So geht Klimaschutz vor Ort | Wissen & Umwelt | DW | 07.02.2018
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Wissen & Umwelt

So geht Klimaschutz vor Ort

Stürme, Starkregen und Hitze werden Städte und Gemeinden vor große Aufgaben stellen. Auf einer Fachkonferenz des Deutschen Städte- und Gemeindesbundes (DStGB) in Bonn diskutierten kommunale Vertreter was sie tun können.

Klimaschutzkonferenz des DStGB 2018 in Bonn (DW/ K. Jäger)

Roland Schäfer spricht zum Auftakt der Klimaschutzkonferenz von Städten und Gemeinden

Was hat der Eisbär mit Deutschland zu tun? Ein riesiger Polarbär prangt auf Einladungsflyern und Plakaten, die auf die Klimaschutzkonferenz des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) hinweisen. 

"2016 war das wärmste Jahr seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Nicht nur in Afrika, oder in der Arktis, auch in Deutschland sind die Zunahmen extremer Wetterlagen zu spüren", hebt Roland Schäfer, DStGB-Vizepräsident zum Auftakt der Veranstaltung hervor. Während dem Eisbär der Boden unter den Füßen wegschmilzt, steigt das Wasser auch in Stadt, an Land, Fluss und Meer.

"Hochwasser und Überschwemmungen werden sich in den nächsten 25 Jahren versiebenfachen", warnt Schäfer. Der Fokus müsse daher auf den Ausbau von Deichen, Auen, Poldern und anderer Hochwasserschutzmaßnahmen gelegt werden. Daneben stehen Radwegenetze und Maßnahmen für Energieeffizienz und Energieeinsparungen auf dem Klimaschutz-Programm vieler Kommunen. 

Deutschland Radschnellweg in Göttingen (picture-alliance/dpa/S. Pförtner)

Geplant und schon realisiert: mehr Raum für Fahrräder in den Innenstädten

Städte und Gemeinden in Deutschland bilden die Basis öffentlichen Handelns. Sie sind daher seit Jahren maßgebliche Akteure bei Klimaschutz, bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels und bei der Verbesserung der Energieeffizienz. "Klimaschutz hat eine ganz hohe Priorität. Auch wenn Deutschland seine selbst gesteckten Klimaschutzziele 2020 nicht erreichen wird", versichert Schäfer den Vertretern aus Kommunen, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. 

Bonns Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan hebt hervor, dass die Lebensart Einfluss auf die Umwelt habe: "Der Anteil der CO2-Emissionen in Deutschland aus privatem Konsum liegt bei 15 Prozent." Aber auch die Gemeinden hätten eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. So setzt seine Stadt mittlerweile bei der Mittagsverpflegung in Schulen auf Nahrungsmittel aus biologischem Anbau.

Sridharan verweist auf die gute internationale Zusammenarbeit, besonders mit Kollegen aus den USA. Das habe sich während der UN-Klimakonferenz vor drei Monaten an gleicher Stelle gezeigt: "Ganz besonders beeindruckt hat mich die amerikanische Präsenz von Bürgermeistern und Gouverneuren. Egal, was der Herr im Weißen Haus sagt, sie fühlen sich dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet."

Martin Frick ist Senior Director beim UN-Klimasekretariat und zuständig für Politik und Programmkoordination. Er verweist auf den von der Regierung der Fidschi-Inseln angeregten Talanoa-Dialog: Gemeinsam wollen die lokalen Regierungen in den nächsten Jahren Wege finden, den internationalen klimapolitischen Prozess voranzutreiben. "Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Wie kommen wir dahin? - Das sind Fragen, die wir gemeinsam erörtern wollen", sagt Frick.

Kim Kerkhoffs stellt die Aktivitäten Nijmegens für die Bereiche Klimawandel, Verkehr, Luftqualität, Lärmschutz, Abwasserbehandlung und Energieeffizienz vor. Die niederländische Stadt wurde von der EU-Kommission zur "Grünen Hauptstadt Europas 2018" gewählt. Viele bürgerschaftliche und betriebliche Initiativen hatten die Jury überzeugt, sagt Kerkhoffs. Private Initiativen sammeln regelmäßig Landschaftsmüll ein. In einem Gemüsegarten werden 200 Gemüsearten, Kräuter und Blumen ökologisch angebaut, darunter seltene Sorten wie Pastinaken.

Erntehelfer können für 200 Euro Jahresbeitrag mitwirtschaften und ernten. Eines jedoch beklagt die Beraterin für nachhaltige Entwicklung: "Wir sprechen über ein Europa der Zusammenarbeit, aber umweltpolitisch spürt man noch immer eine Barriere".

Hochwertiges Holz, billiges Glas und Watt-Wanderungen

Als vorbildliches kommunales Praxisbeispiel stellt sich die Bodensee-Gemeinde Frickingen vor: "Wer sich auf den Holzweg begibt", erläutert Bürgermeister Jürgen Stukle "befindet sich bekanntlich auf falschem Weg. Wir setzen seit Jahren bewusst auf Holz und sind damit in der richtigen Richtung unterwegs".

Klimaschutzkonferenz - Rathaus der Bodenseegemeinde Frickinge (Pixelzauber/C. Allweier)

Transparenz im Rathaus: Hochwertiges nachwachsender Rohstoff Holz und viel Glas wurden in der Gemeindebehörde von Frickingen am Bodensee verbaut

Die Tatsache, dass die Gemeinde über eigenen Wald verfügt, haben die Kommunalpolitiker genutzt, um Rathaus, Gemeindehalle, Bauhof und Feuerwehrwache aus nachwachsenden Rohstoffen anzufertigen. "Wir setzen auch viel Glas ein, denn Glas kostet fast gar nichts und wirkt transparent", beschreibt Architekt Manfred Fetscher die Vorteile seiner mehrfach prämierten Hochbauten. 

Auch wenn die Gemeinde in der Nähe der Alpen und damit fern vom Meer liegt, können sich Bürger und Touristen bei geführten "Watt-Wanderungen" informieren: über Sonnenwärme- und Sonnenstrom-Anlagen, Pelletheizungen und die kommunale Hackschnitzelheizung. Statt schlammigem Meeresgrund, geht es dabei um elektrische Leistung.

Regenerative Energien kommen in Neubaugebieten durch solarbetriebene Leuchten zum Einsatz. Und in der Dorfmitte gibt es längst eine Ladesäule mit Elektro- oder Hybridantrieb.

Bochums Ostpark: nachhaltig, nicht aus dem Boden gestampft

Bochums Stadtplanerin Maria Odenthal erklärt, wie ihre Stadt die Transformation vom Industriestandort zur nachhaltigen Metropole durchführen will. Obwohl der Autobauer Opel seinen Standort in der Ruhrgebietsstadt schloss, steigt die Bevölkerungszahl in der Universitätsstadt seit 2015.

"Im Ostpark schaffen wir für mehrere tausend Menschen nun ein neues, attraktives, grünes und doch innenstadtnahes Wohnviertel mit Einzel-, Doppel-, Reihen- und Mehrfamilienhäusern", sagt Odenthal nicht ohne Stolz. "Wir werden das Viertel bedarfsgerecht entwickeln, je nach Lage auf dem Wohnungsmarkt und nicht aus dem Boden stampfen.  

Grachten sollen im Bochumer Ostpark entstehen ( Stadt Bochum)

Hochwasserreservoir, Erholungs- und Erlebnisraum: Grachten und ein Bachlauf sollen im Ostpark Bochum entstehen

Überflutungs- und Erlebnisraum 

Um sich auf längere Hitzeperioden und starke Regenfälle einzustellen, werden Windschneisen, Freianlagen und ein oberirdischer Wasserlauf die Wohneinheiten verbinden. Eine Entwässerungsanlage kann das komplette Regenwasser der Grundstücke und Straßenflächen aufnehmen. Sie bietet Raum für temporäre Überflutungen, für Erlebnisse und Erholung und verbessert das Stadtklima, so Odenthal. In diesem Zusammenhang weist die Stadtplanerin auf das Klimaanpassungskonzept hin, in dem Bochum alle klimatischen Veränderungen untersucht und eine Handlungsstrategie für die Anpassung an den Klimawandel erarbeitet. 

Vor dem Hintergrund der Weltklimakonferenz (COP23) in Bonn spricht Professor Anders Levermann über theoretische Klimamodelle und Forderungen nach praktischen Anpassungsmaßnahmen.

Levermann: "Der Klimawandel ist da" 

Levermann leitet den Bereich Globale Anpassungsstrategien beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und ist an der Columbia University in New York tätig. 

Klimaschutzkonferenz - Prof.Dr. Anders Levermann Klimaforscher der Columbia University, Ney York, USA (DW/K. Jäger)

Professor Levermann: "Wir müssen raus aus der Kohle!" und "Das Eis der Arktis ist nicht zu retten!"

Der Meeresspiegel wird bei einem Grad Erderwärmung um zwei Meter ansteigen, prognostiziert der Wissenschaftler. "Das wäre kein Problem, hätte man die Infrastruktur nicht an die Gewässer gelegt." Er wisse nicht, ob Hamburg dauerhaft zu halten sein werde. Die Deiche könnten seines Wissens nach um 80 Zentimeter erhöht werden. 

Die Welt stehe vor der großen Herausforderung, in den nächsten fünf Jahren das Maximum der CO2-Emissionen erreichen zu müssen - trotz des Entwicklungsbedarfs prosperierender Staaten wie China, Indien, Brasilien und anderen.

In der zweiten Hälfte des 21.Jahrhunderts müsse die Weltgemeinschaft null Emissionen erreichen. Die CO2-Emissionen, die die Meere versauern lassen oder die Atmosphäre belasten, würden dann jedoch immer noch nicht abgebaut. "Derjenige, der bis dahin eine Methode entwickelt, mit der die dann noch vorhandenen negativen Emissionen eliminiert werden können, wird damit sehr sehr reich werden", sagt Anders Levermann süffisant.

Die nächsten 25 Jahre müssten intensiv zur Anpassung an die Klimawandelfolgen genutzt werden, denn die Temperaturentwicklung sei berechenbar, infolge der Menge an CO2-Emissionen, die in den vergangenen Dekaden in die Biosphäre gelangten.

In dieser Zeit werden sich Wetterextreme wie Hitzeperioden, Dürren, Waldbrände und Starkregen häufiger ereignen, erklärt Levermann. "Wir können keinen Klimaschutz praktizieren ohne Kohleausstieg", fügt er hinzu, "je schneller desto besser." Und noch eine klare Aussage, eher eine Hiobsbotschaft, teilt er dem Publikum mit: "Das Eis am Nordpol werden wir nicht retten - auch nicht mehr bei 2 Grad Erderwärmung." Insofern ist der Eisbär auf dem Plakat der DStGB-Klimaschutzkonferenz auch als ernste Mahnung zu verstehen. 

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