Simbabwe: Hoffnung auf glaubwürdige Wahlen | Afrika | DW | 29.07.2018
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Beginn einer neuen Ära

Simbabwe: Hoffnung auf glaubwürdige Wahlen

Diktatur, Wirtschaftskrise, Gewalt - seit Jahren kommen kaum gute Nachrichten aus Simbabwe. Am Montag könnte sich das ändern: Zum ersten Mal nach dem Ende der Mugabe-Ära finden Wahlen statt. Aus Harare Adrian Kriesch.

Präsident Mnangagwa reckt bei einer Wahlkundgebung die Arme in die Luft (Reuters/P. Bulawayo)

Emmerson Mnangagwa will als Präsident bestätigt werden

Tinashe Lewy ist müde und genervt. Seit vier Stunden steht der junge Mann vor seiner Bank im Geschäftsviertel der Hauptstadt Harare. Und noch immer ist eine lange Schlange vor ihm. Lewy ist Händler, er kauft gebrauchte Kleidung im Nachbarland Mosambik und verkauft sie dann hier wieder. Jetzt braucht er Bargeld - 300 US-Dollar, um nach Mosambik zu fahren und neue Kleidung zu kaufen. Das Geld ist auf seinem Konto, doch er kommt nicht daran. Die Banken haben nicht genug Bargeld. "Das ist echt anstrengend", sagt Lewy. "Ich bin 25 Jahre alt, habe eine Familie, ein Kind. Meine Familie braucht Essen, und ich muss die Miete bezahlen. Das Leben ist sehr hart."

Hyperinflation und Schuldscheine

Während der Regierungszeit des früheren Machthabers Robert Mugabe ist die Wirtschaft Simbabwes zusammengebrochen. In den Spitzenzeiten lag die Inflationsrate bei 231 Millionen Prozent. Die eigene Landeswährung wurde aufgegeben. Jetzt wird meist in US-Dollar gezahlt - oder mit Schuldscheinen der Regierung, die an den Dollar gebunden sind. Beamte bekommen ihr Gehalt in Form von Schuldscheinen überwiesen und zahlen ihre Waren bei Händlern wie Lewy dann oft per Überweisung. Doch Lewy und die anderen Menschen in der Schlange können pro Woche nur maximal 60 Dollar in Schuldscheinen von der Bank abheben. Dann müssen sie die Scheine zu einem deutlich schlechteren Kurs auf dem Schwarzmarkt in echte Dollar tauschen.

Eine Menschenschlange vor einer Bank in Harare (DW/Adrian Kriesch)

Lange Schlangen vor den Banken gehören in Harare zum Alltag

Im November wurde Robert Mugabe von der Armee zum Rücktritt gezwungen, sein ehemaliger Vize und langjähriger Weggefährte Emmerson Mnangagwa übernahm die Macht. Mnangagwa gibt sich als Reformer. Im Ausland wirbt er um Investoren. Im Inland hat die Präsenz der Sicherheitskräfte abgenommen. Er sucht auch den Schulterschluss mit den weißen Farmern, die durch Mugabes umstrittene Landreform enteignet wurden. "Ein schwarzer oder ein weißer Farmer ist ein simbabwischer Bauer", rief der 75-jährige Mnangagwa ihnen bei einer Wahlkampfveranstaltung zu. "Wir müssen eine Kultur entwickeln, die akzeptiert, dass wir eins sind. Die Vergangenheit müssen wir hinter uns lassen."

Umstrittener Öffnungskurs

Doch ein Teil von Mnangagwas Partei ZANU-PF will die Vergangenheit nicht hinter sich lassen. Im Juni überlebte der Präsident nur knapp einen Bombenanschlag auf einer Wahlkampfveranstaltung. Öffentlich mutmaßte er, dass eine Gruppe um Mugabes Ehefrau hinter dem Anschlag stecken würde. Viele Menschen zweifelten jedoch daran, dass Mnangagwa für einen Wandel steht, sagt David Mbae, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Harare: "Es ist nur sehr schwer zu vermitteln, wie Mitglieder einer Regierung, die über Jahrzehnte den wirtschaftlichen Niedergang mit befördert haben, die sich in vielen Fällen nachweisbar selbst bereichert und die Rechte der Zivilgesellschaft und der normalen Bevölkerung massiv eingeschränkt haben, plötzlich das Licht gesehen haben und nun alles anders machen wollen", sagt er.

Nelson Chamisa winkt bei einer Wahlkundgebung seinen Anhängern zu (picture-alliance/T.Mukwazhi)

Oppositionskandidat Chamisa (Mitte) verspricht einen völligen Wandel

Daran glaubt auch der wichtigste Oppositionskandidat nicht. Wenige Tage vor der Wahl tritt Nelson Chamisa im Ort Chitungwiza auf eine Bühne, tausende Unterstützer jubeln ihm zu. Der 40-jährige Prediger und Anwalt ist ein charismatischer Redner. Chamisa spricht von seinen Visionen für das Land: Wandel, eine boomende Wirtschaft, Arbeitsplätze, Industrie - das sind seine Schlagwörter. Wie genau er das machen will, sagt er nicht. Bei seinem Auftritt verspricht er sogar den Bau eines hochmodernen Hochgeschwindigkeitszuges - trotz Staatsschulden in Milliardenhöhe. "Wir können es Amerika nachmachen, oder China, jedem anderen Land", ruft Chamisa seinen jubelnden Anhängern zu, "damit wir sie überholen und Weltmeister werden. 2023 werden wir die Champions Afrikas sein."

Historischer Wahlkampf ohne Angst

Bei früheren Wahlkampfveranstaltungen außerhalb der Hauptstadt Harare mussten sich die Oppositionellen danach ihre Partei-T-Shirts ausziehen, um nicht von den Sicherheitskräften verprügelt zu werden. Doch dieses Mal ist es anders. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Oppositionsparteien auch außerhalb der Hauptstadt ohne Angst in den Wahlkampf gehen können. Gewaltsame Einschüchterungen gab es bisher nicht, sagt Elmar Brok. Der EU-Parlamentarier ist Chef der EU-Wahlbeobachtermission. Zum ersten Mal seit 16 Jahren hat die simbabwische Regierung die Beobachter wieder eingeladen. Bisher gab es viele positive Fortschritte, sagt Brok der DW. Doch es gebe begründete Sorgen, dass sich die Sicherheitskräfte doch noch einmischen könnten. "Das Militär ist hier sehr stark an der Wirtschaft beteiligt, deswegen gibt es auch starke persönliche Abhängigkeiten, die man gern behalten möchte", sagt Brok. "Deswegen wird man feststellen müssen, ob die Öffnung auch dann hält, wenn der Machtverlust gegeben ist."

Der Leiter der EU-Wahlbeobachtermission Elmar Brok mit Mitarbeitern in blauen Westen (DW/Adrian Kriesch)

Zum ersten Mal seit 16 Jahren sind wieder EU-Wahlbeobachter im Land

Der Händler Tinashe Lewy wartet unterdessen noch immer vor seiner Bank in Harare, es geht kaum voran in der Schlange. "Es muss sich etwas ändern", sagt der Familienvater. "Vielleicht ändert sich etwas, wenn wir eine neue Regierung haben, neue Leute im Parlament sitzen. Vielleicht kommen wir dann wieder einfacher an Geld - oder auch an Jobs." Trotz abgeschlossenem Studium konnte er bisher keine feste Arbeit finden. Am wichtigstem sei es aber, dass es nach den Wahlen friedlich bleibt - und Simbabwe nicht gleich in die nächste Krise stürzt, hofft er.

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