Sierens China: Gesichtwarenhandel | Asien | DW | 29.03.2018
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Kolumne

Sierens China: Gesichtwarenhandel

Gesichtserkennung ist in China auf dem Vormarsch, weil sie viele Vorteile bietet. In Europa gilt die Technik jedoch als Vorbote des totalen Überwachungsstaates. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, meint Frank Sieren.

China Polizei Gesichtserkennung (Getty Images/AFP)

Die Spezialbrille, die biometrische Daten erfassen kann, wird von einer Polizistin an einem Bahnhof in Zhengzhou getragen

Mit ihrem ebenmäßigen Gesicht, der dunklen Uniform und der verspiegelten Sonnenbrille wirkt die Polizistin wie eine Agentin aus der Science-Fiction-Reihe "Matrix". Und ähnlich wie diese hat auch die junge Frau den totalen Durchblick und sieht Dinge, die die anderen nicht sehen. Ihre Brille ist mit einem Gesichtsscanner ausgestattet, mit der sie die Massen am Ostbahnhof der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou durchleuchtet. Verbunden mit einer riesigen Datenbank kann sie gesuchte Personen in Sekundenschnelle erkennen. Das Pilotprojekt in der Provinz Henan gilt schon jetzt als Erfolg: Seit Februar seien dank der Brillen mehr als sieben mit Haftbefehl gesuchte mutmaßliche Kriminelle verhaftet und 35 Menschen mit falschen Personalausweisen erwischt worden.

Das System der Gesichtserkennung bringt China mehr Sicherheit und kurbelt die Wirtschaft an, argumentiert Peking. Kein Land ist derzeit so weit und so flächendeckend auf dem Gebiet der Gesichtserkennung aktiv wie China. Das liegt auch daran, dass es eine Diskussion über Datenschutz nicht gibt. Große Teile der Bevölkerung interessiert das nicht. Und die, die es interessiert, werden von der Zensur im Zaum gehalten.

China ist ein ideales Experimentierfeld

Insofern ist das Riesenreich ein ideales Experimentierfeld für diese Technik, bei der Computer aus vielfach gescannten Gesichtsmerkmalen biometrische Muster erstellen, die bei jedem Menschen einzigartig sind. Ausgewählte Unternehmen dürfen sogar auf staatliche Daten-Pools zurückgreifen. Und die sind in China enorm. Derzeit sorgen um die 176 Millionen Kameras für eine engmaschige Überwachung im öffentlichen Raum, bis 2020 sollen 450 Millionen weitere hinzukommen. Auch das Abliefern von Fingerabdrücken gehört in China längst zum Alltag. Jeder Chinese ab 16 verfügt darüber hinaus über einen Ausweis mit biometrischen Daten, die ebenfalls als Quelle in die Deep-Learning-Programme der Entwickler eingespeist werden können.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Deep learning nennt man die Königsdisziplin innerhalb der künstlichen Intelligenz, die unabdingbar ist, um gute Gesichtserkennungssoftware herzustellen. Dabei bringen sich Algorithmen im Datenabgleich selbst bei, was für Gesichter es gibt, wie man sie unterscheidet und welche Faktoren, etwa Licht oder Winkelverzerrungen, zur eindeutigen Identifikation berücksichtigt werden müssen.

Bis 2030 will China weltweit führend sein auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Deshalb unterstützt die Regierung auch Firmen wie das 2011 gegründete Startup Megvii aus Peking. Es ist das erste "Einhorn" der Branche, ein Unternehmen also, das nicht älter als zehn Jahre und bereits über eine Milliarde US-Dollar wert ist. Dichtauf folgt SenseTime aus Hongkong, das im Sommer 2017 ebenfalls in die Liga der Einhörner aufstieg und sich neben der Gesichtserkennung auf Videoanalysen für die Präzision autonom fahrender Autos spezialisiert hat. Oder CloudWalk, das im Spätherbst 301 Millionen Dollar von der Lokalregierung in Guangzhou einsammeln konnte.

Nicht nur zur Überwachung nutzbar

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Shoppen per Gesichtserkennung

Die Einsatzgebiete der Gesichtserkennung beschränken sich dabei längst nicht auf Überwachung, wie wir im Westen oft reflexhaft glauben. Als Authentifizierungsmethode ist die Technik deutlich sicherer als Passwörter oder PIN-Nummern. An 1000 Automaten der China Merchants Bank reicht schon jetzt ein Blick in die Kamera, um Geld abzuheben. Fotobetrug ist, so die Erfinder, durch "Lebendigkeitstests" ausgeschlossen, bei denen die Scanner Mundbewegungen und Muskelregungen einfangen. Auch schnellere Einlasskontrollen werden durch Gesichtsscannung möglich. Das erhöht die Lebensqualität in einem Land erheblich, in dem ständig lawinenartige Menschenmassen unterwegs sind. Die Fluggesellschaft China Southern Airlines testet den Einsatz von Gesichtserkennung bereits in der Stadt Nanyang: Anstelle von Bordkarten reicht hier seit Mitte vergangenen Jahres das eigene Gesicht, um die Fluggates zu passieren. In Zukunft müsse man nicht mal mehr einen Pass mitbringen, versprechen die Entwickler.

Das Gesicht wird zum Universalschlüssel. Für den Einzelhandel ist die Technik vor allem durch personalisierte Werbung interessant. Ausgereifte Gesichtsscanner könnten etwa dabei helfen Kunden je nach Geschlecht, Alter und Mimik individualisierte Werbung zu schalten. Mundwinkel unten? Unser Sonnenstudio schafft Abhilfe!

Eigenartige Anwendungen

Natürlich wird die Technik - wie oft bei neuen Entwicklungen - auch für eigenartige Anwendungen benutzt. Im Pekinger Himmelstempel, der zum Weltwerbe der UNESCO zählt, wurden etwa in den öffentlichen Toiletten Gesichtsscanner installiert, um Papierdiebe zu überführen: Bedient sich jemand innerhalb von neun Minuten über das Maß von 60 Zentimetern, so weist ihn der Automat höflich ab. Aber das sind Ausnahmen.

In Hangzhou hat die Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken eine biometrische Zahlungsmethode eingeführt. Nach dem Motto "Smile to Pay" kann man dort mit seinem Gesichtsabgleich zahlen, der mit Alipay, dem Online-Bezahlsystem des chinesischen Tech-Giganten Alibaba verbunden ist. 

Jeden Fehltritt öffentlich brandmarken?

Andere Projekte wirken jedoch schon unheimlicher - umso mehr in einem Land, in dem zu Zeiten der Kulturrevolution Maos Ausspruch "Die Massen haben scharfe Augen" jedem bekannt war und öffentliche Denunzierungen zum Alltag gehörten. An einer Kreuzung der Metropole Jinan werden etwa die Gesichter von Fußgängern, die bei roten Ampeln die Straßen überqueren, aufgezeichnet. Soweit so gut. Die Delinquenten werden jedoch auch auf öffentlichen Bildschirmen gebrandmarkt, mit Foto und Videobeweis der Tat. Es soll bereits Fälle gegeben haben, bei denen der Arbeitgeber über den Fehltritt informiert wurde.

Im Zusammenhang mit dem geplanten Credit System der chinesischen Regierung, bei dem die Bürger nach guten und schlechten Taten bewertet werden, läuft es vor allem ausländischen Beobachtern kalt den Rücken herunter. Wie so oft bei Zukunftstechnologien muss sich aber auch bei der Gesichtserkennung erst noch zeigen, was langfristig funktioniert und was nicht. Denn nicht nur die Unternehmen, auch die Regierung muss den Bürgern beweisen, dass sie von der Technik einen Nutzen haben. Und die Erfolge in der Verbrechensbekämpfung werden in China von der Bevölkerung bislang größtenteils positiv angenommen. Klar ist schon jetzt: die Gesichtserkennung wird sich durchsetzen. Die Frage ist nur in welchen Bereichen. 

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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