Station F: Wird Paris zum Startup-Paradies? | Wirtschaft | DW | 13.02.2018
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Startups

Station F: Wird Paris zum Startup-Paradies?

Die "Station F" soll der "weltgrößte Inkubator" für junge Unternehmen sein und bringt Paris mächtig Prestige. In ein Startup-Paradies verwandelt er das Land deswegen noch nicht. Aus Paris berichtet Lisa Louis.

In der großen Halle ist es erstaunlich still. Hunderte Frauen und Männer arbeiten ruhig an ihren Computern, die auf Schreibtischen an den Seiten der Halle aufgestellt sind. Im ersten Stock ragen Container hervor, durch deren Glasfassaden man Gruppen von Menschen sieht, die vielleicht das neueste Projekt diskutieren.

Im Erdgeschoss stehen zwei Männer in Telefonzellen. In denen hängen aber keine Telefone mehr, sie sind stattdessen geräuschgedämmt für Anrufe mit dem Handy oder über Skype. Die bunten Sofas in der Mitte der Halle erinnern in ihrer futuristischen Form an die Fernsehserie Raumschiff Enterprise.

Frankreich Station F im Süden von Paris | Korbhängestühle (DW/L. Louis)

In Korbhängestühlen arbeiten oder entspannen einige Jungunternehmer der Station F.

Hier in der Station F im 13. Arrondissement im Süden von Paris brüten Jungunternehmer das Frankreich von morgen aus. Der nach eigenen Angaben "größte Inkubator der Welt" könnte das Image des Landes nachhaltig verändern - auch, wenn mehr passieren muss, um Frankreich in eine wahrhaftige Startup-Nation zu verwandeln.

"Internationale Investoren sollten endlich verstehen, welche Vielzahl an Jungunternehmern es in Frankreich gibt", sagt Roxanne Varza, die dynamische 33-jährige Direktorin der Station F. Eigentümer und Internet-Unternehmer Xavier Niel hat 250 Millionen Euro in das Projekt investiert.

Platz für 3000 Jungunternehmer

Startups können sich für 33 verschiedene "Inkubatoren"-Programme bewerben, die von Station F oder auch von großen Unternehmen wie Facebook und Frankreichs Online-Händler Vente Privée und Wirtschaftsuniversitäten gemanagt werden. Auf dem Campus gibt es einen Pop-Up-Store, ein Café, eine Post und bald auch ein Restaurant. Ein halbes Jahr nach ihrer Einweihung ist Station F, die aus drei Hallen besteht, voll belegt - mit rund 3000 Jungunternehmern von 1000 Startups aus mehr als 50 Ländern. Sie bezahlen bis zu 200 Euro pro Person und Monat.

Frankreich Station F im Süden von Paris | Roxanne Varza, Direktorin (DW/L. Louis)

Roxanne Varza, die Direktorin der Station F in Paris.

Bisher sei alles ziemlich glatt gelaufen, meint Varza: "Das liegt natürlich auch am Brexit, der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron - dadurch war die Begeisterung für Station F umso größer." Einige der Bewerber wollten nicht länger in London oder den USA arbeiten, meint sie, sondern eher in Macrons Frankreich, der das Land in eine "Startup-Nation" verwandeln will. Er hat die Steuern auf Kapitaleinkommen gesenkt und angekündigt, einen neuen Unternehmensfonds gründen zu wollen.

Das "next big thing"

Auch Carole Danacher, Geschäftsführerin von Allvibes, wollte beim "next big thing" dabei sein. "Es ist unheimlich prestigeträchtig, für Station F ausgewählt zu werden", sagt sie begeistert. Sie und ihre drei Mitgründer haben eine App für Video-Bewertungen von Restaurants, Hotels und Geschäften konzipiert. Die Benutzer filmen mehrere Sequenzen an dem entsprechenden Ort und reden dann direkt in die Kamera. "So stellen wir sicher, dass die Person auch existiert - schließlich sind laut Studien bis zur Hälfte der Bewertungen auf einschlägigen Internetseiten gefälscht", so die 27-Jährige.

Im Moment verdient Allvibes noch kein Geld. In einer ersten Investitionsrunde hat das Startup 100.000 Euro einsammeln können. Dieses Jahr sollen mehrere Hunderttausend Euro folgen. "Station F ist eine super Plattform - hier können wir Venture-Capital-Fonds treffen, zu denen wir sonst keinen Zugang haben", sagt sie.

Doch für immer wird Allvibes wohl nicht in Frankreich bleiben. "Große Summen von Investoren in Frankreich einzusammeln ist für uns sehr schwer", erklärt Danacher. Das liege auch an Allvibes' Business-to-Consumer-Ansatz (B2C). Bevor das Unternehmen Geld macht - zum Beispiel durch Werbung - will es erst einmal eine große Anzahl an Teilnehmern für sich gewinnen. "In den USA haben wir mit so einem Ansatz langfristig bessere Chancen", sagt sie.

Frankreich Station F im Süden von Paris | Carole Danacher, Mitgründerin von Allvibes (DW/L. Louis)

Carole Danacher, Mitgründerin von Allvibes, in einem Konferenzraum der Station F.

"Französische Unternehmer sind wie Söldner"

Doch nicht nur für B2C-Unternehmen sei es hier eine echte Herausforderung, große Summen einzusammeln, meint Philippe Tibi, Wirtschaftsprofessor an der Ecole Polytechnique bei Paris. "Wir haben nur drei Einhörner, also Unternehmen, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Das ist im internationalen Vergleich wenig - in Großbritannien sind es zum Beispiel 13", sagt er. "Nur sehr wenige unserer Fonds können große Mengen an Geld in Startups investieren." Deswegen müsse die Regierung mehr tun, um weltweite Venture-Capital-Fonds anzulocken.

Das fehlende Wachstum der Startups liege auch im französischen Charakter begründet, so der Ökonom Philippe Crevel, Chef der Denkschmiede Cercle de L'Epargne. Frankreich habe zwar im OECD-Vergleich inzwischen die im Verhältnis zur Bevölkerung höchste Anzahl an Unternehmensgründungen pro Jahr. "Aber französische Unternehmer sind wie Söldner: Sie gründen gerne eine Firma und machen damit schnell Geld. Wenn sie sie für 200.000 oder 300.000 Euro verkaufen können, greifen sie zu - auch, weil sie relativ risikoscheu sind", so der Ökonom. Helfen könne da nur ein Umdenken, das schon in den Schulen anfangen müsse.

Eine Ausnahme scheint das Startup Spartan. Das hat gerade über eine Million Euro eingesammelt, unter anderem von Business Angels. "Wir sind in Paris verwurzelt und haben einen Business-to-Business-Ansatz - das mögen französische Investoren", sagt Mitgründer Arthur Ménard.

Frankreich Station F im Süden von Paris | Arthur Ménard (DW/L. Louis)

Arthur Ménard hält die Unterhosen von Spartan hoch, die gegen Handystrahlung schützen.

Die Affinität zur Hauptstadt der Mode liege außerdem nahe: Spartan stellt Unterhosen her, die durch eingewebte Silberfäden gegen Handystrahlung schützen. "Eigentlich wollten wir die für uns selbst entwickeln, weil wir von Studien über Unfruchtbarkeit und Hodenkrebs gehört hatten", erzählt der 27-Jährige. "Aber dann wollten auf einmal immer mehr Freunde und Verwandten auch welche haben. Wir haben ein Crowd-Funding gestartet und so unsere erste Produktion finanziert."

In den ersten zwei Jahren seiner Existenz hat sich das Unternehmen mit Einnahmen von 32 bis 42 Euro pro Unterhose selbst finanzieren können. Zehntausende der Produkte, die es in zwei Farben gibt, hat das Startup verkauft. Nun arbeitet Spartan an einer Marke Babybodies und einer Frauenkollektion. In diesem Jahr wird die Firma ihr erstes Büro in New York aufmachen. Der Firmensitz bleibe dennoch in Paris, so Ménard.

Station Fs Vorteil gegenüber Silicon Valley

Auch für internationale Startups ist Station F ein Magnet. Das polnische Nethone bietet Software basierend auf künstlicher Intelligenz an, mit der Unternehmen Hacking von Accounts und Betrug beim Internetkauf verhindern können. "Im französischen Aktienindex CAC 40 sind weltweite Unternehmen praktisch aller industriellen Sektoren vertreten", sagt CCO Rodrigo Camacho. "Station F gibt uns Zugang zu ihnen, ihren Zulieferern und Kunden - das ist hervorragend!"

Nethone ist über ein Programm des Transportunternehmens Thales in die Station F reingekommen. "Für uns ist er hier, abgesehen von der geographischen Nähe, daher viel interessanter als im Silicon Valley. Dort gibt es schließlich fast ausschließlich Technologie-Unternehmen", erklärt er.