lungen- und Brustkrankheiten arbeitet, bestätigt die rasante Zunahme von Patienten innerhalb der vergangenen sechs Wochen.

"In staatlichen Krankenhäusern haben sich die Betten sehr schnell gefüllt. Die Intensivstationen stehen sehr unter Druck; oft müssen daher Patienten, auch in Notfällen, warten", sagt Elbek. Daher habe man auch in privaten Krankenhäusern die Bettenzahl für COVID-Kranke erhöht. Von denen seien bereits 90 Prozent ausgelastet. "Der Kampf ist noch intensiver, als während der ersten Welle im März und April", warnt Elbek. 

Immer weniger Intensivbetten stehen zu Verfügung

Immer weniger Intensivbetten stehen zur Verfügung

Ärztekammer erhebt eigene Infektionszahlen

Auch die türkische Ärztekammer TTB rüttelt an der Glaubwürdigkeit der türkischen Regierung und ihres Corona-Krisenmanagements. Denn auch ihre Berechnungen weichen immer noch stark von den offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums ab.

In der vergangenen Woche erregte die Ärztekammer mit einer eigenen Erhebung Aufsehen, die einen Anstieg der Fallzahlen um 300 Prozent im November im Vergleich zum Vormonat Oktober zeigen sollte - das wären täglich über 47.600 neue Fälle.

Für die TBB-Erhebung wurden Daten von 1.270 Arztpraxen aus 73 Städten herangezogen. Sollten die Zahlen der Ärztekammer korrekt sein, so hätte die türkische Regierung pro Tag über 40.000 Corona-Neuinfektionen unterschlagen.

Das TTB-Mitglied Çiğdem Arslan sagte der DW, dass diese Zahlen schon bald weitere Herausforderungen mit sich brächten. "Leider wird die zunehmende Anzahl von Patienten bald dazu führen, dass Ärzte eine Triage-Regel für COVID festlegen müssen." Dieses Verfahren führt dazu, dass eine Priorisierung der medizinischen Hilfeleistung durchgeführt wird, "und könnte zu ethischen Spannungen und Gewalt im Gesundheitswesen führen", so die dramatische Prognose Arslans.

Um die Krise zu entschärfen, schlägt die die türkische Ärztekammer einen Lockdown vor - mindestens 14, am besten aber 28 Tage. 

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