Ständige Gewalt gegen Kinder der Regensburger Domspatzen | Aktuell Deutschland | DW | 22.07.2019
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Katholische Kirche

Ständige Gewalt gegen Kinder der Regensburger Domspatzen

Von außen betrachtet vermittelten die Regensburger Domspatzen die heile Welt. Nun belegen zwei neue Studien, dass die Sänger des Chores im Alltag ein Martyrium aus Schlägen, Strafen und sexuellem Missbrauch erlebten.

Vor zwei Jahren wurden die Zahlen des Grauens bekannt: 547 Mitglieder des weltberühmten Chores der Regensburger Domspatzen wurden laut Abschlussbericht eines unabhängigen Sonderermittlers seit 1945 "mit hoher Plausibilität" Opfer von Übergriffen. Die Dunkelziffer könnte bei 700 liegen, hieß es.

Seither ist einiges an Wiedergutmachung gelaufen. So erhielten 376 Personen Entschädigungsleistungen für erlittene Gewalt in Höhe von insgesamt 3,785 Millionen Euro. Die Einzelsummen lagen bei bis zu 25.000 Euro. Das Bistum Regensburg wollte es dabei nicht belassen. Im Rahmen der Aufarbeitung gab es zwei Studien in Auftrag, um sozialwissenschaftlich und historisch das System "Domspatzen" von 1945 bis 1992 zu ergründen.

Abgeschottetes System

Der berühmte Knabenchor, seine Schulen und Internate seien ein abgeschottetes soziales System gewesen, in dem sich eigene moralische Maßstäbe herausgebildet hätten, sagte Martin Rettenberger von der Kriminologischen Zentralstelle (Krimz) in Wiesbaden. Von außen sei eigentlich keine Korrektur und Kontrolle möglich gewesen.

Dass bei den Regensburger Domspatzen jahrzehntelang besorgniserregende Zustände herrschten, ist spätestens seit dem Jahr 2010 bekannt. Junge Sänger - vom Drittklässler bis zum Abiturienten - wurden demnach geprügelt, gedemütigt und einige sogar sexuell missbraucht. Die beiden neuen Studien zeigen einmal mehr das erschütternde Ausmaß des Missbrauchsskandals, von dem so lange niemand gewusst haben will.

Stetige Kontrolle

In dem Krimz-Bericht hieß es, es habe sich um eine Institution gehandelt, die alle Lebensbereiche der Schüler bis in intime Bereiche gesteuert und überwacht habe, der Erfolg des Chores sei über alles gestellt worden. Kontrollieren ließ sich das System aus Chören, Schulen und Internaten demzufolge kaum. Es habe sich um ein Wirrwarr an Verantwortlichkeiten gehandelt. Kirchliche Stellen, staatliche Aufsichtsbehörden und die Eltern - keiner schlug Alarm.

"Es haben viele eine Verantwortung gehabt und keiner ist ihr gerecht geworden", sagt Rettenberger. Dabei hätte es viele Gründe dafür gegeben. "Gewalt und Missbrauch bildeten einen Bestandteil der alltäglichen Erziehungspraxis", befanden Historiker der Universität Regensburg in der zweiten Studie.

Ratzingers Ohrfeigen

Dem langjährigen Direktor der Vorschule und 1992 verstorbenen Priester Johann Meier  bescheinigten die Autoren Sadismus und Allmachtsphantasien. Der frühere Chorleiter Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., neigte demnach zu Jähzorn und habe mit überzogener Strenge Druck auf die Sänger ausgeübt, wurde aber jenseits der Chorproben als persönlich wohlwollend und väterlich beschrieben.

Dr. Georg Ratzinger Bruder von Kadinal Ratzinger beim Interview in seiner Wohnung in Regensburg (picture alliance/dpa/sampics/S. Matzke)

Teil des Systems Regensburger Domspatzen: Georg Ratzinger

Pädagogische Kenntnisse und Interessen besaß er nach Ansicht der Forscher wie so viele andere Verantwortliche nicht. Sein Interesse galt dem Chor, offenbar deshalb mischte er sich nicht ein. Dass er von dem Prügelregime nichts mitbekam, halten die Historiker jedoch für ausgeschlossen. Um "seine Vorstellungen von musikalischer Qualität durchzusetzen", habe der heute 95-jährige Ratzinger auch nach 1982 "körperliche Gewalt zumindest in Einzelfällen" angewendet, hieß es im Bericht. Ratzinger selbst sprach von "Ohrfeigen" und sagte, dass er sich seit 1980 strikt an das gesetzliche Züchtigungsverbot gehalten habe.

Auch der Staat hat den Studien zufolge versagt. Beamte hätten interne Probleme mitbekommen. "Jedoch blieb all das recht situativ-punktuell, nie wurde mit letzter Konsequenz eingegriffen", hieß es.

Teilweise habe man die strengen Erziehungsvorstellungen einschließlich körperlicher Strafen sogar geteilt. Diese hätten allerdings vor allem in der Vorschule das damals tolerierte Maß überschritten, so waren schwere Körperverletzungen oder sexuelle Vergehen auch in der damaligen Zeit strafbar.

Prestige der Domspatzen

"Hinzu kam das hohe Prestige der Domspatzen, die Wertschätzung der Geistlichen, deren Autorität man kaum bezweifelte", erläutert der Historiker Bernhard Löffler. Sogar manche Eltern hätten entsprechend gedacht - und den Schilderungen ihrer Söhne nicht unbedingt geglaubt. Allerdings hätten viele Kinder die Schule abgebrochen, zeitweise mehr als 70 Prozent eines Jahrgangs. Wenn doch mal ein Vergehen öffentlich wurde, versuchte man laut den Wissenschaftlern, alles im Stillen zu regeln. "So lange es ging, wurde beschwichtigt und weggesehen. Wenn überhaupt geredet wurde, dann immer mit viel Verständnis für den Mitpriester oder Mitpräfekten", sagte Löffler.

Neue Studien zu Gewalt bei den Regensburger Domspatzen | Bernhard Löffler (r) und Rudolf Voderholzer (picture-alliance/dpa/A. Weigel)

Aufarbeitung des Missbrauchs: Historiker Bernhard Löffler (r) und Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg

"In eigentlich allen Gewaltfällen, die ans Licht kamen, wurde immer erst gehandelt, wenn ein öffentlicher Skandal drohte." Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte, er hoffe, dass die Erkenntnisse helfen, Ähnliches in Zukunft zu verhindern. Jetzt sei Prävention das Wichtigste, sagte Voderholzer, der den Knabenchor mit Schule und Internat auf einem guten Weg sieht. Und Peter Schmitt, der für die Opferseite im Aufarbeitungsgremium sitzt, befand: "Jetzt ist alles getan, was man tun konnte." Viele wünschten sich, dass jetzt Ruhe einkehre, um das zu genießen, wofür die Domspatzen seit Jahrzehnten stünden - "ausgezeichnete Musik".

Schuld sind andere

Die Äußerungen des emeritierten Papsts Benedikt XVI. weisen die Macher der Studie zurück. Benedikt XVI hatte den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche mit der 1968er-Bewegung zu erklären versucht. Der emeritierte deutsche Papst hatte im Frühjahr in einem Aufsatz die 1968er-Bewegung angegriffen und ihr etwa zugeschrieben, Pädophilie erlaubt zu haben. Der Aufsatz sorgte in Deutschland für große Empörung.

Papst Benedikt Konzert im Vatikan (picture-alliance/dpa/dpaweb/D. Schiavella)

Für den ehemaligen Papst Benedikt XVI. sind die 68er Schuld an sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche

Die Gewalt bei den Domspatzen sei "deutlich überwiegend" mit Ausnahme eines Einzelfalls nicht Folge der 1968er-Pädagogik, sagte Löffler. Die bei dem weltberühmten Chor verbreitete Gewalt sei vielmehr als Teil eines Erziehungsalltags zu erklären, der weit vor den 1968er-Reformen etabliert gewesen sei.

cgn/kle (afp, dpa, epd, kna)

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