Sierens China: Zwischenrufe von Gartenzwergen | Asien | DW | 23.05.2018
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Kolumne

Sierens China: Zwischenrufe von Gartenzwergen

Bei ihrer China-Reise will sich Angela Merkel in der Tech-Metropole Shenzhen ein Bild vom Fortschritt machen. Eine letzte Chance aufzuwachen, bevor China uns technologisch in die Knie zwingt, meint Frank Sieren.

AnBot China Polizei Roboter (picture alliance/dpa/Stringer)

Kein Gartenzwerg, sondern ein Polizeiroboter mit der Fähigkeit zur Gesichtserkennung am Flughafen von Shenzhen

Es ist kein Zufall, dass Angela Merkel bei ihrem zweitägigen China-Besuch diese Woche der Stadt Shenzhen einen ganzen Tag widmet - vielleicht sogar widmen muss. Die Metropole im Südosten Chinas ist eine der fortgeschrittensten Städte der Welt: modern, vernetzt, und nicht zuletzt dank einem fast komplett auf E-Mobilität umgestellten Busverkehr auch erstaunlich sauber für chinesische Verhältnisse.

Wie keine andere Stadt verkörpert Shenzhen den chinesischen Traum, zur technologischen Weltmacht aufzusteigen. China will bis 2025 in Schlüsselbereichen wie der Raumfahrt, der E-Mobilität und der Industrierobotik global führend sein. So der Plan der Regierung. Bei den Hochgeschwindigkeitszügen hat sie das Ziel bereits erreicht.

Weltmacht in Sachen künstlicher Intelligenz

Bis 2030 soll China dann zum weltweit führenden Land im Bereich der künstlichen Intelligenz werden. Und auch hier ist man auf einem guten Weg, wie man an Shenzhen sehen kann, wo diese Träume bereits in Echtzeit Wirklichkeit werden. Im Nahverkehrssystem, beim Einkauf in Supermärkten und in der Polizeiarbeit werden Anwendungen wie die Gesichtserkennung, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, bereits selbstverständlich eingesetzt. Auch der Straßenverkehr wird durch künstliche Intelligenz effizienter in geordnete Bahnen gelenkt. All das ist möglich, weil die Stadt, wie sie heute besteht, in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft und auf die Anforderungen einer "Smart City" ausgerichtet wurde. 1986 lebten in Shenzhen nur eine Millionen Menschen, heute sind es bereits knapp 13 Millionen. Die wichtigsten Unternehmen der chinesischen Tech-Branche nutzen die Stadt als Experimentierfeld: vom Daten-Gigant Tencent, dem WeChat gehört, bis zum Telekommunikationsanbieter Huawei, der bei der Entwicklung und Etablierung des neuen, schnelleren 5G-Internetstandards derzeit die größten Sprünge macht.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Shenzhen ist eine Stadt für junge Leute und eine Stadt der Macher. Der Wille zur Disruption liegt in der Luft, also der Wille, neue Technologiesprünge zu wagen. Es wird ausprobiert, verworfen, neu begonnen. Scheitern ist hier keine Schande. Allein im vergangenen Jahr wurden in Shenzhen etwa 380.000 neue Firmen gegründet. Von einer solchen Dynamik kann Deutschland nur träumen.

Man nennt die Stadt nicht umsonst das "Silicon Valley" Chinas. Immer mehr Chinesen, die im amerikanischen Silicon Valley ausgebildet wurden, kommen hierher zurück. Oft bringen sie ihre internationalen Teams gleich mit. Sie finden hier ideale Bedingungen vor: In Shenzhen liegen Startups und Produktionsstätten oft nah beieinander. So kann neue Soft- und Hardware schnell auf Praxistauglichkeit getestet und die Produktion von Prototypen umgehend in die Wege geleitet werden.

Auch an Geld kommt man hier oft schneller als woanders. Der Staat unterstützt die Startups. Viele Provinzregierungen wollen die Zielvorgaben der Zentrale in Peking noch übertreffen und machen noch größere Summen locker. Nicht zuletzt ist der Markt in China hungriger als im Westen, Neuerungen werden schneller aufgesogen. Insofern ist die Startup-Szene sehr frei - in einem Land jedoch, in dem Google und Facebook nur umständlich über einen VPN-Kanal zu erreichen sind und die Zivilgesellschaft an engen Zügeln geführt wird. Dass dies gleichzeitig möglich ist, erscheint für uns im Westen kaum vorstellbar. In China ist es eine Realität, an die wir uns gewöhnen müssen, denn sie wird unsere Zukunft bestimmen. Die Zeiten, in denen wir die technologische Führung hatten und China nur nachbaute, gehen nun schneller vorbei als uns lieb sein kann.

Konsumenten mit Fortschrittsglauben

Ein wichtiger Grund, warum es in China schneller geht, ist auch die größere Offenheit der Konsumenten gegenüber neuen Entwicklungen. In Deutschland lehnt die große Mehrheit laut einer Umfrage selbstfahrende Autos selbst dann noch ab, wenn Experten sie als ganz sicher einstufen. In China stößt die Technik dagegen bei achtzig Prozent der Befragten auf Zustimmung.

Von diesen Entwicklungen weiß Merkel. Mehr noch: Sie ahnt, dass Deutschland nicht mehr selbstverständlich ganz vorne dabei ist. Es selbst zu sehen, diesen Forschungsdrang zu spüren, ist jedoch etwas anderes. Es könnte eine Art Erweckungserlebnis für sie werden. Ein Erlebnis allerdings, dass sie nicht völlig unvorbereitet trifft. Bereits Ende April hatte Merkel angekündigt, alle deutschen Aktivitäten zur künstlichen Intelligenz bündeln zu wollen. Staatliche Beihilfen zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz in der EU sollen "geprüft" und die Forschung steuerlich gefördert werden. Strategisch wichtige Firmen im Bereich der KI sollen zukünftig einen besonderen Schutz vor Übernahmen genießen.

Widerstände überwinden

Dabei sind Prüfverfahren und Protektionismus schon ein wenig defensiv. Denn China ist bereits dabei, uns in bestimmten Innovationsbereichen zu überholen. Das liegt auch an den riesigen Datensätzen, auf die chinesische Unternehmen ohne große Einschränkungen zugreifen können. Die sind für die Weiterentwicklung intelligenter, selbstlernender Computer-Systeme das A und O. Auch das hat Merkel erkannt: Künstliche Intelligenz ohne Zugang zu Daten sei, "als hätte man Kühe und würde sie nicht füttern", erklärte sie Anfang Mai in einer Rede. Wir müssten "unser Verhältnis zu Daten gesellschaftlich fortentwickeln", denn wir Deutschen, so Merkel weiter, "tun uns ein wenig schwer, hier sozusagen die Fütterung mit Substanz richtig vorzunehmen". Sie hat das richtig erkannt und man kann das durchaus als wohlgemeinte Kritik verstehen.

Um mit dem technologischen Tempo der Chinesen Schritt zu halten, müssen in Deutschland viele Widerstände überwunden werden. Die deutsche Zivilgesellschaft ist wach und kritisch, wie man zuletzt wieder an den Protesten gegen das schärfere Polizeiaufgabengesetz in Bayern gesehen hat. Und dennoch - und das sollte die wichtigste Erkenntnis von Merkels Shenzhen-Besuch sein: Wie immer wir mit den Fragen, die von neuer Technologie aufgeworfen werden, umgehen, wie gut und überlegt unsere wertgebundenen Spieregeln auch sein mögen, wir sollten dabei nie vergessen, dass wir beim technologischen Fortschritt auch weiterhin eine Rolle spielen müssen. Denn mitreden können wir bei den Werten der Zukunft nur, wenn wir technologisch vorne mit dabei sind. Ansonsten stehen wir als technologischer Gartenzwerg am Rande des Spielfeldes. Und die Zwischenrufe von Gartenzwergen haben kein Gewicht.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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