Sierens China: Neues Geld für die Welt | Wirtschaft | DW | 27.07.2019
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Kolumne

Sierens China: Neues Geld für die Welt

Für Peking wird Facebooks E-Währung Libra zur Herausforderung. China hat im digitalen Zahlungsverkehr mehr Erfahrung, Facebook mächtige Investoren im Rücken. Das globale Finanzsystem wird sich ändern, meint Frank Sieren.

Mark Zuckerbergs Ankündigung, dass er nächstes Jahr mit Facebook eine "Libra" genannte Digitalwährung an den Start bringen will, hat in China große Wellen geschlagen. Laut Google-Trends waren in keinem anderen Land die Suchanfragen zu dem Thema so hoch wie in China. "Libra konkurriert mit Alipay und WeChat Pay" stand auf Weibo, dem größten Social-Media-Netzwerk der Volksrepublik, auf Platz zwei der beliebtesten Suchanfragen. Das ist eine "echte Herausforderung für China", meint Wang Xiaochuan, der Gründer und CEO der in China beliebten Suchmaschine Sogou.

Die Chinesen fühlen sich auf einem Gebiet herausgefordert, in dem sie inzwischen erstmals vor dem Westen weltführend sind. Digitale Transaktionen sind neben Hochgeschwindigkeitszügen, Leihfahrrädern und dem E-Commerce-Handel eine der "vier großen neuen Erfindungen", auf deren Meisterung China besonders stolz ist. Beim mobilen digitalen Bezahlen hat der Westen bisher kaum etwas zu bieten, während es in China längst Alltag ist. Die Bezahl-Apps Alipay und WeChat Pay der Internetkonzerne Alibaba und Tencent werden bereits von einem Großteil der chinesischen Bevölkerung genutzt, während das Bargeld mehr und mehr verschwindet.

Für Facebooks Libra haben diese chinesischen Unternehmen ganz offensichtlich Pate gestanden. Vor nicht allzu langer Zeit war das noch umgekehrt.

Ähnliche Systeme mit Unterschieden

Facebook möchte seine E-Währung mit bereits einverleibten Diensten wie Instagram und WhatsApp in ein eigenes digitales Ökosystem à la WeChat einbinden. Dass Facebook lediglich das chinesische Modell der Multifunktions-Apps mit digitalem Geldbeutel kopiert, greift jedoch zu kurz. Die Systeme ähneln sich, es gibt jedoch bedeutende Unterschiede: Der Libra soll open-source und Blockchain-basiert sein. Er wäre nicht an eine einzelne Währung wie den Yuan gekoppelt, sondern an einen Währungskorb. Als überstaatliche Währung soll der Libra dadurch weniger anfällig für Preisschwankungen sein als etwa der Bitcoin. Beaufsichtigt wird der Libra nicht von einer Nationalen Zentralbank, sondern von einem gemeinnützigen Konsortium mit zwei Dutzend Großunternehmen, darunter westliche Tech-Riesen wie Uber, Ebay und Spotify, aber auch etablierte Finanzdienstleister wie Mastercard, Visa und Paypal. Chinesische Unternehmen sind nicht dabei.

Einerseits hat Facebook mit seinen bis zu 2,4 Milliarden Nutzern gute Chancen, global schnell Fuß zu fassen, vor allem auch in Entwicklungsländern, in denen große Teile der Bevölkerung häufig über Smartphones, aber selten über ein eigenes Bankkonto verfügen. Für Gastarbeiter ist die Währung ebenfalls interessant, da grenzüberschreitende Transaktionen nach Hause bislang noch mit hohen Gebühren von Drittanbietern verbunden sind.

Andererseits sind chinesische Bezahl-Apps bereits dabei, in afrikanischen Ländern, Indien oder Indonesien zu expandieren. Dabei geht es auch um geostrategische Fragen. Peking fürchtet, dass der Libra trotz des Währungskorbes faktisch am US-Dollar hängt und damit dessen Vormachtstellung weiter ausbaut. Wenn eine Digitalwährung aus dem Westen sich global durchsetzt, werden Chinas Pläne, den Yuan weltweit zur Leitwährung zu machen, gebremst. Zhou Xiaochuan, der von 2013 bis 2018 Vorsitzender der chinesischen Zentralbank war und ein Befürworter digitaler Währungen ist, erklärt, dass es in Zukunft eine internationale, globale Währung geben wird, "die so stark ist, dass sie alle anderen großen Währungen dazu zwingt, sich eng an sie anzubinden. Das muss nicht zwangsläufig der Libra sein, denn es wird immer mehr Unternehmen geben, die solche Währungen erfinden wollen."  

China war eines der ersten Länder, die an die wichtige Rolle digitaler Währungen auf den globalen Finanzmärkten glaubten. Die chinesische Notenbank forscht bereits seit 2014 an einer staatlichen Digitalwährung. Um baldmöglichst einen "Gegen-Libra" in Stellung zu bringen, werden diese Bemühungen nun intensiviert. Peking will auf jeden Fall vorne bleiben.

Banknoten für digitales Geld?

Um die Macht des Yuan weltweit zu stärken, empfiehlt Zhou, sich bei der Implementierung einer neuen Digitalwährung an der Sonderverwaltungszone Hongkong zu orientieren, wo es großen Privatbanken erlaubt ist, eigene Banknoten auszugeben, die durch Reserven in US-Dollar gesichert sind. "Banknoten" in digitaler Währung könnten etwa "von der Zentralbank oder kommerziellen Einheiten ausgegeben" werden, sagt Zhou, womit er wohl große chinesische Technologieunternehmen wie Alibaba und Tencent meint. Mit ihren Bezahlapps verfügen diese bereits über die beste Erfahrung und Infrastruktur. Die großen chinesischen Tech-Unternehmen haben vor einigen Wochen Banklizenzen für Hongkong bekommen und greifen nun an. Die Finanzmacht verlagert sich nun vom traditionellen Bankensektor in den Technologiesektor. Aber da das Bankenwesen nicht so ausgeprägt und mächtig ist wie im Westen, ist China dafür offener als andere Länder. Allerdings gibt es zwei wichtige Einschränkungen: Der Staat behält sein Währungsmonopol und es entstehen keine Möglichkeiten, über die neuen Zahlungssysteme unkontrolliert Geld aus China ins Ausland zu überweisen. Aus diesen Gründen hat China, der bis dahin weltweit größte Bitcoin-Markt, vor zwei Jahren bereits den Handel mit Kryptowährungen praktisch verboten.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Dass Peking das Potential neuer Technologien für den Finanzsektor aber erkannt hat, sieht man zum Beispiel daran, dass China mit 790 Einreichungen die weltweite Rangliste der genehmigten Blockchain-Patente anführt, noch vor den Vereinigten Staaten. Peking wird genau beobachten, wie es mit dem Libra weitergeht. Dass die Aufsichtsbehörden ihn so einfach durchwinken, ist politisch sehr unwahrscheinlich, denn es geht dabei auch um den Machtkampf der absteigenden Weltmacht USA gegen die aufsteigende Weltmacht China. "Ich bin kein Fan von Bitcoin und anderen Kryptowährungen", erklärte US-Präsident Trump, der US-Kongress forderte jüngst den Stopp des Libra-Projektes. Kein Wunder: Mit einer globalen Digitalwährung, die von einem Firmen-Konsortium abhängt, verlieren Staaten nicht nur ihr finanzpolitisches Monopol, sondern auch ihre Handlungsfähigkeit, um mit geldpolitischen Maßnahmen auf konjunkturelle Schwankungen zu reagieren.

Dass sie das nicht wollen, darüber sind sich Washington und Peking ausnahmsweise mal einig. Beim G7-Gipfel in Chantilly bei Paris stand das Thema auch auf der Agenda. Am Ende einigten sich die Finanzminister und Notenbanker vor allem auf "schwere Bedenken". Die Welt brauche keine zusätzliche Währung, die sich der demokratischen Kontrolle entzieht, oder genauer, der Kontrolle der westlichen Industrienationen plus Japan, aus denen sich die G7 zusammensetzt. Und auch in diesem Bereich ist es wie bei Google, Facebook, Amazon und Whatsapp und ihren chinesischen Pendants. Während die Amerikaner und die Chinesen um die Wette entwickeln, sind die Europäer noch nicht über das Stadium der Gedankenspiele hinaus. Sie werden nun auch bei den noch offenen Fragen keine Rolle spielen: Wer programmiert den Algorithmus? Wie wird die Wertstabilität garantiert? Wie wird mit Wechselkursrisiken und Geldwäsche umgegangen? Wird Facebook auch in den Kreditmarkt einsteigen? Welche Regeln gelten für den Daten- und Verbraucherschutz?

Allerdings hat China und nur China bisher bewiesen, dass eine innovative, schnelle und komfortable Zahlungsmethode, von der die Nutzer im Alltag profitieren, und die noch dazu die Wirtschaft ankurbelt, möglich ist. Ein großer Vorsprung, den Mark Zuckerberg erst einmal aufholen muss.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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