Stahl-Fusion kann Anleger nicht begeistern | Wirtschaft | DW | 02.07.2018
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THYSSENKRUPP TATA STEEL B.V.

Stahl-Fusion kann Anleger nicht begeistern

ThyssenKrupp und Tata legen ihr Stahlgeschäft zusammen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Doch Investoren reicht das nicht.

Nach dem Start des neuen Gemeinschaftsunternehmens Thyssenkrupp Tata Steel steht dem künftig zweitgrößten europäischen Stahlkonzern möglicherweise ein Börsengang bevor. Dabei werde man die Mehrheit an dem neuen Unternehmen jedoch für mindestens sechs Jahre behalten, teilten die Essener am Montag mit. Angaben zum Zeitpunkt eines möglichen Börsengangs wurden nicht gemacht.

Nach über zweijährigen Verhandlungen hatten die Konzerne am Samstagmorgen ihr Stahl-Joint-Venture besiegelt. Thyssenkrupp und Tata sollen zunächst mit je 50 Prozent an dem fusionierten Stahlkonzern mit etwa 17 Milliarden Euro Umsatz und rund 48.000 Beschäftigten beteiligt sein.

Es klafft eine Lücke

An der Börse konnten sie damit allerdings kein Kursfeuerwerk entfachen. Beide Papiere verloren zeitweise mehr als ein Prozent. Anleger sind enttäuscht, weil die erwarteten Einspareffekte mit 400 bis 500 Millionen Euro in der Spitze wohl um 100 Millionen Euro niedriger ausfallen als zunächst erwartet.

Einige Investoren hatten zudem erwartet, dass Thyssenkrupp einen höheren Anteil als 50 Prozent am Joint Venture erhält, weil sich sein Stahlgeschäft zuletzt besser entwickelt hat als das von Tata.

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Die Diskussion über die Bewertungsunterschiede der beiden Fusionspartner war kurz vor dem Vertragsabschluss aufgeflammt. Um die sogenannte Bewertungslücke auszugleichen, einigten sich beiden Seiten darauf, dass Thyssenkrupp einen etwas höheren Anteil (55 Prozent) der Erlöse erhält, wenn das Gemeinschaftsunternehmen an die Börse gebracht wird. Außerdem kann ThyssenKrupp allein über den Zeitpunkt eines Börsengangs bestimmen.

Das Ergebnis der Nachverhandlungen sei "enttäuschend", sagte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment. Finanzchef Guido Kerkhoff verteidigte die Vereinbarung. Sie bedeute nicht, dass der Börsengang auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft verschoben sei.

4000 Arbeitsplätze

Es gab auch Lob für die Stahl-Hochzeit. "Das ist der lang ersehnte Befreiungsschlag", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. "Wichtig ist, dass Thyssenkrupp den Stahlbereich aus der Bilanz nehmen kann."

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger bezeichnete die geplante Stahlfusion am Montag in Brüssel als "historischen Meilenstein". Vor dem Hintergrund von Überkapazitäten auf dem Stahlmarkt sei Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen besonders wichtig. Auch die neuen amerikanischen Importbeschränkungen bedrohten Arbeitsplätze in Europa.

Wann und wo der Stellenabbau beginnt, ließ Hiesinger offen. Es gebe dafür noch keine Pläne, sagte er. Die Partner seien aber stets ehrlich gewesen und hätten darauf hingewiesen, dass wohl insgesamt bis zu 4000 Jobs gestrichen werden könnten.

In den kommenden Wochen werde nun voraussichtlich das Management des neuen Unternehmens seine Arbeit aufnehmen. Vorher müssten aber noch die Wettbewerbsbehörden dem Zusammenschluss zustimmen. Bis dahin würden beide Unternehmen zunächst noch getrennt am Markt auftreten.

Investoren machen Druck

Unterdessen forderten Investoren ThyssenKrupp-Chef Hiesinger auf, rasch weitere Schritte einzuleiten und den Mischkonzern mit seinen künftig noch rund 130.000 Beschäftigten neu aufzustellen. "Herr Hiesinger muss nun schleunigst den Konzernumbau vorantreiben, damit Thyssenkrupp noch vor dem nächsten Konjunkturabschwung wetterfest gemacht wird", sagte Speich von Union Investment.

Konzernchef Hiesinger steht schon seit einiger Zeit unter dem Druck von Investoren. Union Investment hatte ihn bereits Ende vergangenen Jahres zu einer schärferen Strategie aufgefordert. Mehr Tempo und Rendite fordern auch der IS-Hedgefonds Elliott und Großaktionär Cevian.

Gefordert wird dabei immer wieder die Abspaltung der profitablen Aufzug-Sparte. Hiesinger will in der kommenden Woche dem Aufsichtsrat erläutern, wie es strategisch weitergehen soll.

Die schwedische Investmentgesellschaft Cevian Capital hält rund 15 Prozent am Unternehmen und ist damit zweitgrößter Anteilseigner. Cevian gilt als "aktivistischer Investor", der die Geschäftsführung von Unternehmen, an denen er beteiligt ist, aktiv beeinflussen will. 

Größter Anteilseigner ist die Krupp-Stiftung, die etwas mehr als 20 Prozent hält. Früher hatte sie sogar eine Sperrminorität von 25 Prozent, mit der sie etwa feindliche Übernahmen hätte blockieren können. Im Zuge einer Kapitalerhöhung Ende 2013 reduzierte sich aber ihr Anteil und die Sperrminorität entfiel.

bea/kle (dpa, reuters)