Sierens China: Hundeleben | Asien | DW | 21.11.2018
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Kolumne

Sierens China: Hundeleben

Obwohl China sich mehr und mehr seiner Verantwortung auch im Umwelt- und Artenschutz bewusst wird, hat das Land beim Thema Tierschutz und Tierrechte noch großen Aufholbedarf, meint Frank Sieren.

2018 ist in China zwar das Jahr des Hundes, einfach haben es die Vierbeiner in diesem Jahr dadurch jedoch nicht. In Hangzhou, einer der modernsten Städte des Landes, die 2022 auch die "Asian Games" austragen wird, ist vergangene Woche eine neue Verordnung in Kraft getreten, die Hund und Herrchen das Leben schwer macht: Die Haltung von 34 Hunderassen bis auf weiteres verboten - Schäferhunde, Bulldoggen und einige heimische Rassen inbegriffen. Zwischen sieben Uhr Morgens und sieben Uhr abends dürfen die Tiere nicht mehr auf die Straße. Öffentliche Parks und Märkte sind zu jeder Zeit tabu. Wer seinen Hund nicht anleint, muss mit hohen Strafen rechnen. Unregistrierte und freilaufende Hunde können ihren Besitzern weggenommen werden.

Andere Metropolen wie Peking, Chengdu und Wuhan haben ähnliche Maßnahmen angekündigt. Im westchinesischen Wenshan ist das Gassigehen seit diesem Monat sogar nur noch ab 22 Uhr nachts erlaubt. "Unsere Tiere verbringen ab jetzt ein Leben im Dunkeln", schrieb einer von vielen empörten Nutzern auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo. Grund für die strengen Maßnahmen sind wiederholte Attacken freilaufender Hunde. Der am meisten beachtete Vorfall jüngster Zeit passierte ebenfalls in Hangzhou, wo Anfang des Monats ein Schoßhündchen eine junge Mutter und ihr Kind ansprang. Diese trat nach dem Tier und wurde daraufhin von dessen Herrchen zu Boden geschlagen. Wer sich hier nicht unter Kontrolle hatte, ist eigentlich offensichtlich.

Immer noch gravierende Schwächen

Obwohl viele Chinesen ihre Haustiere mittlerweile wie Enkelkinder verhätscheln und der Panda von der chinesischen Regierung gerne als diplomatische Allzweckwaffe eingesetzt wird, hat China in Sachen Tierschutz noch immer gravierende Schwächen. Noch immer hat das Land kein Tierschutzgesetz, das Tiere vor Gewalt, Grausamkeit und nicht-artgerechter Haltung schützt. Auch deshalb fehlt vielen nach wie vor ein Bewusstsein für Tierwohl und Tierquälerei. Deutlich wird das etwa in den zahlreichen privat geführten Zoos und Delfinarien, die selbst in kleineren Städten eröffnet werden. Diese Tierparks stehen oft unter finanziellem Druck, was die Tiere zu spüren bekommen.

China Akupunktur für Katzen und Hunde (Reuters/A. Song)

Verwöhnte Haustiere - Akkupunktur und "Traditionelle Chinesische Medizin" für Hunde sind keine Seltenheit

Immer wieder sind es jedoch auch die Besucher, welche die Tieren quälen. Im April bewarf eine Gruppe in der südöstlichen Stadt Fuzhou ein Känguru so lange mit Steinen, dass es zugrunde ging. Ähnliches passierte Anfang des Monats in einem Zoo in der Provinz Fujian. Dort verletzten Besucher das größte, in einem Gehege lebende Krokodil Asiens so lange mit Steinwürfen, bis große Wunden im Genick des 37 Jahre alten Reptils klafften. In beiden Fällen gaben die Besucher an, sie hätten erreichen wollen, dass die Tiere sich bewegen. "Diese Art von Freude am Leid der Tiere ist kaltblütig", schrieb das Staats- und Parteiorgan "Volkszeitung". Klare Worte sind in diesem Fall wichtig. Aber mehr Aufklärung wäre noch besser. Die oftmals als Video weltweit viral gehenden Vorkommnisse werfen nicht zuletzt Chinas Soft-Power-Bemühungen zurück.

Tierversuche sind weiterhin gesetzliche Pflicht

In China sind auch Tierversuche nach wie vor Pflicht - selbst bei Kosmetika. In der EU ist diese Praxis bereits seit 2003 verboten. Die Verordnung gilt dabei nicht nur für inländische Hersteller, sondern auch für importierte Kosmetikprodukte. Selbst wenn ein Produkt mit tierfreien Versuchsmethoden getestet und in der EU freigegeben wurde, müssen die Firmen Tierversuche durchführen, wollen sie ihre Produkte in China verkaufen. Und da China ein wichtiger Markt ist, fügen sich die meisten.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Andererseits hat China auch riesige Fortschritte gemacht. Nachdem Peking im Oktober eine Lockerung des Verbots zur medizinischen Verwendung von Tigerknochen und Nashorn-Hörnern ankündigte, nach internationalen Protesten aber wieder zurückruderte, erklärte jetzt Margaret Kinnaird vom WWF: "Der Schritt hilft dabei, die Führungsrolle beizubehalten, die China beim Kampf gegen den illegalen Handel mit Tieren und bei der Verringerung der Nachfrage übernommen hat." Tatsächlich: Während die USA unter Präsident Trump derzeit einen Schritt zurückmachen, hat sich China in den vergangenen Jahren stark für den Umwelt- und Artenschutz eingesetzt. 2014 führte Peking drakonische Strafen ein für den Verkauf und Verzehr bedrohter Tierarten. Wer Arten wie Riesenpandas, Goldaffen oder Schwarzbären isst, wird mit mehr als zehn Jahren Haft bestraft. Wer vorsätzlich illegal gejagte Tiere kauft, muss mit immerhin noch bis zu drei Jahre Gefängnis rechnen.

Ein weiterer Meilenstein war Anfang dieses Jahres das Komplettverbot für den Handel von Elfenbein - egal ob frisch gejagt oder älteren Ursprungs. China galt lange als der wichtigste und weltweit größte Markt für Elfenbein. Gut 70 Prozent des weltweit gehandelten Elfenbeins landeten in der Volksrepublik. Mit dem Verbot setzte sich Peking, das ansonsten gerne die "5000-jährige Geschichte des Landes" heraufbeschwört, gegen Traditionalisten durch, die das Verzieren und Schnitzen von Elfenbein als Teil der chinesischen Kultur propagieren. Um die Maßnahme bei der breiten Bevölkerung durchzusetzen, engagierte die Regierung einen der berühmtesten Chinesen als Gewährsmann: Yao Ming. Der Ex-NBA-Basketball-Profi verkündete auf großflächigen Plakaten, dass die Elfenbeinprodukte zwar schön aussähen, aber Blut an ihnen klebe. "Und dieses Blut lässt sich nicht einfach abwaschen". Auch gegen den Verzehr von Haifischflossen rief man eine gemeinsame Kampagne ins Leben. Deren Konsum ist in China seit 2011 um gut 70 Prozent zurückgegangen.

Chinesen fordern mehr Tierschutz

Die chinesische Bevölkerung wird selbst immer aktiver. An die 200 Nichtregierungsorganisationen setzen sich in China mittlerweile für Fragen des Tierschutzes ein. Auch der berüchtigte jährliche Hundefleischmarkt in der Stadt Yulin ist immer mehr - insbesondere jungen - Chinesen ein Gräuel. 2016 wurde eine Petition gegen das Festival von elf Millionen Chinesen unterzeichnet. Dieses Jahr stoppten Aktivisten auf dem Weg in die Stadt wieder einige der Transporte und errichteten vorübergehende Auffanglager für die verwahrlosten Hunde.

Demo gegen Dog-Meat-Festival (Picture alliance/dpa/W. Hong/EPA)

Der Widerstand gegen das Hundefleisch-Festival in Yulin wächst. Straßenstände wie dieser sind inzwischen verboten

Laut Chinas stellvertretendem Landwirtschaftsminister Yu Kangzhen sollen auch die Bedingungen in der chinesischen Massentierhaltung zukünftig besser werden. Auf einer Konferenz im vergangenen Jahr sprach Kang gar von einer "historischen Verantwortung" und dem Willen, sich stärker mit Ländern auszutauschen, die "fortschrittliche Philosophien zum Tierschutz" haben. Dank einer wachsenden Mittelschicht wächst der Fleisch- und Fischkonsum in China jährlich um rund sechs Prozent. Laut einer neuen Studie der Tierrechtsorganisation Faunalytics würden aber 51 der Chinesen eine artgerechtere Viehhaltung unterstützen. Der Wille ist also da. Jetzt fehlt es nur noch an den entsprechenden Gesetzen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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