Sinti und Roma: Raus aus der Opferrolle | Europa | DW | 08.10.2019
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Diskriminierung

Sinti und Roma: Raus aus der Opferrolle

Vorurteile, Anfeindungen, drohende Abschiebung: Viele junge Sinti und Roma in Deutschland müssen mit großen Belastungen leben. Auf einer Jugendkonferenz in Berlin haben sie diskutiert, wie sie sich behaupten können.

Melissa (zweite von links) und ihre Mitstreiter engagieren sich für mehr Mitsprache

Melissa (zweite von links) und ihre Mitstreiter engagieren sich für mehr Mitsprache

Bei Angela ging es schon in der Grundschule los, mit üblen Beschimpfungen durch ihre Mitschüler. "Sie haben das Z-Wort gesagt. Ich wurde geschlagen, mir wurde mein Geld weggenommen und mein Essen. Das ging wirklich richtig tief", erinnert sich die 25-jährige Romni an ihre ersten Schuljahre in Köln. Ähnlich erging es dem gleichaltrigen Emanuel, der in Rumänien zur Schule ging: "Meine Mutter hat ständig meine Kleidung gewaschen, damit ich immer sauber aussehe. Aber das war völlig egal, aus Sicht der anderen waren wir schmutzig, neben mir wollten sie deshalb nicht sitzen."             

Demütigungen, die sich im späteren Leben oft fortsetzen, zum Beispiel bei der Suche nach Arbeit oder einer Wohnung - mit gravierenden Folgen für das Selbstwertgefühl. "Inzwischen leugnen viele Jugendliche ihre Identität wegen der Diskriminierungen, die sie erfahren haben", erzählt Merdjan Jakupov, Geschäftsführer von Amaro Drom. Genau hier setzt der interkulturelle Verein an mit seiner Arbeit. "Sie müssen verstehen, warum das passiert - um es zu bearbeiten und dann damit umgehen zu können."  

Mehr in der Öffentlichkeit mitspielen   

Vor vier Jahren hat der Verein deshalb das Projekt "Dikhen amen!" gestartet. "Seht uns!" bedeuten die beiden Worte übersetzt aus dem Romanes, der Sprache der Sinti und Roma. Gemeinsam mit Trainern arbeiten die Jugendlichen seitdem in regelmäßigen Treffen daran, sich von den Negativzuschreibungen zu lösen und selbstbewusst für ihren Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Teilhabe einzutreten. Hauptziele des Projekts sind, sagt Merdjan Jakupov, "Empowerment und Mobilisierung".

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Junge Sinti und Roma: "Seht uns!"

Auf der Bundesjugendkonferenz von Amaro Drom, dem größten Treffen junger Sinti und Roma in Deutschland, haben alle Projektteilnehmer jetzt die Ergebnisse ihrer Arbeit vorgestellt. Und dabei auch noch einmal für sich formuliert, wie sie die Wahrnehmung ihrer Community verändern wollen. "Wir müssen in der Öffentlichkeit mitspielen und diese ganzen Stereotype vergessen machen", sagt zum Beispiel Melissa, eine 20-jährige Romni aus Leipzig. Ajriz, 21, aus Mazedonien, pflichtet ihr bei: "Unter uns sind viele Studierte, unter uns sind Professoren - das weiß die Mehrheitsgesellschaft leider nicht."

Tief verwurzelter Antiziganismus

Das Bild von Sinti und Roma zu ändern, bleibt schwer angesichts der tief sitzenden Vorurteile, die viele haben und die einige Medien - bewusst oder unbewusst - weiter reproduzieren. "Wenn es etwas Negatives gibt, dann kommen alle. Gibt es dagegen etwas Positives zu berichten, kommt niemand", erzählt Éva Ádám, pädagogische Leiterin bei Amaro Drom. "Es wird immer nach dem Haar in der Suppe gesucht." Deshalb verschweigen manche ihre ethnische Herkunft sogar dann, wenn sie in Schule oder Beruf Erfolg haben - aus Furcht, dieser könnte dann vielleicht nichts mehr gelten.

Den Mut, sich zu zeigen und sich nicht zu verstecken, trotz aller kursierenden Zerrbilder, trainieren die jungen Sinti und Roma auf der Konferenz in verschiedenen Workshops.

Die Jugendlichen kämpfen gegen Stereotype

Die Jugendlichen kämpfen gegen Stereotype

Im Medien-Workshop zum Beispiel geht es darum, wie sie mit Anfragen von Journalisten umgehen können oder in Interviews auftreten. Der Politik-Workshop dagegen beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen, wie etwa der Bleiberechtssituation - einem Thema, das einige der jungen Teilnehmer direkt betrifft, weil sie Geflüchtete sind.

Unsichere Zukunftsperspektiven

"Die unsichere Bleibeperspektive vieler Jugendlicher behindert unsere Arbeit", sagt der Geschäftsführer von Amaro Drom, Merdjan Jakupov. Denn wer fürchten muss, bald abgeschoben zu werden, verliert vielleicht irgendwann das Interesse an dem Angebot des Vereins. Die Stärkung der Jugendlichen - eine Voraussetzung auch für spätere Bildungserfolge – wird somit womöglich schon im Keim erstickt. Stattdessen entstünden Ängste und Frustration.

Einer unsicheren Zukunft sieht sich auch die Jugendorganisation Amaro Drom selbst gegenüber. Bislang wurde das Projekt "Dikhen amen!" mit Geldern aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben" des Bundesfamilienministeriums gefördert. Für den Verein völlig überraschend wurden diese Mittel nun aber gestrichen. Drei hauptamtliche Stellen gehen damit verloren. Und auch die Bundesjugendkonferenz mit ihren verschiedenen Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens wird es in dieser Form künftig wohl nicht mehr geben.     

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