Sehnsucht nach dem zärtlichen Gott | Spurensuche | DW | 11.01.2019
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Spurensuche

Sehnsucht nach dem zärtlichen Gott

Maria gibt Jesus die Brust: im Motiv der „Madonna lactans“ begegnet dem Betrachter die „Theologie der Zärtlichkeit“, zeigt Christian Feldmann im Beitrag der katholischen Kirche: „zärtlich, heilend, erlösend“.

Der große Literat und Humanist Heinrich Böll war es, der an den zärtlichen Gott in den Evangelien erinnerte: Jesus habe diesen zärtlichen Gott auf eine wunderbare Weise sichtbar und erfahrbar gemacht. Wie Jesus mit den Menschen umging, das ist laut Böll, der an christlichen Politikern und ängstlichen Bischöfen litt und seine Kirche innig liebte, das glatte Gegenteil von Berührungsangst gewesen: Jesus hat durch Zuwendung geheilt. Er hat die Menschen ermuntert, sich auf den guten Gott einzulassen. All ihre Verkrustungen und Lebensnarben, den Schutzpanzer aus Misstrauen und verzweifelter Egozentrik, den sie sich zulegten, brach er behutsam auf. Die Evangelien stecken voll zärtlich-sinnlicher Gesten: Küsse, Umarmungen, heilende Handauflegungen, gemeinsames Essen mit Ausgestoßenen.

Die „Theologie der Zärtlichkeit“ im Neuen Testament sei noch weitgehend unentdeckt, klagte Heinrich Böll und fand es erschreckend, dass die Christen ihren Gott als liebenden, leidenden, sterbenden Menschen darstellen und sich selbst oft so wenig menschlich gebärden.

Die milchspendende Gottesmutter

In den großen Museen der Welt hängt eine Antwort auf diese Sehnsucht: das Bild der „Madonna lactans“, der das Jesuskind stillenden Mutter Maria. Albrecht Dürer hat sie gemalt, auf einer Lindenholztafel, kleiner als ein DIN-A4-Blatt; nur wer dem Bild im Wiener Kunsthistorischen Museum ganz nahe kommt, vermag den zufrieden nuckelnden Jesusknaben und sein nach der Mutter greifendes Händchen zu erkennen. Maria lächelt mit geöffnetem Mund, was an der Wende zum 16. Jahrhundert in der Malerei eigentlich nicht erlaubt war.

Auch Hans Baldung Grien hat die „Milchspenderin“ gemalt, ebenso Jan van Eyck; von Michelangelo und Raffael existieren Federzeichnungen. Aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren sind gleich zwei Bilder bekannt. In jüngerer Zeit versuchten sich Picasso, Gauguin, Chagall an dem Sujet. Im Barock schufen Bildhauer an Wallfahrtsorten Brunnen mit einer Marienfigur, aus deren Brüsten das heilkräftige Wasser sprudelt, etwa in Passau-Mariahilf oder in Rengersbrunn im Spessart – dort nennt man das klare Wasser „Liebfrauenmilch“. 

Die Zahl derer, die so eine Darstellung der Gottesmutter mit unbefangen entblößter Brust peinlich oder skandalös finden, ist zum Glück gering; es sind wohl dieselben, die sich über Mütter aufregen, die ihrem Kind in einem Zugabteil oder einer Restaurantecke die Brust geben. Sie werden es auch nicht verstehen, dass hilfesuchende Frauen an solchen Wallfahrtsorden das Motiv der stillenden Madonna immer schon tröstend fanden, wie Volkskundler und Theologen berichten.

Vorbilder in der Antike

Die „Galaktotrophousa“ der ostkirchlichen Ikonen und die stillende Gottesmutter der mittelalterlichen Maler hat ihre Vorgängerin in der Religionsgeschichte. Es ist die ägyptische Isis, die Gottes- und Sonnenmutter, Hüterin des Universums und Spenderin weiblicher Weisheit, Göttin der Liebe und Schutzpatronin der Toten. Zahllos sind die Darstellungen der Isis, die ihren Sohn Horus auf dem Schoß hält, mit der linken Hand seinen Kopf stützend, mit der rechten ihm die Brust reichend. Die Pharaonen ließen sich als Horusknaben an der Brust von Iris abbilden, deren Milch ihnen kosmische Kräfte vermitteln sollte. Im Ägyptischen Museum Berlin kann man so ein winziges Schutzamulett bewundern, knapp zehn Zentimeter groß und aus wunderschöner hellblauer Fayence.

In der griechischen Antike gibt es ähnliche Statuen des kleinen Herakles. In der christlichen Kunst der Byzantiner bekommt das Motiv einen sehr intimen Charakter. Später nähert sich die „Milchspenderin“ der Schutzmantelmadonna und den Erfahrungen der Mystiker: Der spanische Barockmaler Murillo zeigt den Gründer der Zisterzienser, Bernhard von Clairvaux, wie er von einem Milchstrahl der „Maria lactans“ getroffen wird und ab sofort über die Gabe der Beredsamkeit verfügt.

Wo in orthodoxen Kirchen heute, am 12. Januar, das Fest der Epiphanie oder Theophanie, der „Erscheinung“ und Taufe des Herrn, nachgefeiert wird, steht auch die Verehrung der Galaktotrophousa, der „milchspendenden“ Gottesmutter, auf dem Kalender. Und immer geht es um das Christuskind, das über die Brust der Mutter mit der Menschheit in Verbindung tritt: zärtlich, heilend, erlösend.

 

Christian Feldmann, Theologe, Journalist, Rundfunkautor, 1950 in Regensburg geboren, publizierte mehr als 50 in viele Sprachen übersetzte Bücher, vor allem Porträts klassischer Heiliger und frommer Querköpfe aus Christentum und Judentum.