Schule - Heilungsort für Flüchtlingskinder | Deutschland | DW | 27.09.2015
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Deutschland

Schule - Heilungsort für Flüchtlingskinder

In Deutschland gilt die Schulpflicht auch für Flüchtlingskinder. Deswegen müssen Lehrer plötzlich auch auf traumatisierte Neuschüler reagieren. Schulpsychologen versuchen zu helfen.

Andauernde Konzentrationsschwierigkeiten, Übelkeit und Kopfschmerzen, Lustlosigkeit oder Wut - all das können Symptome sein, die bei Flüchtlingskindern auf so genannte posttraumatische Belastungsstörungen hinweisen können. Wie viele Flüchtlingskinder tatsächlich traumatisiert sind, darüber gibt es meist nur Schätzungen. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Georg Pieper spricht von zwei Dritteln aller Kinder aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten. Ärzte und Psychologen um den Sozialpädiatriker Volker Mall haben für eine Studie der technischen Universität München unter syrischen Kindern festgestellt, dass ein Drittel psychisch belastet ist und jedes fünfte Kind eine schwerwiegende Belastungsstörung entwickeln dürfte.

Die Befürchtung an den Schulen: Flüchtlingskinder leiden, sind weniger belastbar, werden häufiger krank oder sind aggressiv und entwickeln sich dauerhaft zu einer Belastung für die Gesellschaft. Lehrer müssen jetzt richtig reagieren, um ihnen zu helfen. Doch in Gesprächen mit Schulpersonal hört man immer wieder, dass viele Lehrer unsicher sind, ob und wann sie handeln sollen. Mit diesen Fragen können sie sich an schulpsychologische Beratungsstellen wenden, die es in jedem Bundesland gibt. Seit Monaten werden dort auch Lehrer fortgebildet. Die wichtigste Anleitung, die sie erhalten: Nicht von den Flüchtlingskindern verlangen, dass sie über schlimme Erlebnisse erzählen.

Der Schlüssel ist Aufmerksamkeit

Klaus Seifried (Foto: Privat)

Klaus Seifried: "Alltag heilt schon viel"

"Ich warne davor, zu dramatisieren", sagt Klaus Seifried vom Schulpsychologischen Dienst in Berlin: "Das Wichtigste ist, dass diese Kinder und Jugendlichen erst einmal in Deutschland und in der Schule ankommen, dass Lehrerinnen und Lehrer eine pädagogische Beziehung aufbauen und den Schülern Alltagsstrukturen bieten, die ihnen Sicherheit geben." Beruhigung, Sicherheit und Stabilisierung: Das sei die beste Prävention gegen eine posttraumatische Belastungsstörung, so Seifried weiter. "Nicht jeder, der Kriegserlebnisse und schwere Gewalt erfahren hat, benötigt eine Traumatherapie."

Zudem müsse man besonnnen mit den Regeln und Sitten anderer Kulturen umgehen, sagt der Schulpsychologe: "Ein Schüler, der ständig auf den Boden schaut, wenn der Lehrer mit ihm spricht, muss keine schwere Angstsymptomatik haben." Das Verhalten könne in der Kultur des Flüchtlingskindes genauso ein Zeichen von Wertschätzung und Achtung vor einem Erwachsenen sein. Handeln müssten Lehrer erst, wenn Schüler länger inaktiv bleiben oder dauerhaft emotional belastet wirken.

Deutschland Schülerhilfe Willy Brandt-Gesamtschule (Foto: Wolfgang Dick)

Flüchtlingskinder in der Förderklasse an der Willy Brandt- Gesamtschule in Duisburg

Wie viele andere Schulpsychologen in Deutschland setzt auch Seifried auf die natürlichen Schutzmechanismen der Kinder. "Wenn wir in der Schule Alltagsstrukturen schaffen, den Kindern Lernerfolge, Freude am Lernen und Spielen in der Klasse und persönliche Beziehungen verschaffen, hilft ihnen das über traumatische Erfahrungen hinweg." Eine Psychotherapie und Traumabehandlung sei erst der dritte oder vierte Schritt.

Lehrer bestätigen, dass Flüchtlingskinder auf die Regelmäßigkeit der Schule, auf das Lernen-und-Spielen-Dürfen und die Aufmerksamkeit der Lehrer positiv reagieren. Sie lernen: Das eigene Leben hat einen Sinn und es kann selbst gestaltet werden. Diese Erfahrung schafft hohe Dankbarkeit. Die Bindung zu den Lehrern ist enger als bei deutschen Schülern.

Konflikte unter Flüchtlingskindern

Peter Silbernagel (Foto: Philologenverband)

Peter Silbernagel: "Wir sind stark belastet, kommen aber zurecht"

Alle Städte und Kommunen haben an Schulen spezielle Förderklassen für Flüchtlingskinder einrichten lassen. "Die Lehrer dieser Klassen kommen bisher gut zurecht. Sie sind mit großem Idealismus dabei, gelangen zwar an Grenzen bei psychischen Belastungen, erleben aber auch, dass der grösste Teil der Schüler in den Sonderklassen ausgesprochen lernwillig ist", berichtet Peter Silbernagel vom Philologenverband des größten deutschen Bundeslandes, Nordrhein-Westfalen. Konflikte würden selten aufkommen. Streit und Probleme gebe es schließlich auch bei deutschen Schülern. Von ihnen gelten nach einer Studie des Robert Bosch-Instituts 20 Prozent als psychisch auffällig. Da sei es eher überraschend, dass bisher an Schulen keine größeren Probleme mit Flüchtlingskindern aufgekommen seien, außer der ständig steigenden Arbeitsbelastung.

Schwierig sei allerdings die Frage, wie man Kindern und Jugendlichen, die sich in ihrer Heimat nur mit Gewalt durchsetzen und behaupten konnten, Einhalt gebietet. Psychologen raten Lehrern, auf jeden Fall Grenzen zu setzen. Die meisten Kinder sind in ihren Heimatländern einen sehr autoritären Erziehungsstil in Schulen gewöhnt. Die Sichtweise, dass diese Schüler nicht bösartig sind, sondern in ihrer Seele tief verletzt, habe vielen Lehrern im Umgang mit Flüchtlingskindern geholfen, bestätigt Peter Silbernagel.

Viele Probleme bleiben

Um mit psychologischen Problemen von Flüchtlingskinder an der Schule gut umzugehen werden dringend Dolmetscher benötigt, die mit Psychologen zusammenarbeiten. Nordrhein-Westfalen setzt deshalb bei der Sprachkompetenz der Schüler selbst an. Sie soll erhöht und dazu rund 900 Lehrer neu eingestellt werden.

Ein Problem bleibt aber wohl noch für längere Zeit. bestehen: Ein Schulpsychologe ist im Schnitt für 5000 bis 30.000 Schüler zuständig. "Die Kapazität der Schulpsychologie, die für Flüchtlingskinder vorhanden ist, ist relativ gering," so Klaus Seifried. Jede größere Schule brauche Schulpsychologen und Sozialarbeiter vor Ort. Ein Problem bestehe selbst dann noch: "Die Akzeptanz von Psychotherapie im arabischen Kulturkreis ist sehr gering". Eltern der Flüchtlingskinder würden aus ihren Ländern oft keine Infrastruktur von Psychiatern und Psychologen kennen und seien kritisch eingestellt. Lehrer müssen dann versuchen, zu vermitteln. Oft fehlen aber erwachsene Ansprechpartner. Rund 10.000 Kinder haben in Deutschland keine Eltern, die sie begleiten. Diese Kinder sind alleine geflohen oder haben ihre Eltern auf der Flucht verloren. In der Schule stehen sie alleine da. Umso wichtiger sei, jetzt erst einmal das Gefühl von Geborgenheit und Normalität aufkommen zu lassen.