Schwein befrei′n? | Deutschland | DW | 20.07.2019
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Streit um Tierrechte in Deutschland

Schwein befrei'n?

Geht es um Tierrechte, dann wird es oft hitzig. Die einen fordern mehr Platz im Stall, andere wollen sich nicht die billige Wurst vom Grill nehmen lassen. Und manche demonstrieren sogar für ein Ende der Nutztierhaltung.

Blut spritzt auf Wand und Boden. Das Rind tritt um sich, stößt einen spitzen Schrei aus, als der Schlachter mit einem tiefen Schnitt seine Halsschlagader durchtrennt. Ist das Tier jetzt wirklich tot? Der Mann tritt gegen seine Brust - keine Reaktion. Zuvor hatte der Schlachter mit einem Bolzenschuss ins Gehirn versucht, das Rind zu betäuben. Erfolglos.

Die blutigen Bilder stammen aus einem kleinen Schlachthof in Brandenburg, in Fehrbellin vor den Toren Berlins. Sie wurden mit versteckter Kamera gedreht und von der Tierrechtsorganisation "Animal Rights Watch" Ende letzten Jahres veröffentlicht. Der Schlachthof, der sogar das Bio-Siegel trug, musste schließen.

Ausnahme oder Regel?

Doch das Ziel der Aktivisten ist größer: die Schließung aller Schlachthäuser. Dafür verbreiten sie schreckliche Bilder wie die aus Fehrbellin. Und dafür gehen sie zur Zeit in deutschen Städten auf die Straße, an diesem Samstag etwa in Stuttgart. "Es geht uns schlicht darum, Tiere nicht mehr für unseren Bedarf zu töten", sagt Achim Stammberger von "Animal Rights Watch" der DW. Skandale wie der in Fehrbellin seien "einfach Normalität in den meisten Schlachthäusern."

Animal Rights Watch Gegen Tierausbeutung Hamburg (Animal Rights Watch)

Die Kuh soll leben - Demonstration von "Animal Rights Watch"

Dem widerspricht Heike Harstick, Geschäftsführerin des Verbandes der deutschen Fleischwirtschaft. Solche Zustände seien die Ausnahme, sagt sie der DW. "Die Bilder sind dramatisch und absolut nicht zu tolerieren, ganz klar." Leider gebe es immer wieder solche Ausnahmen. "Das wird dann als Regel angenommen, was aber keinesfalls stimmt. Und wir versuchen auch, gegen so etwas vorzugehen."

Die Farm der Tiere

Harstick sagt, dass die Fleischindustrie in den letzten Jahren sehr viel getan habe, um den Tierschutz zu verbessern. So habe man etwa die Videoüberwachung in Ställen und Schlachthöfen stark ausgeweitet und mit der "Initiative Tierwohl" halte ein Teil der Bauern die Tiere nach Standards, die über den gesetzlichen Anforderungen liegen. Die Tiere haben also etwas mehr Platz oder bekommen auch Heu und nicht nur Kraftfutter.

Doch Aktivisten wie Stammberger von "Animal Rights Watch" geht es nicht um bessere Bedingungen. Sie fordern das Ende der Nutztierhaltung und ein Recht auf Leben für jedes Tier. "Das wäre das Minimum, aber dazu kommt das Recht auf körperliche Unversehrtheit und ein Recht auf Freiheit - soweit das eben für ein gezüchtetes Tier überhaupt möglich ist", sagt Stammberger. Freiheit also auch für die 26 Millionen Schweine und 12 Millionen Rinder, die derzeit in deutschen Ställen stehen.

Fleisch ist kein Gemüse

Früher habe man gedacht, Fleisch sei gesund und Tiere seien dumm und unempfindsam. Doch das habe sich geändert, so der Tierschützer. "Wir haben einfach ganz neue Kenntnisse und diese ursprüngliche, alte Haltung ist überhaupt nicht mehr zu begründen -  wissenschaftlich nicht und ethisch sowieso nicht. Deshalb gilt für uns eigentlich nichts anderes, als aus diesem System komplett auszusteigen."

Nur etwa 400 Mitglieder sind in Stammbergers Verein aktiv. Doch die Zahl der Deutschen, die auf tierische Produkte verzichten, steigt stetig. Sie dürfte bei rund einer Million Menschen liegen. In den Supermarktregalen sieht man heute deutlich mehr pflanzlichen Fleisch-Ersatz als noch vor drei Jahren. Kein Wunder, der Absatz von veganen und vegetarischen Lebensmitteln hat sich seitdem verdoppelt. Und an deutschen Esstischen, in deutschen Restaurants und Kantinen, wird die Frage, ob und wie viel Fleisch man ist, heiß diskutiert.

Ein bisschen weniger Schnitzel

Kein Grund zur Beunruhigung für die Fleischproduzenten, meint Verbandsvertreterin Harstick. "Bei Schweinefleisch geht der Konsum ein bisschen zurück", sagt Hartsick. Das liege aber eher an der steigenden Zahl von Moslems in Deutschland. Dafür werde eben mehr Geflügel gegessen. "Es ist nicht so, dass jetzt die Masse der deutschen Bevölkerung zum Veganismus übergeht. Auf keinen Fall. Das erwartet kein Mensch." Und Tierrechtsaktivisten wie Stammberger und seine Mitstreiter? "Diese Menschen haben sich ihre Meinung gebildet und sind auch nicht zugänglich für Argumente", sagt Harstick.

Video ansehen 04:47

Billiges Fleisch versus Tierwohl

Es gibt wenige Debatten, die so emotional geführt werden wie die rund um Tierwohl und Fleischkonsum. "Und zwar von beiden Seiten", sagt Aktivist Stammberger. "Viele Menschen haben das Gefühl, ihnen soll etwas weggenommen werden."

Die Wurst soll billig sein

Seit 2002 nennt das deutsche Grundgesetz den Tierschutz als Staatsziel. Im Tierschutzgesetz wiederum ist der Umgang mit den Tieren geregelt. Es besagt zum Beispiel, dass Tiere nicht ohne "vernünftigen Grund" getötet werden dürfen. Die Gesetze bleiben aber oft vage, etwa, wenn es um "artgerechte Haltung" geht. Die wird erst durch die Verordnungen des Landwirtschaftsministeriums genauer definiert. Hoch umstritten ist aber, ob es wirklich artgerecht ist, wenn etwa Muttersauen in Kästen leben, die kaum größer sind als sie selbst.

Symbolbild Grillwurst (picture-alliance /dpa/P. Pleul)

Deutsche Spezialität: günstige Würstchen auf teurem Grill

In Umfragen spricht sich eine große Mehrheit der Deutschen immer wieder für bessere Haltungsbedingungen, mehr Kontrollen und mehr Tierschutz aus. Dafür würden sie auch an der Supermarktkasse tiefer in die Tasche greifen, sagen sie. Ulrich Enneking, Professor für Agrar-Marketing an der Hochschule Osnabrück, hat das in einer Befragung und einem Feldversuch überprüft. Ergebnis: drei Viertel der Kunden entschieden sich für Bratwurst, Minutensteaks und Gulasch in der Billig-Variante. Bio-Fleisch und Fleisch mit einem "Tierwohl-Label" war den meisten zu teuer.

"Da haben wir einen Unterschied zwischen dem realen Kauf und dem hypothetischen Kauf festgestellt", sagt Enneking der DW. "Es ist allgemein bekannte, dass die Deutschen sehr preissensibel sind", so der Forscher. "Die deutschen Verbraucher sind nicht in so starkem Maße bereit, höherwertige Produkte zu kaufen oder zum Beispiel auch auf Märkte zu gehen wie etwa die Franzosen."

"Der Laden brummt"

Noch gehört Deutschland mit 60 Kilogramm Fleisch pro Person und Jahr zu den Nationen mit dem höchsten Konsum weltweit. Enneking denkt trotzdem, dass der Trend zur veganen Ernährung hierzulande stärker wird. Auch Tierrechts-Aktivist Stammberger glaubt, dass in Zukunft mehr und mehr Menschen auf tierische Produkte verzichten werden. Das müsse allerdings viel schneller gehen, meint er.

Und der Betrieb in Brandenburg, der wegen des Videos von "Animal Rights Watch" das Schlachten einstellen musste? Das werde er auch in Zukunft nicht mehr tun, zitiert die regionale Zeitung "Märkische Allgemeine" den Inhaber. Seine Rinder werden jetzt zum Schlachten weggebracht, dann in Fehrbellin zerlegt und im Hofladen verkauft. "Der Laden brummt", sagt er.

Infografik Weltweiter Fleischkonsum DE

 

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