Sierens China: Mulmiges Gefühl | Asien | DW | 02.10.2019
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Kolumne

Sierens China: Mulmiges Gefühl

Chinas Nationalfeiertag zeigt: China geht immer selbstbewusster seinen Weg. Dass wir dabei ein mulmiges Gefühl haben, hat auch mit uns zu tun, meint Frank Sieren.

Neben Tanzperformances, flaggenschwenkenden Veteranen und vielen bunten Wagen, die die chinesischen Provinzen repräsentieren, hat die Volksrepublik China zu ihrem 70. Gründungstag auch 15.000 Soldaten, 580 Panzer, Drohnen, Interkontinentalraketen und Kampfflugzeuge aufgefahren - die größte Militärparade in Chinas Geschichte.

In seiner Rede erklärte Staats-und Parteichef Xi Jinping, niemand könne "das chinesische Volk und die chinesische Nation auf dem Weg nach vorne stoppen". Immerhin möchte er gleichzeitig dem "Pfad der friedlichen Entwicklung folgen" und innerhalb der Öffnungspolitik "mit den Menschen anderer Länder zusammenarbeiten, um eine gemeinschaftlich geteilte Zukunft der Menschlichkeit aufzubauen."

Die Angst des Westens vor China

Im Westen kolportiert man den ersten Teil deutlicher als den zweiten, weil er unseren tiefsitzenden Ängsten eher entspricht. Xis "Wiedergeburt der großen, chinesischen Nation", bedeutet nämlich, dass wir an globalem Einfluss verlieren. Ähnliches geschah bereits in den 1980er-Jahren, als Japan als neuer Wirtschaftsgigant auftrat. Heute verkaufen sich Bücher mit Titeln wie "Tod durch China" (geschrieben von Trumps Handelsberater Peter Navarro). Damals hieß ein US-Bestseller "Der kommende Krieg mit Japan".

Chinas Kraft ist heute jedoch viel größer. Denn anders als Japan verfügt China über den größten Wachstumsmarkt und günstige Produktionsbedingungen. Beides brauchen wir für unser Wachstum und unsere Kaufkraft dringend.

Leider fällt Chinas Aufstieg in turbulente Zeiten für den Westen. Zwei seiner ältesten Demokratien - die USA und Großbritannien - haben mit protektionistischen Parolen und impulsiver Machtpolitik dazu geführt, dass der Westen und seine Werte international an Ansehen und Anziehungskraft verloren haben.

Die Regierung in Peking mag das gleichzeitig mit Genugtuung und Sorge betrachten. Ihre Schuld ist es nicht. Dennoch braucht die Angst vor Veränderung im Westen einen Namen. Und der lautet China. Die Zeiten der unerreichbaren Weltmarktführerschaft des Westens sind vorbei und damit auch die Lufthoheit über die globalen Werte.

Zensur wie nie - doch kaum jemand fühlt sich unterdrückt

Für die meisten Chinesen bedeutet der Aufstieg Chinas mehr Spielraum und dass sie ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten, auch wenn es noch immer starke Einschränkungen gibt. Die allermeisten chinesischen Auslandsstudierenden kehren deshalb in ihre Heimat zurück. Sie verstehen unsere Warnungen nicht. 

Dass die chinesischen Kommunisten sich politisch und militärisch international breiter und selbstbewusster aufstellen, ist für ein Land dieser Größenordnung an diesem Punkt seines Aufstiegs nicht erstaunlich. Wichtig und nicht selbstverständlich ist, dass sie - noch - einen friedlichen Aufstieg verfolgen. In jedem Fall jedoch wollen sie stärkeren Einfluss auf die Weltwirtschaft. Nicht nur aus Machtstreben, sondern auch aus Not.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

China muss sein Wachstum am Laufen halten. Im Gegensatz etwa zu den USA oder Russland hat sich Peking in den vergangenen Jahrzehnten dabei weitgehend als friedlich, weitsichtig und pragmatisch erwiesen. Im inneren das Landes hat die Wirtschaft mehr Freiraum bekommen, weite Teile der Zivilgesellschaft werden jedoch am kurzen Zügel geführt. Seit Xis Machtübernahme 2013 wurde der Sicherheitsapparat verstärkt. Kritiker und Andersdenkende leben gefährlicher als zuvor. Auch die Zensur wurde in China wohl noch nie mit so großem technischen und menschlichen Aufwand betrieben wie heute.

Chinas Aufstieg würde jedoch nicht funktionieren, wenn die Mehrheit der Bevölkerung das Gefühl hätte, unterdrückt und ausgebeutet zu werden. Offensichtlich sind die Chinesen bereit Kompromisse zu machen, um mehr Sicherheit und Ordnung zu bekommen. Sie müssen selbst für sich herausfinden, ob das auf Dauer der richtige Weg ist. Das Land hat in den nächsten Jahren jedenfalls große Herausforderungen zu meistern. Und früher oder später wird Peking sich auch an Proteste wie jene in Hongkong gewöhnen müssen - auch auf dem Festland.

Die entscheidende Größe der Zukunft

Niemand kann in die Zukunft schauen. Aber nach allem, was sich abzeichnet, wird kein anderes Land der Welt in den kommenden Jahrzehnten unsere Zukunft - die Zukunft Deutschlands und Europas - mehr bestimmen als China.

Und wir haben ein massives Problem damit, dass die Richtung zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren von einer nichtwestlichen Macht vorgegeben wird. Das bedeutet, wir müssen mehr denn je lernen, Kompromisse machen. Es bedeutet auch, dass wir uns mehr anstrengen und geschickter vorgehen müssen, wenn es darum geht, unsere über Jahrhunderte entwickelten Werte wie individuelle Freiheit, das Rechts- und Sozialsystem, die Religionsfreiheit und die Pressefreiheit überzeugend in die neue Weltordnung einzubringen. Nichts mehr ist ein Selbstläufer. Alles wird von den Chinesen in Frage gestellt.

Kampf der Systeme?

Wie schaffen wir es aber, einen möglichst großen Einfluss auf die globalen Spielregeln zu behalten? Wir müssen lernen, mit den verschiedenen Spielern gemeinsame Interessen zu finden, und entsprechende Koalitionen bilden, taktisch klug mal mit den Chinesen, mal mit den Amerikanern, mal mit den Russen: Wenn China für den Klimawandel kämpft, sollten wir nicht zögern, mit China zusammenzuarbeiten. Wenn die USA das Recht auf Meinungsfreiheit vertreten, sollten wir mit den Amerikanern kooperieren. Ein Kampf der Systeme, wie er in jüngster Zeit oft prophezeit wurde, hat in der neuen Weltordnung keinen Sinn mehr.

Die Welt ist leider komplizierter geworden. Es reicht es nicht mehr, sich an einen mächtigen Alliierten anzuschmiegen. Die Zeiten der unabänderlichen Wertegemeinschaften sind vorbei. Eins ist jedoch sicher: Viel mehr als bisher wird in Zukunft global entschieden werden - und zwar von der Mehrheit. Und wenn es um globale Mehrheiten geht, spielt China naturgemäß eine zentrale Rolle.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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