Strafzölle: Nadelstiche aus dem Weißen Haus | Wirtschaft | DW | 01.06.2018
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Handelsstreit USA vs. EU

Strafzölle: Nadelstiche aus dem Weißen Haus

Er hat es getan. Strafzölle! Shocking! Handels - KRIEG! Stahl- und Aluminiumexporteure müssen nach dem Willen von Donald Trump künftig draufzahlen. In Brüssel reagiert man besorgt. Ist trotzdem alles nicht so schlimm?

Markus Steilemann war der erste, der cool blieb. Der frisch ernannte neue Vorstandschef des Werkstoff-Herstellers Covestro gab sich angesichts der Nachrichten aus den USA gelassen. "Wir sehen unmittelbar und mittelbar praktisch keine negativen Auswirkungen auf unsere Geschäfte", sagte der Manager der Deutschen Presse-Agentur. Der hat gut reden, werden andere Unternehmer gedacht haben. Mit Stahl hat das Leverkusener Unternehmen im Schatten des Bayer-Kreuzes nichts am Hut.

Was soll die Aufregung?

Aber dann: Der Stahlkonzern Salzgitter ließ wissen, dass seine "direkte Betroffenheit gering" sei. Wenig später ging der österreichische Stahlkonzern Voestalpine mit der Meldung an die Presse, er könne das wirtschaftliche Risiko aus den US-Zöllen gut bewältigen. Höchstens etwa drei Prozent des Umsatzes könnten von ihnen betroffen sein, erklärte das Unternehmen noch. Was also soll dann die Aufregung um Donalds Drohgebärden, um die nun geltenden zusätzlichen Zölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte?

Ein paar Zahlen: Von den gut 40 Millionen hier produzierten Walzstahls ging vergangenes Jahr laut Wirtschaftsvereinigung Stahl nur rund eine Million Tonnen in die USA. Der Gesamtwert der deutschen Stahlexporte betrug vergangenes Jahr Daten des US-Handelsministeriums zufolge 1,5 Milliarden Dollar.

Prof. Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (Privat)

"So wichtig ist der amerikanische Markt für die Stahlhersteller nicht und für die Aluminiumindustrie erst recht nicht": Rolf Langhammer, Institut für Weltwirtschaft

"Im Moment sind das nur Nadelstiche", sagt Rolf Langhammer, Handels-Experte beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel, der DW. "So wichtig ist der amerikanische Markt für die Stahlindustrie nicht und für die Aluminiumindustrie erst recht nicht." So kämen zwei Drittel des US-Stahls aus einheimischer Produktion. Wenn man so will: "America first" hat Donald Trump da längst.

Auf der Suche nach Beschwichtigern

Also alles nicht so schlimm? Kann man die Angelegenheit nicht etwas tiefer hängen? Auf der Suche nach Beschwichtigern und anderen Deeskalierern wird man beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nicht unbedingt fündig. Dort beobachtet man die Entwicklung schon mit gewisser Sorge. In Brüssel sitzt Klemens Kober als Leiter des Referats Handelspolitik, EU-Zollfragen und Transatlatsische Beziehungen für den DIHK und verweist darauf: "Jeder zweite deutsche Arbeitsplatz in der Industrie hängt vom Export ab. Branchenübergreifend ist es jeder vierte." Und: "Wenn die Stahlpreise in den USA hoch sind und weiter steigen, dann sind davon natürlich auch deutsche Unternehmen betroffen, die dort produzieren. Dann muss die Kalkulation völlig neu aufgestellt werden", so Kober. Der Kieler Wirtschaftsprofessor Langhammer spricht von den "Zweitrunden-Effekten". Das bedeute, dass Stahl nun den Markt überschwemmen und sich die US-Maßnahmen auf den Preis auswirken könnten.

Gedämpfte Vorfreude auf den nächsten Tweet

Neu kalkulieren müssten dann zum Beispiel deutsche Autofirmen, die sich ohnehin sorgen, einer der nächsten Early-Morning-Tweets des @realDonaldTrump könnte sie treffen. Denn in der Autoindustrie ist die Lage eine völlig andere, und man müsste Donald Trump recht geben, wenn er die europäischen Steuern bei Automobilen beklagt - "die EU hat zehn Prozent, die USA 2,5 Prozent. Da besteht natürlich ein Ungleichgewicht. Nur: Die USA haben dem vor 25 Jahren zugestimmt", so Langhammer. Allerdings gehört dazu der Fakt, dass Mercedes, BMW und VW eigene Fertigungsstätten in den USA betreiben, und für diesen Teil zumindest kaum mit Strafzöllen bedacht werden dürften. 

Klemens Kober DIHK Brüssel (DIHK)

"An den Haaren herbeigezogen" sei die US-Argumentation: Klemens Kober, DIHK-Experte in Brüssel

DIHK-Mann Kober sieht an einem regnerischen Freitag in Brüssel noch eine andere Gefahr: "Das ganze System könnte erodieren. Der protektionistische Kurs der US-Administration führt dazu, dass die Welthandelsorganisation WTO infrage gestellt wird. Die Neubesetzung von Richterstellen dort, die in Streitfragen entscheiden, wird von den USA ohnehin schon blockiert." Dass Washington nun im Zusammenhang mit anderen Branchen auch von einer Gefahr für die nationale Sicherheit spricht, ist nach Einschätzung Kobers nicht nur "an den Haaren herbeigezogen". Sondern: "Jetzt gibt es praktisch die Wahl zwischen zwei Übeln. Wenn vor der WTO Klage erhoben wird, könnte Washington argumentieren: 'Ihr wollt über unsere nationale Sicherheit entscheiden, das geht doch nicht'. Oder aber: Das WTO-Gericht knickt vor den USA ein."

Die Saft-Steuer-Sache

Also, was tun? "Diese Gegenmaßnahmen durch die EU sind reine Symbolpolitik. Das weiß auch jeder. Was soll das denn bringen, nun den Orangensaft aus Florida zu besteuern?", fragt sich Langhammer. Natürlich müsse Brüssel reagieren, um das Gesicht zu wahren. "Aber die bessere Maßnahme wäre es, nun einseitig Zölle zu senken", schlägt Langhammer vor. Nur: Eine solch smarte Lösung traut sich im Moment in den Hauptstädten Europas niemand zu. Die Sorge angesichts von Brexit, angesichts der italienischen Risikopolitik und jetzt auch der Krise in Spanien ist zu groß. Andere haben solche Sorgen nicht, wie Langhammer betont: "China geht jetzt diesen Weg."

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