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Stille Stunde: Einkaufen ohne Reizüberflutung

Katharina Abel
5. Juni 2026

Mehr Ruhe, weniger Stress - die Stille Stunde ist eine Initiative für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen. Immer mehr Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland beteiligen sich daran.

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Ein Mann mit Fahrradrucksack schiebt einen Einkaufswagen zwischen zwei Getränkeregalen im Supermarkt.
Die Stille Stunde soll den Besuch im Supermarkt für Menschen mit invisibler Behinderung erträglich machenBild: Frank Hoermann/SvenSimon/picture alliance

Mittwochs zwischen 17 und 19 Uhr geht es in deutschen IKEA-Filialen seit dieser Woche deutlich ruhiger zu. Keine Musik, teilweise gedimmtes Licht, Durchsagen nur im Notfall. Insgesamt merklich weniger Reize - das ist das Ziel der Stillen Stunde. Sie geht auf die Initiative des Vereins "gemeinsam zusammen” zurück. "Wir wollen mit der Stillen Stunde Menschen mit invisiblen, also nicht sichtbaren Behinderungenentlasten. Sie sind häufig durch eine dauerhafte Belastung des Nervenzentralsystems beeinträchtigt, weshalb wir ihnen gezielt reizarme Momente ermöglichen möchten", erklärt Rebecca Lefèvre, Sprecherin von "gemeinsam zusammen", im DW-Gespräch.

Die Stille Stunde soll für Betroffene ganz praktisch vor allem sensorische, aber auch chemische, soziale und kommunikative Barrieren abbauen, die sie häufig daran hindern, überhaupt das Haus zu verlassen. Denn was Menschen ohne Beeinträchtigung oft gar nicht bewusst wahrnehmen: Bei einem Möbelhaus- oder Supermarktbesuch werden ständig alle Sinne auf vielfältige Weise angesprochen. Bunte Schilder, das Rattern der Einkaufswagen, unterschiedliche Gerüche, die sich überlagern - viele Menschen überfordert das. Etwa solche, die dem Autismus-Spektrum angehören oder ADHS haben, oder etwa Menschen mit chronischer Erschöpfung oder chronischen Schmerzen, psychologischen Beeinträchtigungen und Sinnesbeeinträchtigungen. 

Blau-gelbe Außenfassade eines großen Gebäudes mit "IKEA"-Schriftzug.
Alle IKEA-Filialen in Deutschland bieten seit Juni wöchentlich eine Stille Stunde anBild: Matthias Balk/dpa/picture alliance

Vorreiter für die Stille Stunde ist der Neuseeländer Theo Hogg, selbst Vater eines autistischen Kindes und Angestellter einer Supermarktkette. Er überzeugte 2019 seine Arbeitgeber, landesweit in allen Filialen eine "Quiet Hour” einzuführen. Seitdem sind etliche Länder seinem Beispiel gefolgt. In Deutschland gibt es die Inklusionsinitiative seit 2023. "Uns geht es dabei auch um die Sichtbarkeit dieses Themas", erklärt Rebecca Lefèvre, "denn Betroffene können oft gar nicht genau sagen, was das konkrete Problem ist, und man sieht es ihnen eben auch nicht an. Diese Menschen bekommen dann oft zu hören, sie stellten sich nur an. "

Immer mehr Firmen und Geschäfte bieten Stille Stunden an. In zahlreichen Edeka- oder REWE-Märkten wird es zwischenzeitlich ruhiger, so etwa im REWE von Rudolf Schmidt in Diez jeden Mittwoch von 15 bis 16 Uhr. Dann dimmen die Mitarbeiter das Licht, schalten das Piepsen der Kassen aus und stellen das Nachräumen der Waren ein. "Und wenn jemand laut mit dem Handy telefoniert, bitten wir freundlich, das Gespräch zu beenden”, erzählt Schmidt. Der Marktleiter war einer der ersten Unterstützer der Stillen Stunde. "Die Kunden, die eigens dafür zu uns kommen, bedanken sich. Ab und zu hören wir zwar auch mal ein ‘muss das sein?', aber wenn wir es dann erklären, zeigt jeder Verständnis.” 

Deutschland 2025 | Rebecca Lefèvre, Sprecherin des Vereins "gemeinsam zusammen"
Rebecca Lefèvre ist Sprecherin des Vereins "gemeinsam zusammen"Bild: Alea Horst

Rebecca Lefèvre betont, dass sich die Stille Stunde nicht nur auf Geschäfte beschränkt: "Es machen auch Kinos, Schwimmbäder, Bowlingcenter mit. Wir werden jetzt bald wahrscheinlich die erste Trampolin-Halle haben, die ja vollkommen reizüberflutet ist. Aber es geht einfach wirklich darum zu sagen, wir probieren es."

Auch das Stadtmuseum Münster beteiligt sich seit diesem Februar. Besucher können einmal im Monat dienstags von 16:00 bis 18:00 per App oder Broschüre einem Stille-Stunde-Pfad folgen. Währenddessen verzichtet das Museum auf Führungen; außerdem bietet es einen Rückzugsort und Kommunikationskarten an. "Wir führen natürlich nicht Buch darüber, wie viele Menschen extra für die Stille Stunde zu uns kommen, aber wir erkennen schon, dass unser Angebot bereits genutzt wird”, erklärt Axel Schollmeier, stellvertretender Leiter des Stadtmuseums, gegenüber der DW.

Aber natürlich muss man in Zeiten von Smartphone und Social Media nicht psychologisch oder neurologisch eingeschränkt sein, um ein ruhiges Einkaufserlebnis schätzen zu können. Frank Rohde betreibt ein Gartenfachgeschäft in Kassel; bei ihm ist, so ist auf der Teilnehmerliste von stille-stunde.com zu lesen, zu allen Öffnungszeiten Stille Stunde. "Wir haben das schon immer so gemacht: Keine Musik, es ist ruhig und wir unterhalten uns mit den Kunden”, erklärt er gegenüber der DW. "Die finden das angenehm, die wollen gar kein Gedudel.”

Für Rebecca Lefèvre ist es ein schöner Nebeneffekt, dass auch Menschen ohne Behinderungen profitieren: "Das tut sicher sehr vielen gut, weil wir in einem reizüberfluteten Land leben", sagt sie. "Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob jemand es einfach schön findet, mehr Ruhe zu finden, oder ob jemand unter der Reizüberflutung leidet und dadurch vielleicht Schmerzen bekommt - oder sogar gar nicht teilnehmen kann."