Staatsanleihen: Athen besteht Vertrauenstest | Wirtschaft | DW | 06.03.2019
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Griechenland

Staatsanleihen: Athen besteht Vertrauenstest

Erstmals seit 2010 ist Griechenland der Verkauf einer zehnjährigen Staatsanleihe gelungen. Doch Experten mahnen: Der große Erfolg bleibt noch aus. Und das Land muss noch einige Hausaufgaben erledigen.

Zweieinhalb Milliarden Euro wollte das hochverschuldete Land am Markt aufnehmen. Angeboten wurden mehr als elf Milliarden. Nach Angaben des TV-Senders Skai war die Nachfrage für zehnjährige Titel aus Hellas so stark, dass die Auftragsbücher bereits am Dienstagmittag voll waren. Die meisten Anleger kommen aus Europa und den USA. Für den griechischen Fiskus beträgt der Zinssatz stolze 3,9 Prozent. Die schlechte Nachricht: Das ist deutlich mehr als in anderen Euro-Ländern. Die gute Nachricht: Damit wird Vorkrisen-Niveau erreicht. Denn auch in der Vergangenheit konnte Griechenland seine Schulden nicht viel günstiger refinanzieren. Zum Vergleich: Im Juli 2003, also in früheren Wohlstandszeiten, zahlte der Athener Finanzminister eine Rendite von 3,91 Prozent für zehnjährige Titel. Im September 2005 waren immerhin 3,25 Prozent Zinsen fällig.

"Die Anleihe wird positiv empfangen", titelt am Mittwoch das Athener Wirtschaftsblatt Naftemporiki. "Die Anleihe war ein positiver Schritt, von einem Riesenerfolg würde ich allerdings nicht sprechen", sagt Panagiotis Petrakis, Wirtschaftsprofessor an der Universität Athen, im Gespräch mit der DW. Seine Begründung: Portugal, ein Land mit ähnlichen Strukturproblemen wie Griechenland, zahlt derzeit nur 1,2 Prozent Zinsen an langfristige Anleger. Petrakis meint, es wäre besser gewesen, noch abzuwarten und erst im nächsten Jahr an den Kapitalmarkt zu gehen. Finanzexperte Kostas Stoupas sieht das ähnlich: "Dass Griechenland eine langfristige Anleihe platziert hat, war freilich eine gute Sache; allerdings war der Zinssatz viel höher im Vergleich zu anderen Ländern mit hohen Schulden", moniert der Analyst.

Griechenland düstere Wolken über Athen Symbolbild (picture-alliance/NurPhoto/K. Ntantamis)

Düsterheit war in der Vergangenheit der Normalzustand in Griechenland

Eine echte "Rückkehr an die Märkte" 

Noch vor dem Ablaufen der milliardenschweren EU-Hilfsprogramme hatte Linkspremier Alexis Tsipras einen Test an den internationalen Finanzmärkten gewagt: Im Juli 2017 konnte Griechenland drei Milliarden Euro mittels einer fünfjährigen Anleihe aufnehmen. Anfang 2019 kam eine weitere fünfjährige Anleihe hinzu. Nun wird die Messlatte höher gelegt. Denn zehnjährige Bonds gelten als Maßstab für die Kreditwürdigkeit eines Landes. Zu Recht, erläutert Panagiotis Petrakis: "Wer eine zehnjährige Anleihe eines Staates kauft, geht immerhin davon aus, dass dieser Staat in den nächsten zehn Jahren nicht pleitegeht."

Luxemburg EU Finanzministertreffen - Griechischer Finanzminister Tsakalotos (Getty Images/AFP/J. Thys)

Der griechische Finanzminister hat im Moment gut lachen

Finanzminister Euclid Tsakalotos sieht sich auf dem richtigen Weg und kritisiert seine Kritiker. "Viele haben gewettet, dass wir uns nicht an den Markt trauen. Dann hieß es, wir trauen uns an den Markt, aber doch nicht mit zehnjährigen Bonds. Heute darf niemand mehr behaupten, wir hätten keinen Marktzugang", erklärte Tsakalotos am Dienstagabend. Im Grunde genommen wird das Geld in Hellas nicht dringend benötigt. Schließlich hat das Land ein Finanzpolster von über 25 Milliarden Euro angehäuft und kann deshalb seine Verbindlichkeiten bis 2021 problemlos bedienen. Der Athener Regierung geht es in erster Linie darum, Normalität zu demonstrieren. Der Zeitpunkt erscheint günstig, zumal die US-Ratingagentur Moody's neulich ihre Bewertung für Griechenland um zwei Stufen auf B1 angehoben hat. Am Dienstag hat Moody's auch die Bonität von drei griechischen Banken heraufgestuft.

Banken sorgen für Kopfzerbrechen

Fast überraschend erscheint diese Aufwertung, leiden doch die griechischen Banken seit Jahren unter faulen Krediten und Ertragsschwund. Die sogenannten "notleidenden Forderungen" der Banken - Kredite, die nicht wie vereinbart bedient werden - machen über 40 Prozent aller ausgereichten Kredite aus. Führende Kreditinstitute schließen Filialen und sparen am Personal. Nicht zuletzt die EU-Kommission drängt auf Reformen im Bankensektor. Bei seinem letzten Griechenland-Besuch Anfang März klagte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moskovici über "Verzögerungen" in dieser Hinsicht und forderte klare politische Entscheidungen.  

Das letzte, was der griechische Bankensektor nun gebrauchen kann, ist ein mittlerer Skandal. Und genau das ist eingetreten: Laut griechischen Medien erhielt Gesundheitsminister Pavlos Polakis einen Konsumkredit in Höhe von 100.000 Euro zu günstigen Bedingungen von der Attika-Bank. Es handelt sich um ein kleines Kreditinstitut, das nicht der direkten Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) unterliegt. Das heißt noch lange nicht, dass eine Kreditvergabe an Polakis nicht rechtens war. Zusätzliche Brisanz erhält die Geschichte allerdings dadurch, dass der Minister sich beim Zentralbankchef Jannis Stournaras beschwert und das Telefonat heimlich aufgenommen hat. "Das war nicht normal", sagt Stournaras daraufhin in aller Öffentlichkeit. Das Ganze wird offenbar ein juristisches Nachspiel haben.

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