Strafe für Russlands Staatsdoping aufgeweicht | Sport | DW | 17.12.2020
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CAS bestraft Russland, zeigt aber Milde

Strafe für Russlands Staatsdoping aufgeweicht

Der Sportgerichtshof  CAS verkürzt die WADA-Strafe: Russland wird nur für zwei statt vier Jahre von den wichtigsten Sportevents ausgeschlossen. Moskau fühlt sich ungerecht behandelt und gibt sich kämpferisch.

IOC-Chef Thomas Bach forderte ein "klares" und "eindeutiges" Urteil in der Causa Staatsdoping und Russland. Für die Kritiker, die einen harten Kurs für die zahlreichen Dopingverstöße gegenüber Moskau erwarteten, dürfte die Entscheidung Court of Arbitration for Sport (CAS) aber nicht ausreichen. Am Donnerstag verkündete der in der Schweiz ansässige CAS - eine Art inoffizieller Welt-Sportgerichtshof - seine Entscheidung: Russland wird nur für zwei statt für vier Jahre von großen Sportveranstaltungen ausgeschlossen.

Damit hob der Sportgerichtshof die Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vom Dezember 2019 teilweise auf. Die WADA entschied sich damals für eine vierjährige Olympia-Sperre gegen Russland. Moskau hatte nur wenige Tage später Einspruch beim CAS eingelegt.  

Russische Sportler nur unter neutraler Flagge 

Russland darf nun nicht an den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Tokio sowie an den Winterspielen ein Jahr später in Peking teilnehmen. Bei der Fußball-WM 2022 in Katar soll die russische Mannschaft auch nicht dabei sein: die Sperre wird erst einen Tag vor dem Finale aufgehoben. Außerdem soll Moskau die an das Land bereits vergebenen Wettbewerbe abgeben und darf sich zwei Jahre lang nicht für künftige Sportgroßereignisse - etwa für Weltmeisterschaften - bewerben.  

Die Strafe gilt, wohlgemerkt, für Russland als Nation: Einzelne Sportler und Teams dürfen weiterhin an allen Ereignissen teilnehmen. Sie müssen, wie schon 2018 in Pyeongchang, unter neutraler Flagge und ohne Hymne auftreten. Für sie gelten strengere Zulassungsregeln. Im Grunde muss jede Sportlerin und jeder Sportler aus Russland nachweisen können, dass sie oder er unter regelmäßiger Kontrolle der WADA-Funktionäre steht.   

Grund für die Strafe: Staatsdoping. Für die Milde: Hoffnung  

Der Grund für die harte Strafe: Der CAS sieht es, ähnlich wie die WADA, als erwiesen an, dass Russland für systematisches Doping vor und während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi verantwortlich war. Der Skandal um russisches Staatsdoping begann 2015 mit den Enthüllungen von Witali Stepanow, einem früheren Mitarbeiters der russischen Anti-Doping-Agentur, sowie dessen Frau Julia. Und er nahm ein noch größeres Ausmaß an, nachdem der ehemalige Leiter des Moskauer Antidopinglabors Grigori Rodtschenkow im Jahr 2016 der WADA Daten über mutmaßliches Doping zugespielt hat.

Den unmittelbaren Grund für die Entscheidung bildet Manipulation an den Daten des Moskauer Labors, die die WADA im Jahr 2019 festgestellt hat. Bei der WADA ist man der Auffassung, dass die russische Antidoping-Agentur RUSADA "hunderte von nachteiligen Analyseergebnissen vertuscht oder geändert" habe. 

Die Milde des Urteils erklärte der CAS in seinem schriftlichen Urteil damit, dass man Faktoren wie "Angemessenheit" beachtete und "insbesondere die Notwendigkeit, den Kulturwandel zu beeinflussen". Man wolle "die nächste Generation der russischen Athleten ermutigen, am sauberen Sport teilzunehmen".  

Russlands Positionen: Wut, Ignoranz, Verzweiflung   

Der CAS hat seinen Sitz im schweizerischen in Lausanne

Der CAS hat seinen Sitz im schweizerischen in Lausanne

Im Vorfeld der Entscheidung versuchten russische Sportfunktionäre die Ausschluss-Problematik weitgehend zu ignorieren. Russlands Sportsminister Oleg Matyzin benannte noch am Tag vor der Urteilsverkündung seinen Amtskollegen die sportlichen Ziele für die nächsten Jahre und erwähnte dabei auch die Olympischen Spiele in Tokio und Peking. Das anstehendnde CAS-Urteil würdigte er keines Wortes. Auch Stanislaw Posdnjakow, Chef des Nationalen Olympischen Komitees in Russland, sagte kurz vor der CAS-Entscheidung, ihn interessiere nur, ob man ein gutes Team für Tokio bilden könne. Einen "Plan B" erarbeite er nicht.  

Die Ex-Eiskunstläuferin und heutige Abgeordnete des russischen Parlaments, Irina Rodnina, sagte nach der Bekanntgabe, das Urteil sei "ungerecht". Die Hoffnung auf eine aus der Sicht Moskaus "gerechte" Entscheidung war "eher nicht besonders hoch", gab Wladimir Salnikow, früherer Weltklasse-Schwimmer und heutiger Präsident des russischen Schwimmverbandes, zu. Man arrangiert sich stillschweigend mit dem bereits in Pyeongchang erprobten "Modus Operandi", als trotz der Sperre 168 russische Athleten als "Olympic Athletes from Russia" an den Start gehen durften.  

CAS-Urteil ein GAU für saubere russische Sportler  

Für manche russische Sportler bedeutet das Urteil nun ein frühzeitiges Karriereende. Andere Athleten wiederum fühlen sich gezwungen, ins Ausland zu gehen, um ihre Karrieren fortsetzen zu können. Leichtathletik-Weltmeisterin Maria Lasizkene sagte, sie wolle einen Ausstieg aus dem russischen Nationalteam und die Annahme einer anderen Staatsbürgerschaft nicht ausschließen. Sie fühle sich von verschiedenen Seiten unfair behandelt: Von der WADA, weil sie "aus Russland" kommt. Von den eigenen Sportfunktionären, weil diese Interessen der sauberen russischen Sportler "verraten" hätten.

Russische Leichtathleten*innen durften wegen jahrelanger Sperre des russischen Leichtathletikverbands im Sommer 2020 auch nicht als neutrale Sportler an internationalen Wettbewerben teilnehmen.  

Russland macht auch Kampfansagen    

Den Schaden, der durch die Sperre entstanden ist, hofft man in Russland in Grenzen zu halten und die bereits zugesagten Sportereignisse auf dem russischen Boden dennoch durchführen zu können. Man gibt sich in der Frage kämpferisch. Der russische Sportsminister Matyzin sagte, man rechne unabhängig vom Urteil fest damit, dass man größere Wettbewerbe nach wie vor in Russland organisieren würde. "Die Verträge, die man unterschrieben hat, bleiben gültig. Dabei handelt es sich um die Volleyball-WM 2022, die Eishockey-WM, dann das Großereignis SportAccord, das 2021 stattfinden soll, sowie die Universiade in Jekaterinburg 2023. Sind diese Ereignisse vom RUSADA-Status abhängig? Nein, denke ich, formell gesehen". Die Eishockey-WM 2023 wird man Russland nach der CAS-Entscheidung nicht mehr wegnehmen können. 

Gleichzeitig versucht man bei der RUSADA (russische Nationale Anti-Doping Agentur) offenbar, einen nicht so konfrontativen Kurs einzuschlagen. Anfang Dezember hat die RUSADA einen neuen Aufsichtsrat ernannt. Wichtig dabei: Die ehemalige russische Stabhochspringerin und IOC-Mitglied Jelena Issinbajewa musste wegen möglicher Interessenkonflikte ihren Platz im Aufsichtsrat räumen. Nach der Sitzung verkündete das Gremium, ab sofort entspreche "man ganz den Anforderungen des WADA-Codes".  

Die Entscheidung des CAS hat die RUSADA als Sieg des gesunden Menschenverstandes gewürdigt. Sie beweise eine verantwortungsvolle und vernünftige Haltung gegenüber "sauberen" Sportlern, teilte Interimschef Michail Buchanow am Donnerstag mit. 

Weltweite Reaktionen auf das CAS-Urteil 

Dagmar Freitag EINSCHRÄNKUNG

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag: Dagmar Freitag

Die WADA sieht sich sich bestätigt. "Dieses Urteil ist ein wichtiger Moment für den sauberen Sport und Athleten in aller Welt", sagte WADA-Präsident Witold Banka. Dass die Strafe halbiert wurde, sorgte aber für Enttäuschung bei der Organisation. "Wir glauben, dies war angemessen und vernünftig, aber letztlich ist die WADA nicht der Richter, sondern der Ankläger, und wir müssen die Entscheidung des Gremiums respektieren", sagte Banka. Das CAS-Urteil bedeute immerhin die stärksten Doping-Strafmaßnahmen, die jemals gegen ein Land verhängt worden seien. Russland habe "dreist und illegal" die Daten des Moskauer Doping-Labors manipuliert, um systematisches Doping mit staatlicher Unterstützung zu vertuschen, sagte Banka.  

Die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) begrüßte die Tatsache, dass die Entscheidung "Klarheit und Rechtssicherheit bezüglich der Non-Compliance der RUSADA" schaffe, sagte die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann. "Allerdings erstaunt das Sanktionsmaß von zwei Jahren." Der langjährige Betrug an den sauberen Athleten und der gesamten Sportwelt sei "inakzeptabel und hätte aus unserer Sicht die größtmöglichen Konsequenzen haben müssen". Die NADA vertritt die Ansicht, dass die gesamte Anti-Doping-Arbeit wegen des Verhaltens Russlands in der Doping-Affäre "in den letzten Jahren enorm an Vertrauen verloren" habe.   

Die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag, sagte, dass sie das Urteil nicht überzeugt habe. "Die Entscheidung des CAS über den Zeitraum der Sperre ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Sperre ja, aber Halbierung: Die Begründung hierfür überzeugt mich jedoch nicht." Weiter zweifelte Freitag an der Begründung der Aufweichung der Sanktionen mit Hinweis auf den WADA-Code und stellte klar: "Erst wenn wenigstens annähernd vollständige Klarheit über das wahre Ausmaß des Betrugs und die Identitäten der involvierten Athletinnen und Athleten herrscht, kann in Erwägung gezogen werden, Russland wieder eine Startberechtigung zu erteilen."  

Der Whistleblower Grigori Rodtschenkow hat das CAS-Urteil derweil scharf kritisiert. Die Entscheidung, das "Baby zu teilen", sei "unsinnig" und "ungerecht", teilte Rodtschenkow mit.  

Das IOC bekam offenbar nicht das erhoffte "eindeutige" Urteil, denn in seiner kurzen Stellungnahme gab sich die Organisation schmallippig: Man habe die Entscheidung zur Kenntnis genommen und werde zu dieser nun eine gründliche Auswertung durchführen.   

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