Sprachenlernen mit aller Erfahrung | Deutschlehrer-Info | DW | 20.12.2013
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Deutschlehrer-Info

Sprachenlernen mit aller Erfahrung

Ob das Lernen einer Fremdsprache gelingt, hängt von Motivation, Erfahrungen und Vorkenntnissen der Einzelnen ab. Doch wie können Lehrer die Sprachlernbiographien ihrer Lernenden im Unterricht einsetzen?

Wie man erfolgreich eine Fremdsprache lernt? Dazu hat im C1-Deutschkurs am Sprachenzentrum der Humboldt-Universität Berlin offenbar jeder eine klare Meinung: Ein Kursteilnehmer orientiert sich beim Sprachenlernen an Fremdwörtern, die er aus anderen Sprachen kennt, ein anderer sieht deutsche Filme in der Originalsprache. Einige plädieren dafür, dass man eine Sprache am besten in der Gruppe lernt, andere halten Einzelunterricht für effektiver. Manche betonen, dass man die Grammatik und Phonetik gründlich lernen sollte, bevor man in das entsprechende Land geht. Und wieder andere fordern, dass man sofort ins kalte Wasser geworfen werden sollte, um keine Angst vor dem Sprechen zu entwickeln.

Sprachenlernen – ein individueller Prozess

Was bei der Diskussion deutlich wird: In diesem – wie wohl auch jedem anderen – Deutschkurs sitzen ganz unterschiedliche Menschen, von denen jeder wichtige Erfahrungen mitbringt, die das Sprachenlernen prägen. Aus diesem Grund fordern verschiedene Experten und Expertinnen, dass diese Sprachlernbiographien häufiger im Deutschunterricht aufgegriffen werden: „Je mehr Sprachen ich kann, desto leichter ist es für mich, eine neue Sprache zu lernen. Ich kann auf mehr Wissen zurückgreifen und gleichzeitig stehen mir mehr Strategien zur Verfügung“, meint etwa Dr. Maria Giovanna Tassinari vom Sprachenzentrum der Freien Universität Berlin. Und es sei motivierend, sich vor Augen zu führen, was man schon alles kann.

Max Möller, Lehrer in dem Deutschkurs an der HU, behandelt mit den Teilnehmenden eine Geschichte von Wladimir Kaminer, in der es um den Deutschunterricht an einer sowjetischen Schule geht. Mithilfe dieses Textes machen sich die Lernenden Gedanken darüber, wovon die Lernmotivation abhängen kann. Und sie überlegen anhand ihrer eigenen Erfahrungen, was erfolgreiches Sprachenlernen ausmacht, was sie sich in Bezug auf das Deutschlernen noch vornehmen und welche Unterstützung sie dafür brauchen. Schließlich bittet Max Möller zwei Kursteilnehmer, ihre Sprachlernbiographien exemplarisch an der Tafel zu präsentieren.

Der eine berichtet, dass er als Kind russischer Eltern in Weißrussland gegen seinen Willen Weißrussisch lernen musste, dass er deshalb jetzt aber auch andere slawische Sprachen wie Polnisch, Ukrainisch oder Bulgarisch versteht. Und dass er als Kind einer Englischlehrerin schon im Kindergartenalter viele englische Bücher hatte und jetzt in Deutschland seinen Master auf Englisch macht. Die andere kommt aus Kenia und hat Zuhause Kikuyu, im Kindergarten Kisuaheli, in der Schule Englisch und als Jugendliche eine Mischsprache aus Kisuaheli und Englisch verwendet. Italienisch lernte sie, um ihre Masterarbeit in Italien zu schreiben, und jetzt lebt sie in Deutschland – gemeinsam mit ihrem Freund, der Französisch mit ihr spricht. Die Kommilitonen im Deutschkurs zeigen sich beeindruckt von den vielfältigen Fremdsprachenkenntnissen der beiden.

Vom Fragebogen bis zum Wortcluster – Lernbiographien im Unterricht

Die Möglichkeiten, solche Sprachlernbiographien im DaF-Unterricht einzusetzen, sind zahlreich. Manche Lehrkräfte arbeiten sehr systematisch mit Sprachlernbiographien: Mateja Žavski-Bahč von der Universität Maribor in Slowenien beispielsweise lässt ihre Germanistik-Studierenden mit einem umfangreichen Fragebogen arbeiten, der sich wie ein roter Faden durch das Studium ziehen soll: „Wir fragen unsere Studierenden im ersten Semester, in welchen Sprachregionen sie gelebt haben, in welchen Situationen sie Fremdsprachen gebraucht haben, auf welche Weise sie noch Kontakt dazu haben und wie sie die Kenntnisse weiterentwickeln wollen. Später geht es dann zum Beispiel darum, welche Sprachübungen motivierend waren oder besonders viel Spaß gemacht haben“, sagt Žavski-Bahč. Die Studierenden sollen diese Fragen schriftlich beantworten und ihre Berichte bei der Lehrkraft einreichen bzw. in einem Blog hochladen: „Das Portfolio ist als Autoreflektion des Studiums gedacht. Die Studierenden können jederzeit wieder hereinschauen und sehen, welche Ziele sie sich wann gesetzt haben und inwiefern sie sie bereits erreicht haben. Den Lehrenden dienen die Biographien auch als eine Grundlage für ein ausführliches Feedback“.

Auch Regina Graßmann, die Lehrerfortbildungen für Integrationskurse angeboten hat, ist der Meinung, dass man gerade den Unterricht in kulturell heterogenen Gruppen gezielt auf die Sprachlernbiographien der Teilnehmenden zuschneiden sollte. Sie setzt auf das Mittel der Kontrastierung: „Wenn man zum Beispiel neu zu lernende Wörter mit den schon vorhandenen Wörtern kontrastiert, kann man aus diesen Übersetzungen Tafelbilder gestalten. Dadurch entstehen sehr bunte Cluster im Klassenraum, durch die auch die verschiedenen Kulturen der Kursteilnehmenden eine andere Stellung bekommen“, sagt sie. In der Grammatikvermittlung sei das ähnlich: Bei Übersetzungen erkenne man schnell, wie der Satzbau in den verschiedenen Sprachen beschaffen sei. So könne man zum Beispiel feststellen, dass Sprachen mitunter vergleichbare Satzstrukturen haben.

Lernstrategien entwickeln – über den Unterricht hinaus nutzen

Max Möller behandelt das Thema Sprachlernbiographien heute zum ersten Mal so ausführlich im Unterricht. In der Regel spricht er zu Semesterbeginn mit den Kursteilnehmenden darüber, welchen Hintergrund sie haben, wie sie mit Fremdsprachen umgehen und was sie in Bezug auf die deutsche Sprache erreichen wollen. Im Laufe des Kurses kann er dann je nach Bedarf individuelle Vorschläge und Angebote machen.

Seine Kursteilnehmerin Juliana spricht für die Mehrheit ihrer Kommilitonen, wenn sie sagt: „Eine ganze Deutschstunde zum Thema Sprachenlernen hatte ich bisher noch nie. Das war heute eine Premiere.“ Sie fand es spannend, die Erfahrungen und Ratschläge der anderen zu hören. Ob sich ihre eigenen Lernstrategien durch die Reflektion und die Diskussionen verändern werden, weiß sie allerdings nicht. Auch Max Möller räumt ein: „In der heutigen Stunde ist zwar deutlich geworden, dass Sprachenlernen ein sehr individueller Prozess ist und dass die Kursteilnehmenden selbst für diesen Prozess mitverantwortlich sind.“ Er möchte die Teilnehmenden aber auffordern, noch einmal schriftlich zu reflektieren, auf welchem Weg sie ihr Deutsch noch verbessern könnten, welche anderen Wege oder ergänzenden Angebote sie vielleicht noch suchen müssen. Über die leidenschaftlichen Diskussionen der Studierenden hat er sich gefreut. Und er bedauert, dass ihm bei einer Gruppe von zwanzig Studierenden mit vier semesterbegleitenden Unterrichtsstunden pro Woche im Alltag oft schlicht und einfach die Zeit fehlt, um die Sprachlernerfahrungen jedes Einzelnen gezielt aufzugreifen.

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