Schwarz bin ich und schön – Volksfrömmigkeit als Impfstoff gegen Rassismus? | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 24.06.2020
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Deutschland evangelisch-katholisch

Schwarz bin ich und schön – Volksfrömmigkeit als Impfstoff gegen Rassismus?

Volksfrömmigkeit steht unter Kitsch-Verdacht und wird von Religionsverächtern wie -vertretern belächelt. Aber, diese Frömmigkeit hat zu einigen hochaktuellen Zeitfragen provokative und konstruktive Beiträge zu bieten.

Heutzutage möchte jede und jeder gerne aufgeklärt sein, so mein Eindruck. Das Wort „Aufklärung“ ist im deutschen Sprachraum durch und durch positiv besetzt. Was für die aufgeklärte Bürgerin und den aufgeklärten Bürger gilt, ist auch längst schon Bestandteil des Selbstverständnis der  aufgeklärten Gläubigen: Man wagt sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Es wird nicht einfach nachgeplappert und blind geglaubt, sondern auch der Glaube wird dem klärenden Säurebad des Verstandes ausgesetzt: Und das ist auch gut so!

Dieses durch und durch positive reinigende Säurebad kann bei einer Falschdosierung aber leider auch schnell zu einer toxischen Giftmischung werden, und zwar dann, wenn jegliche Irrationalität weggeätzt wird, so dass nur noch rational Messbares übrigbleibt. Die Haltung der Aufklärung wird so zu einer Karikatur, welche emotionale Verkrüppelung für Aufgeklärtheit hält. Eine Welt, die alles rational nicht Erfassbare verachtet, läuft nicht weniger Gefahr, auf zerstörerische Abwege zu geraten, wie eine Welt, die sich dem kritischen rationalen Denken verweigert. Es ist dringend notwendig, dass die Menschheit aus beiden Quellen gleichermaßen schöpft, und zwar sowohl aus den Ressourcen des Rationalen als auch des Emotionalen. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt genauso für den Glauben im speziellen: Wehe, wenn einer der beiden Brunnen verschlossen wird! Beispiel gefällig?

Die Idee von menschlichen „Rassen“ ist eine Kopfgeburt. Unter einer wissenschaftlichen Etikettierung wurde der Grundstein für rassistische Menschenverachtung gelegt, unter welcher bis heute tagtäglich Menschen leiden, deren Hautfarbe manchen ihrer Mitmenschen nicht hell genug ist. Leider scheint auch die wissenschaftliche Theologie hier ein Kind ihrer Zeit gewesen zu sein – oder wie erklärt es sich sonst, dass in offizielle kirchliche Gebete und Liedern der Begriff „Rasse“ Eingang finden konnte, wenn auch gut gemeint? Hier hat ein trügerisches Vertrauen in rationale Argumente Mauern zwischen Mensch und Mensch errichtet und Schubladen gebaut. Die Volksfrömmigkeit scheint das nicht berührt zu haben. 

Es ist bemerkenswert, dass die wichtigsten Wallfahrtsorte Zentraleuropas eine Schwarze Madonna als Wallfahrtsziel beherbergen: sei es die Schwarze Madonna von Einsiedeln in der Schweiz oder die von Altötting in Deutschland, sei es die Schwarze Madonna von Loreto in Italien oder die der Santa Maria della Salute in Venedig, sei es die Schwarze Madonna von Tschenstochau in Polen oder die auf dem Montserrat in Spanien, um nur einige wenige zu nennen. Diese hoch verehrten berühmten Wallfahrtsbilder und -statuen zeigen Maria und den Jesusknaben auf ihrem Arm als PoC, als People of Color.

Klar ist: Bei der Entstehung wurde von Anfang an bewusst dunkles Holz oder schwarzer Stein verwendet, der oft sogar durch die Jahrhunderte noch dunkler wurde, dank des Kerzenrußes - hell waren sie aber niemals. Warum dem so ist, bleibt letztlich immer noch ein Geheimnis. Sind diese Darstellungen biblisch vom Hohelied des Alten Testaments inspiriert, in dem es heißt: „Schwarz bin ich und schön“ (Hld 1,5)? Oder findet hier Widerhall, dass es sich bei Maria und Jesus um Juden aus Palästina handelt? Oder ist hier ein Identifikationsmöglichkeit für die hart arbeitenden Bevölkerung gegeben, die sich der Mittagshitze und Sonnenglut aussetzen muss? Auffällig an diesen Madonnendarstellungen ist jedoch: Jesus und seine Mutter haben in jedem Fall nicht die Hautfarbe der Privilegierten Europas. Auch wenn bei der Entstehung vermutlich  keine dezidiert antirassistischen Motive im Spiel waren, wage ich dennoch die These: Wenn diese volksfrommen Darstellungen die beliebtesten und inniglichst verehrten in Europa sind, geht von Ihnen ein kraftvoll mahnende und das Herz aufrüttelnde Botschaft aus, und zwar sowohl für alle Religionsverächter als auch -vertreter, für alle sich aufgeklärt Gebenden und für alle fromm zu ihnen hin Wallfahrenden: Black lives matter.

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG). Im ZDF moderiert er die Sendung "Ein guter Grund zu feiern“.