Stolze Himmelsstürmerin: Wie aus Notre-Dame eine Ikone wurde | Kultur | DW | 16.04.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Brandkatastrophe in Paris

Stolze Himmelsstürmerin: Wie aus Notre-Dame eine Ikone wurde

"Unsere Dame von Paris" heißt Notre-Dame de Paris übersetzt aus dem Französischen. Sie ist die Urmutter gotischer Kathedralen und ein Denkmal von Weltrang. 1991 wurde sie zum UNESCO-Weltkulturerbe gekürt.

Paris wird nicht mehr so sein wie früher. Ihr größter Schatz ist zerstört. Mitten in der Stadt. Notre-Dame steht an einem symbolischen Ort, der Île-de-la-Cité. Diese kleine Insel liegt an einem neuralgischen Punkt der französischen Hauptstadt: zwischen dem linken Seine-Ufer, Rive Gauche, und dem rechten Seine-Ufer, Rive Droite. Noch heute werden alle französischen Straßenentfernungen ab einem Punkt null in Paris berechnet - ab dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame.

Die markante Silhouette ihres Chors mit seinem ausladendem Strebewerk umgeben von Wasser war für Pariser wie Touristen stets ein unvergesslicher Anblick. Dieses erhabene Bauwerk zählte zum Schönsten, was die frühe Gotik hervorgebracht hat.

Platte im Boden zeigt den Null-Punkt der Stadt vor Notre-Dame (picture-alliance/Y. Leemage)

Der Null-Punkt der Stadt wurde von Ludwig dem XV. festgelegt

Bischof Maurice de Sully hat den Standort für Notre-Dame nicht zufällig gewählt. Hier stand schon im römischen Lutetia ein Tempel. Den selben Ort überschrieb der Bischof ganz bewusst, indem er dort ein Symbol des Christentums errichten ließ. Bereits 1182 war der Chor fertiggestellt, danach folgten das Hauptschiff sowie die Westfassade (1225) mit einem der prägnanten Rosettenfenstern und zwei himmelstürmenden Türmen. So konnte die Kirche schon vor ihrer endgültigen Fertigstellung ihre Funktion aufnehmen. Erst 1345 - mehr als 180 Jahre nach Grundsteinlegung - ist der Bau der "Cathédrale de Notre-Dame" vollendet. Sie wird "notre dame", unserer lieben Frau, der Jungfrau Maria geweiht. Das älteste Portal an der Westfassade zeigt an zentraler Stelle - im Giebelfeld, dem sogenannten Tympanon - die Krönung Marias.

Blick von den Obergadenfenstern ins prächtige Hauptschiff (Getty Images/AFP/L. Marin)

Blick von den Obergadenfenstern ins prächtige Hauptschiff

Auch das "Portail de Sainte Anne", das jüngste der drei Westportale (etwa um 1230), steht im Zeichen der Jungfrau Maria, die in der Mitte des Tympanons thront und das segnende Jesuskind auf ihrem Schoß hält. Allein 37 Figuren stellen Szenen aus dem Leben der heiligen Jungfrau dar. Aber auch an weiteren Portalen sowie am Strebesystem und den umlaufenden Galerien verfügt Notre-Dame über ein bedeutetendes Repertoire an Figuren und Wasserspeiern.

Eleganz durch neuartiges Strebesystem

Markant ist das elegante Strebesystem, das erstmals für Notre-Dame freistehend gebaut wurde. Zuvor versuchte man die Lasten der Gewölbe noch mit dicken Mauern abzufangen. Nun war es möglich, sie nach außen zu verteilen und das auch zu zeigen. Für die Kathedrale bedeutete die Bauweise die Verwandlung der Mauer in eine lichtdurchschienene, entkörperlichte Glasschicht mit hohen Fenstern. Erst jetzt verwandelten sich die Kathedralen in aufwärtswachsende Bauwerke, die sich dem Göttlichen entgegenstrebten.Mit knapp 33 Metern ist das Mittelschiff von Notre-Dame höher als alles, was bis dato in Frankreich zu sehen war. 9000 Menschen fanden Platz in der 130 Meter langen Kathedrale.

Verkohltes Rosettenfenster in Notre-Dame (Getty Images/AFP/Y. Herman)

Zerstört: Die berühmten Rosettenfenster tauchten die Kathedrale in ein mystisches Licht

Dieses architektonische Juwel war Schauplatz wichtiger historischer Ereignisse. 1431 ließ sich der englische König Heinrich VI. zum König von Frankreich krönen. Er war da gerade zehn Jahre alt und England kämpfte im Hundertjährigen Krieg gegen die französischen Kräfte. Seine Krönung in Paris war eine Provokation.

1558 wurde Notre-Dame zum Schauplatz einer spektakulären Trauung: Der künftige König von Frankreich, Franz II., ehelichte Maria Stuart. Im Jahr der französischen Revolution 1789 zerstörten Aufständische die Galerie der Könige, plünderten die Kathedrale und schmolzen alle Glocken ein, außer dem "Grand Bourdon Emmanuel", der größten Glocke von Notre-Dame.

Notre-Dame wurde zum Schauplatz der Geschichte Frankreichs

Die Glocken von Notre-Dame haben immer die tragischen und glücklichen Ereignisse der Welt angezeigt. 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame zum Französischen Kaiser. In Anwesenheit von Papst Pius VII. setzte er sich selbst die Krone auf den Kopf. Während der Revolution hatte Notre-Dame einiges durchmachen müssen. Zunächst als revolutionärer "Tempel des Höchsten Wesens" entweiht, wurde sie später zum Weinlager. Erst Napoleon ordnete 1802 wieder eine Nutzung für den Gottesdienst an. Als Victor Hugo 1831 seinen großen Roman über die Kathedrale "Der Glöckner von Notre-Dame" veröffentlicht, steht fest, dass Notre-Dame ein nationales Denkmal ist. Der Roman macht aber auch den maroden Zustand des historischen Gemäuers zum Thema. Das Interesse an dem vor sich hin verfallenden Bauwerk wächst und 1845 tritt Notre-Dame in eine neue Phase. Die erste Renovierung führt zum Bau der sogenannten Chimären-Galerie. Die Monstren aller Art auf der oberen Galerie sollten das Böse abwehren.

Das gelang eine ganze Weile sehr gut. Als die Nationalsozialisten Paris vor ihrem Rückzug dem Erdboden gleichmachen wollten und Hitler den Befehl gab, die Stadt niederzubrennen, ging es glimpflich aus. Die Wahrzeichen sollten gesprengt werden, so lautete der Befehl des Führers am 23. August 1944. General Dietrich von Choltitz führte ihn aber nicht aus. 

Dornenkranz Christi in Notre-Dame (Getty Images/AFP/P. Lopez)

Der Dornenkranz Christi - hat er die Flammen überstanden?

Notre-Dame als Gotteshaus

Doch Notre-Dame war nicht nur ein herausragendes Zeugnis gotischer Baukunst und Schauplatz der Geschichte, sondern auch ein Gotteshaus. Die Deutsche Bischofskonferenz wandte sich mit einem Schreiben an den Erzbischof von Paris, Michel Aupetit. Ihr Vorsitzender, Kardinal Reinhard Marx, sprach Aupetit, den Gläubigen des Pariser Erzbistums und allen Menschen Frankreichs seine "tief empfundene Anteilnahme" aus. "In Notre Dame haben sich über Jahrhunderte Baustile, Kunstgeschichte und bedeutende historische Ereignisse vereint, die den europäischen Kontinent mit prägten," schrieb Marx. Mit dem Feuer am 15. April sei das Herzstück des katholischen Glaubens in Paris ebenso getroffen worden wie eines der Wahrzeichen ganz Frankreichs und Europas.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema