Sierens China: Die große Fleisch-Frage | Asien | DW | 12.12.2019
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Kolumne

Sierens China: Die große Fleisch-Frage

Amerikanische Pflanzenfleisch-Anbieter drängen auf den chinesischen Markt. Dort perfektioniert man die Fleisch-Imitate schon seit Jahrhunderten und hofft nun auf Hilfe der Politik, schreibt Frank Sieren.

Nirgends auf der Welt ist der Druck so groß, den Fleischkonsum zu reduzieren wie im boomenden China. Schon heute essen die Chinesen fast ein Drittel des weltweit angebotenen Fleisches - doppelt so viel wie in den USA verzehrt wird. Und die Tendenz ist steigend. Denn China hat erst das Pro-Kopf-Einkommen von Bulgarien erreicht.

Fleisch ist ein Statussymbol der aufstrebenden Mittelschicht. Deshalb geht es bei der Fleischversorgung auch um die politische Stabilität des Landes. Bevor es zu einer Krise kommt, weil die Chinesen das Gefühl haben, nicht genug günstiges Fleisch zu bekommen, muss eine Alternative auf dem Markt sein, die akzeptabel ist. Denn mit herkömmlichem Fleisch, so viel zeichnet sich bereits ab, ist der Bedarf nicht zu decken. Deshalb unterstützt Peking die Entwicklung von Fleischimitaten aus Soja, Tofu und anderen Pflanzenproteinen. Bereits 2016 hat die Regierung verkündet, den Fleischkonsum der Bevölkerung bis 2030 um die Hälfte reduzieren zu wollen. Doch so richtig in den politischen Mittelpunkt wie etwa Künstliche Intelligenz oder das E-Auto ist das Thema noch nicht gerückt. Das wird allerdings bald kommen.

Gericht mit Reis Broccoli und Tofu (Imago Images/Panthermedia)

Chinesische Küche funktioniert auch ohne Fleisch - stattdessen mit Tofu. Die chinesische Führung fördert das.

Wettlauf um die Spitze im Fleischlos-Markt

Denn neben der politischen Stabilität geht es auch in China um die Gesundheit der Menschen, den Klimaschutz und inzwischen sogar um das Tierwohl. Die beiden kalifornischen Startups Beyond Meat und Impossible Foods erhöhen derzeit ebenfalls den Druck auf China, möglichst schnell selbst etwas zu entwickeln. Die Amerikaner sind schon weiter als die Chinesen. Impossible Foods hat bereits 2016 den "Impossible Burger" auf den Markt gebracht, der inzwischen bei White Castle Burger, der ältesten US-Hamburger-Kette auf der Speisekarte steht und in 60 Filialen von Burger King als Whopper angeboten wird. Und Beyond Meat legte einen der erfolgreichsten US-Börsenstarts dieses Jahres hin. Zwar ist die Aktie inzwischen um 68 Prozent eingebrochen, sie wird aber mit 74 US-Dollar immer noch deutlich über dem 25-Dollar-Ausgabepreis gehandelt. Die meisten Banken setzen auf die Aktie. Noch sind die beiden US-Unternehmen in China auf der Suche nach Geschäftspartnern und auch die chinesischen Lebensmittelbehörden müssen erst noch grünes Licht geben. Doch schon Ende des nächsten Jahres wollen sie in China etabliert sein.

USA Fleischlos: Beyond Burger ohne tierische Produkte (Reuters/Beyond Meat/J. Sobon)

Beyond Meat verkauft Fleisch, das kein Fleisch enthält, aber wie Fleisch schmeckt

Die Chinesen holen langsam auf: Einer der vielversprechendsten und gleichzeitig traditionsreichsten Anbieter pflanzenbasierter Alternativen zu Fleisch ist das Unternehmen Qishan. Es firmiert auch unter dem englischen Namen Whole Perfect Foods. Die Firma mit Hauptsitz in Shenzhen wurde schon 1993 gegründet, einer Zeit also, in der Vegetarier im Westen nur eine Nische besetzten und in China noch fast niemand über das Thema nachdachte. Doch Yu Zhaode, der Gründer, ist Buddhist und wollte aus diesem Grund kein Fleisch essen. Daraus hat er ein Geschäftsmodell entwickelt. Inzwischen hat seine Firma über 300 verschiedene Produkte im Angebot - mehr als Beyond Meat und Impossible Foods zusammen. Darunter komplizierte Geschmacksnuancen wie Abalone, die Seeschnecken-Delikatesse, oder vegane Austernsauce. Yus Unternehmen hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 44,6 Millionen US-Dollar gemacht. Das ist etwa halb soviel wie Beyond Burger. Doch das dürfte sich nun ändern.

Fleischlos-Forschung im Verbund mit Universitäten

In den vergangenen Monaten hat Yu Kooperationen mit dem E-Commerce-Giganten Alibaba, aber auch mit der US-Kette Walmart abgeschlossen, die in China rund 400 Niederlassungen unterhält - im besten Fall ist das auch ein Türöffner für den lukrativen US-Markt. Schon seit längerem exportiert Qishan seine Produkte in Länder wie Portugal, Großbritannien, Neuseeland oder Australien. "Wir führen jedes Jahr zwischen drei und 50 Studien für neue Produkte durch", erklärt Marketing-Manager Zhou Qiyu. "Dieses Jahr haben wir zusammen mit der Lokalregierung ein Forschungsinstitut an der Shenzhen University eröffnet, um Soja-Proteine noch besser zu isolieren und andere pflanzenbasierte Produkte weiterentwickeln zu können."

In China geht es darum, das Sortiment in Richtung lokaler Spezialitäten zu erweitern, etwa "Jiaozi", gefüllte Teigtaschen, die traditionell mit Schweinefleisch gefüllt sind. Fleischimitat, das gebraten gut schmeckt, darf auch in der Nudelsuppe nicht zerfallen. Es muss sich zum Grillen eignen, andererseits aber auch als Füllung saftig bleiben. Die Fähigkeit, diese Vielfalt zu bedienen, beherrschen chinesische Fake-Meat-Produzenten schon längst.

Chinesische Tradition des fleischlosen Fleisches

Die Chinesen haben gegenüber den Amerikanern drei weitere entscheidende Vorteile. Ihr Markt und der Handlungsdruck ist viel größer als in anderen Ländern. Anders als der amerikanische Präsident und Fast-Food-Liebhaber Donald Trump unterstützt die chinesische Politik das Thema mehr denn je. Und China hat eine alte Tradition des fleischlosen Fleisches, die im Rahmen des Buddhismus in der Tang-Dynastie (618-907) entstanden ist. Schon damals entwickelten Buddhisten täuschend echte Fleisch-Imitate, die über Generationen hinweg perfektioniert wurden, von der Ente aus Sojaprotein bis hin zu geräuchertem Fisch aus Seitan.

Fleischlose Burger (picture-alliance/AP Photo/R. Drew)

Sieht aus und schmeckt wie ein Hamburger - enthält aber keinerlei Fleisch

Das sogenannte "Buddhistenfleisch" wird in China zwar noch nicht als trendy wahrgenommen. Die alten Traditionen haben jedoch das Zeug, zu einer weltweiten Softpower zu werden, wenn es die Pflanzenfleischanbieter denn schaffen, dass ihre Gerichte bei jungen Städter hip werden. Chinas "Fake Meat" müsste ein Eckpfeiler der Popkultur werden. Statt nur Vegetarier anzusprechen, müssen die Produzenten den Fleisch essenden Mainstream überzeugen, ohne die Menschen jedoch moralisch dazu zu drängen, gleich komplett auf pflanzliche Ernährung umzusteigen. Das ist im Übrigen auch die Strategie von Firmen wie Beyond Meat. Denn in den USA sind nur rund sieben Prozent ihrer Kunden lupenreine Vegetarier.

Schweinepest erhöht den Handlungsdruck

Der politische Druck wird noch stärker, seitdem in diesem Jahr die Schweinepest in China ausgebrochen ist. Das Virus, das auch gekocht und tiefgefroren überlebt, hat sich von Nordostchina über das ganze Land ausgebreitet. Millionen Tiere mussten zwangsweise getötet werden. China importierte in diesem Jahr Millionen Tonnen Schweinefleisch aus dem Ausland, um seinen Bedarf zu decken. Sogar die 2007 von der Regierung in landesweiten Kühlhäusern angelegten "strategischen Schweinefleisch-Reserven" wurden angebrochen, um die Preise stabil und eine Inflation in Grenzen zu halten. Wegen der Knappheit in China stiegen sogar die Schweinefleisch-Preise in Deutschland um über acht Prozent. In China wurde das Schweinefleisch um 168 Prozent teurer als im Vorjahr. Belastend ist der Fleischkonsum auch für das Gesundheitssystem, da Volkskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Probleme rapide zunehmen.

Dieser Reformdruck lastet aber nicht nur auf China, sondern auf ganz Asien. Schon 2023 könnte Asien der größte Wachstumsmarkt für pflanzenbasierte Fleischalternativen sein, schätzen Marktforscher.

In Kantinen nur noch pflanzliches Fleisch?

Jetzt fehlt es nur noch an gutem Marketing. Einfacher wird es in China dadurch, dass die Chinesen auch aufgrund ihrer Tradition viel offener gegenüber Pflanzenfleisch sind als die Amerikaner. Fast 96 Prozent der Befragten gaben an, sie würden "Fake Meat" kaufen. In den USA waren es nur 75 Prozent. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des US-amerikanischen Journals "Frontiers in Sustainable Food Systems". Nun wartet die Branche auf ein Zeichen der Regierung: So wie sie kürzlich beschlossen hat, dass die Behörden nur noch chinesische Computer kaufen dürfen, könnte sie zum Beispiel durchsetzen, dass staatliche chinesische Kantinen nur noch pflanzliches Fleisch anbieten.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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