Sinti und Roma präsentieren erstmals ihre Kulturen im ″RomArchive″ | Kultur | DW | 24.01.2019
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Kultur

Sinti und Roma präsentieren erstmals ihre Kulturen im "RomArchive"

Mit dem digitalen "RomArchive" wollen Sinti und Roma ihre Künste und Kulturen künftig besser sichtbar machen. Dabei gehen sie auch gegen Vorurteile vor. Bundespräsident Steinmeier unterstützt die Initiative.

"Dieses Projekt hat für unsere Minderheit in Deutschland und Europa historische Bedeutung", sagt Romani Rose bei der Vorstellung des RomArchive, des digitalen Archivs der Sinti und Roma. Denn erstmals in ihrer 600jährigen Geschichte, so der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und Mitglied des Beirats des "RomArchive", hätten Sinti und Roma die Chance, ihre Künste und Kulturen selber zu präsentieren, unabhängig von Jahrhunderte alten Zuschreibungen und Vorurteilen.

Gegengeschichte der Sinti und Roma

5000 Objekte sind in der Datenbank des "RomArchive" zusammengetragen worden. Bilder, Texte, Videos und Audios zeugen vom enormen Reichtum der künstlerischen Produktionen von Sinti und Roma. Dabei wird schnell klar: Eine gewissermaßen "monochrome" Kunst der Sinti und Roma gibt es so nicht. Vielmehr sind es Künste und Kulturen, die im engen Austausch mit den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften entstanden sind - und als wichtiger Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte viel zu wenig gewürdigt werden. Daran soll das "RomArchive" etwas ändern, das ab sofort in Deutsch, Englisch und Romani zugänglich ist und von der Bundeskulturstiftung mit 3,75 Millionen Euro gefördert wurde.

RomArchive DORANTES (Antonio Barce)

Bringt den Flamenco auf das Klavier: Dorantes aus Sevilla spielte beim Kulturabend des Bundespräsidenten anlässlich des neuen "RomArchive"

Eine selbst erzählte Gegengeschichte soll dieses Archiv sein, sagen die beiden Projektleiterinnen Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey. Tanz, Theater, Film, Musik, Literatur und Flamenco sind die Kunstsparten, in denen die Sinti und Roma ihre eigene Kulturgeschichte bis hinein in die Gegenwart erzählen. Zum Beispiel ihren Beitrag zum Flamenco, den der Musikwissenschaftler Gonzalo Montano Pena von der Universität Sevilla kuratiert hat. Den meisten Spaniern seien die Beiträge der Roma zum "Flamenco Gitano" gar nicht bewusst, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle. Dabei gäbe es eine ganze "Gruppe von Melodien", die aus der Feder von Musikern mit Roma-Hintergrund stammten. Etwa vom Sevillaner Dorantes, der den Flamenco von der Gitarre auf das Klavier übertragen hat. Er und weitere Künstler treten bei dem begleitenden Festival "Performing RomaArchive" in der Berliner Akademie der Künste auf.

Für die Sektion Film wurden unter 350 Filmen schließlich 35 Filme ausgewählt, die sich mit Sinti und Roma befassen oder von ihnen produziert wurden. Ausgelassen hat Kuratorin Katalin Bársony jene Filme, die ihrer Meinung nach Stereotypen über Leben und Kultur der Sinti und Roma verbreiten. Daher wird man den erfolgreichen Streifen "Die Zeit der Zigeuner" von Emir Kusturica vergeblich suchen. Dafür hat Bársony "Taikon" von Lawen Mohtadi hineingenommen. Der Film über die gleichnamige Aktivistin und Bürgerrechtlerin ist noch relativ bekannt, die anderen sind es kaum. Den gleichen ethischen Standards folgen die Sektionen Tanz, Theater, Literatur und Musik. Aber auch hier wird das breite Publikum viele Künstler und Stücke nicht kennen.

Gegen Ignoranz und Rassismus

Bild der Künstlerin Delaine Le Bas vor ihrer Installation Witch Hunt die wie ein Zelt aussieht mit Figuren und Mustern

Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste anlässlich des neuen "RomArchive": Die international geschätzte Künstlerin Delaine Le Bas vor ihrer Installation "Witch Hunt"

Hierfür machen die Sinti und Roma vor allem Ignoranz und latenten Rassismus in den europäischen Mehrheitsgesellschaften und deren Kulturinstitutionen verantwortlich. So sieht es im Gespräch mit der Deutschen Welle etwa die in Großbritannien geborene Fotografin, Filmemacherin und Performancekünstlerin Delaine Le Bas. Sie zählt zu den sechs Künstlerinnen und Künstlern, die 2007 Teil von "Paradise Lost" waren, dem ersten Roma-Pavillon auf der Biennale von Venedig. Selbstverständlich ist sie auch im "RomArchive" vertreten. Mechanismen der Diskriminierung stellten sich in den europäischen Ländern unterschiedlich dar, so die international geschätzte Künstlerin: Subtiler in Großbritannien oder Deutschland, offener etwa in Ungarn.

Nur wenige im Kulturbetrieb unterstützen die Sinti und Roma so massiv, wie es die Intendantin des Berliner Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, im vergangenen Jahr mit der ersten Roma Biennale getan hat. "Es ist immer noch ein Kampf für Roma-Künstler und überhaupt für Menschen mit einem Roma-Hintergrund, in den europäischen Gesellschaften ihre Rechte zu bekommen", sagt sie der Deutschen Welle. Und fordert, dass sich die Kulturinstitutionen im Sinne der Dekolonisierung verändern müssten: "Wir brauchen Roma als Verantwortliche in diesen Institutionen - nicht nur als Künstler, sondern auch als Geldgeber, Organisatoren und Kreative".

Steinmeier fordert mehr Wertschätzung für Sinti und Roma

Kein Zweifel: Der lange Schatten einer Jahrhunderte langen Geschichte, die teilweise von Diskriminierung und Verfolgung geprägt war, liegt auch über dem "RomArchive". Deutlich spürbar wird das in der Sektion "Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma". Dokumentiert wird unter anderem der Kampf gegen Diskriminierung, also gegen den sogenannten Antiziganismus, oder auch das Eintreten für Frauenrechte oder die Kampagne gegen die Schulsegregation in Tschechien, Ungarn und der Slowakei. In der Sektion "Voices of the victims" kommen in frühen Selbstzeugnissen Opfer des Völkermords durch die Nazis zu Wort.

Vom "vergessenen Holocaust" sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jetzt bei einem Kulturabend mit Sinti und Roma im Schloss Bellevue. Der Mord an einer halben Million Sinti und Roma in Europa müsse stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden. Steinmeier forderte, die "oft bewusst oder unbewusst übersehene, vernachlässigte, ja verdrängte oder sogar unterdrückte Kultur" sorgfältiger zu würdigen.

Bild von Romani Rose Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Warnt vor vermehrtem Antiziganismus: Romani Rose, Präsident des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Das "RomArchive" könnte ein wichtiger Baustein auf diesem Weg sein. Für Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, kommt es angesichts des Erstarkens rechtsnationaler Kräfte keinen Augenblick zu früh: "Die Ablehnung von Sinti und Roma wird wieder deutlicher zum Ausdruck gebracht", kritisiert er gegenüber der Deutschen Welle. Eine Studie der Universität Leipzig von November 2018 ermittelte jüngst, dass 60 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmten, Sinti und Roma würden zur Kriminalität neigen.

Wer sich ein eigenes, unvoreingenommenes Bild von Sinti und Roma und ihren Beiträgen zur europäischen Kultur machen möchte, der kommt künftig am "RomArchive" nicht vorbei.

Am 24. Januar um 20.00 Uhr MEZ wird das "RomArchive" freigeschaltet. Vom 24.-27.1.2019 findet in der Akademie der Künste zudem das Festival "Performing RomaArchive" statt. In Ausstellungen und Konzerten des Festivals wirken Künstler mit, die auch im "RomArchive" präsent sind.  

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