″Solar Guerilla″ in Tel Aviv: Klimaneutrale Spitzentechnologie im Museum | Kunst | DW | 22.07.2019
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Grüne Stadtplanung

"Solar Guerilla" in Tel Aviv: Klimaneutrale Spitzentechnologie im Museum

Weltweit fordern junge Menschen an "Fridays for Future" eine neue Klimapolitik. Eine Ausstellung in Tel Aviv zeigt: Die Zukunft liegt in den Städten. Mit innovativer Architektur lässt sich der Klimawandel eindämmen.

Solar Guerilla. Neue Ausstellung im Tel Aviv Museum of Art, Masdar_PersonalRapidTransit (Tel Aviv Museum of Art)

Klimaneutrale Stadtplanung: Der Madar-Personal Rapid Transit (entwickelt in GB für die Arabischen Emirate)

Der heiße Wüstenwind Scharav ist gerade erst über Tel Aviv hinweggefegt. In ganz Israel hat er wieder mal für extreme Rekordtemperaturen gesorgt. Knapp unter 50 Grad wurden am Toten Meer gemessen.

Im Tel Aviv Museum of Art ist es dagegen angenehm kühl. Die Klimaanlagen – nicht nur hier, sondern in der ganzen Stadt – laufen auf Hochtouren. Mit kühlem Kopf kann man also eine Reihe bunter Streifen betrachten, die nur auf den ersten Blick wirken wie Kunst: Von links nach rechts werden aus blauen Streifen immer mehr orangene und schließlich rote.

Sie zeigen an, wie sich das Klima seit Mitte des 19. Jahrhunderts verändert hat. Keineswegs nur in Israel oder dem Nahen Osten. In Deutschland beispielsweise stiegen die Jahresdurchschnittstemperaturen von 6,6 Grad (Dunkelblau) auf 10,3 Grad Celsius (Dunkelrot) an. Es ist eine Graphik des Blogs "Climate Lab Book", die Daten stammen von der World Meterological Organization (WMO).

Kämpferische Kultur-Botschaft

Das Tel Aviv Museum of Art zeigt die Wärmestreifen als Teil seiner aktuellen Ausstellung "Solar Guerilla. Konstruktive Antworten auf den Klimawandel" (Originaltitel: Solar Guerilla. Constructive Responses to climate change). Der bunten und so ästhetisch anmutenden Graphik gegenübergestellt sind Gesteinsschichten, die den fortschreitenden Klimawandel belegen: Ja, die Temperatur stieg schon häufig in der Geschichte der Menschheit an und kühlte sich zwischenzeitlich auch wieder ab. Doch über Millionen von Jahren, nicht im Laufe von Jahrzehnten wie jetzt.

Solar Guerilla. Neue Ausstellung im Tel Aviv Museum of Art. (DW/S. Hofmann)

Kuratorin Maya Vinitsky von Tel Aviv Museum (li) mit Umweltforscherin Orli Ronen Rotem von der Universität Tel Aviv

 

"Es gibt zwei Grundaussagen dieser Ausstellung", sagt die Klimaexpertin Orli Ronen von der Tel Aviv University, die als Umweltforscherin das Team des Museums beraten hat. "Die eine lautet: Es gibt den Klimawandel. Er ist drastisch. Und er ist menschengemacht. Und die andere ist: Wir können etwas tun. Wir können den Klimawandel zwar nicht mehr aufhalten, aber es gibt Lösungen, ihn zumindest zu verlangsamen."

"Steht auf für das Klima!!"

Dass die Ausstellung mit einer kämpferischen Botschaft daherkommt, wird schon am Eingang vor der eigentlichen Ausstellungshalle deutlich. Eine Collage zeigt Menschen, die demonstrieren. "We are drowning. We are fighting" ist auf ihren Schildern zu lesen ("Wir ertrinken, wir kämpfen"), "Rise for climate" ("Steht auf für das Klima") oder einfach nur "Wake up" ("Wacht auf"). Es sind Bilder, die seit die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg die Schulstreiks "Fridays for Future" ins Leben gerufen hat, häufig in den Nachrichten zu sehen sind - weltweit. Bilder und Botschaften, die gerade die Klimapolitik verändern.

Das Thema der Ausstellung liegt im aktuellen Trend. "Es stimmt, auch wir sind in diesem Fall als Ausstellungsmacher irgendwie Aktivisten", sagt Kuratorin Maya Vinitsky im Gespräch mit der DW. "Aber in einer sehr zurückhaltenden Art." Die Collage von den Demonstranten will sie als eine Art Tor in die Welt der konstruktiven Ideen zum Thema Klimawandel verstanden wissen. "Viele Menschen wachen morgens auf und lesen in der Zeitung das ein oder andere über den Klimawandel. Aber sie wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Wir versuchen in dieser Ausstellung zu zeigen: Es gibt Möglichkeiten. Auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren ist lediglich einer von vielen Wegen."

Sauberes Trinkwasser aus Luft

Solar Guerilla. Neue Ausstellung im Tel Aviv Museum of Art, Sense_EnergyMonitor (Tel Aviv Museum of Art)

Grüne Technik im Kunstmuseum: Energiesteuerungs-Modul "Sense, Energy Monitor"

Da ist beispielsweise das simple Energiemessgerät namens "Sense", das per App anzeigt, wie viel Strom jedes einzelne Gerät in einem Haushalt verbraucht. Einfach im Stromkasten zu Hause angebracht, könnte es – so die Hoffnung der Entwickler – zu einem Umdenken führen, welches Gerät wirklich ständig laufen muss und was man auch mal abstellen kann.

Und da ist die Firma Watergen, der es gelungen ist, eine Maschine zu entwickeln, die der Luft die Feuchtigkeit entzieht, diese filtert und daraus Trinkwasser macht. Der blaue Kasten, der in der Ausstellungshalle steht, soll vor allem in Afrika eingesetzt werden.

Oder das sogenannte PodCar, das mit Lithium-Phosphat Batterien betrieben wird, die über Solarenergie wieder aufgeladen werden. Seit 2010 ist es in Masdar City, wie sich ein modernes Stadtbauprojekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten nennt, in Betrieb. 

Schon der dänische König Willem-Alexander, Ban Ki-Moon, Angela Merkel und Narendra Modi sind als Staatsgäste in den Emiraten mit dem Auto gefahren, das wie aus einem Science-Fiction Film wirkt. Der Plan der Scheichs: Die gesamte Stadt soll als Öko-Modell für die Zukunft dienen und inmitten der durch Öl reich gewordenen Emirate komplett ohne fossile Energieträger auskommen.

Von Bäumen und Batterien

Und da sind die Städte in der Ausstellung vertreten, die sich in innovativen Lösungen versuchen. Von Chicago, deren Stadtverwaltung inzwischen die Bepflanzung von mehr als eintausend Hochhausdächern gefördert hat, über die vertikalen Gärten entlang von Häuserfassaden in Singapur zu Tel Aviv - dem Ort in Israel, an dem die Ausstellung präsentiert wird.

In der alten arabischen Stadt Jaffa, die inzwischen zur Großstadt Tel Aviv gehört, wird aus Wellenkraft saubere Energie gewonnen. "Eco Wave Power" nennt sich die israelische Technologie, die auch in Gibraltar sei 2016 zum Einsatz kommt.

Das ebenfalls israelische Projekt "ElectReon" befindet sich noch in der Testphase in Schweden, doch in der Zukunft sollen in Tel Aviv Busse, die bislang für 70 Prozent des Smogs der Stadt verantwortlich sind, mit Elektrobatterien fahren. Betrieben mit Batterien, die sich permanent selbst wieder aufladen, ganz ohne Kabel verbunden mit unterirdischen Elektrostrassen.

Begrüntes Gebäude: CheckPointBuilding in Tel Aviv (Tel Aviv Museum of Art)

Klimaneutrale Stadtplanung: Das "Check Point Building" in Tel Aviv

Im Norden der Stadt Tel Aviv entsteht gerade ein neues Wohngebiet, das komplett klimaneutral werden soll. Der Strom soll sich hier allein aus Solarenergie speisen, Wärme und Kühlung des Gebäudes sollen separat vom Strom über einen minimalen Einsatz von Erdgas funktionieren. Eine Zukunftsvision auch für andere Städte.

Scheidepunkt der Geschichte

Es sind vor allem Architekten und Designer, die in dieser Ausstellung tonangebend sind. So lässt sich auch erklären, was eine Ausstellung über Klimatechnologie in einem Kunstmuseum macht: Das Tel Aviv Museum of Art hat eine große Abteilung für Architektur und Design.

Doch es gibt noch eine andere Erklärung: "Seien wir ehrlich", sagt die Umweltforscherin Orli Ronen. "Wir als Wissenschaftler sind gescheitert. Der Klimawandel ist nach wie vor nicht das bestimmende Gesprächsthema der Menschen, die in den Cafés sitzen. Ich bin glücklich über jeden Versuch dies zu ändern und das Museum ist ein Ort, an dem Menschen offen sind für neue Impulse."

"Ich glaube nicht, dass irgendjemand durch diese Ausstellung gehen kann und nicht das Gefühl hat, er oder sie müsste sofort etwas tun." Schließlich zeige die Ausstellung, wie entscheidend die Entwicklung derzeit ist, gibt Ronen zu Bedenken: "Wir stehen gerade an einem Scheidepunkt der Geschichte."

"Grundsätzlich bin ich eine Optimistin", sagt Kuratorin Vinitsky im DW-Interview. "Ich bin optimistisch, wenn ich mir anschaue, was Technologie bewirken kann, was Menschen schaffen können. Wir beginnen die Ausstellung mit den Aktivisten, mit denen, die eine Art Guerillataktik gegen eine globale Politik anwenden, die bislang nicht genug tut. Was die politische Ebene angeht, bin ich also leider eher skeptisch. Aber, was bleibt uns anderes, als es zu versuchen?"

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