Strauss-Kahn wird Serbiens Schuldenberater | Europa | DW | 20.09.2013
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Europa

Strauss-Kahn wird Serbiens Schuldenberater

Durch Sex-Skandale verspielte Dominique Strauss-Kahn seine Chancen, französischer Präsident zu werden. Nun soll er als Schuldenberater Serbien aus der wirtschaftlichen Misere helfen - eine Herkulesaufgabe.

Gewaltige Staatsschulden, hohe Inflation, steigende Arbeitslosenquote, sinkende Gehälter - schreckliche Statistiken, die in den letzten Jahren aus EU-Krisenländern kommen, sind für Serbien schon seit zwei Jahrzehnten Alltag. In dem Balkanstaat beträgt die Arbeitslosigkeit rund 27 Prozent und es gibt mehr Rentner als Beschäftigte. Bürger die Glück haben einen Job zu finden, verdienen im Schnitt 400 Euro netto im Monat. Graue Wirtschaft und Korruption blühen. Fast alle staatlichen Firmen sind an Investoren verkauft worden, die eher Geld aus den Firmen abziehen, anstatt zu investieren. Kapital aus dem Ausland gibt es fast keins mehr.

Und diese Wirtschaft soll jetzt der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) retten - Dominique Strauss-Kahn wurde am Dienstag (17.09.2013) im Rahmen einer Pressekonferenz der Regierung in Belgrad offiziell als neuer Schuldenberater Serbiens vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit waren von ihm aber keine Details zu möglichen Maßnahmen zu hören - lediglich Allgemeinplätze: Die serbische Wirtschaft habe "ernsthafte Probleme" und er selber habe "keinen Zauberstab", so Strauss-Kahn vor der versammelten Presse in Belgrad.

Ein Berater kann nur beraten

Beobachter in Belgrad sind uneins, wenn es um die Frage geht, ob ein ausländischer Experte wirklich die desolate Wirtschaftslage Serbiens positiv beeinflussen kann. "Das Engagement von Strauss-Kahn wird sicherlich nicht schaden", meint Biljana Stepanović, Chefredakteurin des Belgrader Wirtschaftsmagazins "Neue Ökonomie". Der neue Berater besitze große Erfahrung und wisse genau, wie die Weltwirtschaft ticke, so Stepanović im DW-Gespräch.

Dominique Strauss-Kahn unterhält sich mit serbischen Politikern in Belgrad (Foto: REUTERS/Marko Djurica)

Dominique Strauss-Kahn in Belgrad mit dem Wirtschaftsminister Lazar Krstić (r.)

Professor Mihailo Crnobrnja von der Belgrader Fakultät für Wirtschaft, Finanzen und Administration weist darauf hin, dass Serbien genügend gute Experten habe: "Ich bin prinzipiell nicht gegen ausländische Fachleute. Aber das Problem in unserem Land ist nicht der Mangel an guten Ökonomen, sondern der mangelnde Wille zur Umsetzung von Ideen. Die große Frage ist, ob die serbische Regierung bereit und imstande ist, das durchzuführen, was Strauss-Kahn ihr raten wird", so Crnobrnja.

Rückendeckung für die Regierung?

In einem sind sich beide Wirtschaftsexperten einig: Strauss-Kahn werde höchstwahrscheinlich unpopuläre Maßnahmen - wie etwa Einschnitte bei Löhnen und Pensionen - vorschlagen. Damit würde der franzosische Ökonom eine Art Rückendeckung für den 29-jährigen Finanzminister Lazar Krstić bieten. Möglicherweise liege hierin auch der tiefere Sinne seines Engagements, vermutet Stepanović. Krstić, von den Medien "Wunderkind von der US-Universität Yale" genannt, weil er dort Wirtschaftswissenschaften studierte, hat in Serbien keinen leichten Stand. Schon als er das Einfrieren der Pensionen als eine mögliche Maßnahme ins Spiel brachte, spürte er den Gegenwind der mitregierenden Rentner-Partei.

Es gibt Versuche, den jungen Minister Krstić in der Öffentlichkeit als unerfahren darzustellen. Dominique Strauss-Kahn hat dagegen einiges vorzuweisen: "Er war Chef des IWF und galt vor seiner Sexaffäre als Favorit für den Posten des französischen Präsidenten", sagt Biljana Stepanović. "Wenn so ein Mann der Regierung zum Sparen oder anderen schmerzhaften Maßnahmen rät, wird es kaum Gegenargumente geben", sagt sie.

Was soll das kosten?

Obwohl Strauss-Kahn als Berater und nicht als Lobbyist agieren solle, könne er seine guten Kontakte nutzen, glaubt Crnobrnja. Er ist der Ansicht, dass der Ruf von Strauss-Kahn durch den angeblichen Vergewaltigungsversuch des Zimmermädchens in New York und die vermutete Zuhälterei und die Sexpartys in Frankreich nicht vollends ruiniert sei. "Er ist zwar als Politiker nicht mehr glaubwürdig, aber ich glaube nicht, dass sein Image als Ökonom in Frankreich gelitten hat. Seine Sünden wurden vor allem in den USA übertrieben dargestellt."

Der serbische Premierminister Ivica Dačić (Foto: SZILARD KOSZTICSAK/dpa)

Der serbische Premierminister Ivica Dačić

Der neue Schuldenberater soll die ersten drei Monate für die serbische Regierung unentgeltlich arbeiten, danach auf Honorarbasis. Wie hoch das Honorar ausfallen soll und woher das Geld dafür kommen soll, ist in Serbien immer noch ein Geheimnis. Crnobrnja mahnt, es wäre der Öffentlichkeit kaum vermittelbar, dass die Steuerzahler zum Beispiel 20.000 Euro monatlich für einen Berater zahlten, während die serbischen Minister selber nur knapp 1000 Euro verdienten. "Das wären Doppelstandards, die die regierenden Politiker dem Volk nur schwer erklären können."

Solche Aussagen sieht die Journalistin Biljana Stepanović als Demagogie an. "Ein Mensch der seine Arbeit kennt und weltweit Kontakte hat, ist wertvoller als zahlreiche Staatsbeamte mit ihren Fahrzeugen, Fahrern, persönlichen Assistenten - wertvoller als all diese Leute, die gar nichts machen und viel kosten." Stepanović hält aber auch die Aussage von Strauss-Kahn, er würde Serbien lieben, ebenso für reine Demagogie: "Ich glaube nicht, dass jemand aus purer Liebe in einem fremden Land arbeiten würde", so Stepanović.

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