Schuldendienst bringt Ankara in Bedrängnis | Wirtschaft | DW | 29.08.2018
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Schulden

Schuldendienst bringt Ankara in Bedrängnis

Die Türkei muss nächstes Jahr über 150 Milliarden Euro zurückzahlen. Die US-Bank JP Morgan sieht dabei Finanzierungsrisiken. Während eine Ratingagentur 20 Banken herabstuft, sieht die Regierung keine Konjunkturrisiken.

Finanzexperten schlagen wegen der wirtschaftlichen Risiken und des Lira-Verfalls in der Türkei Alarm: Allein bis Mitte nächsten Jahres werden nach einer Schätzung der US-Investmentbank JP Morgan umgerechnet rund 153 Milliarden Euro an Auslandsschulden fällig. Das entspricht fast einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes.

Die türkische Regierung sieht dagegen keine Konjunkturrisiken. Finanzminister Berat Albayrak (Artikelbild) begründete dies in einem Bericht der Zeitung "Hürriyet" vom Mittwoch damit, dass die Verschuldung von Staat und Haushalten gering seien und das Finanzsystem zudem stabil.

"Problematischer Marktzugang"

Der Großteil der in den nächsten zwölf Monaten anstehenden Rückzahlungen entfällt auf den Privatsektor, insbesondere auf Banken, wie JP Morgan in einer Studie ausführte. Nur umgerechnet 3,7 Milliarden Euro seien Schulden von öffentlichen Stellen. "Der Finanzierungsbedarf in den nächsten Monaten ist groß und der Zugang zu den Märkten ist problematisch geworden", warnten die Experten.

Rund 27 Milliarden Euro müssen nach Berechnungen von JP Morgan bereits bis Ende 2018 zurückgezahlt werden. Bei Verbindlichkeiten von etwa 93 Milliarden Euro, die bis Juli 2019 beglichen werden müssten, bestehe ein Finanzierungsrisiko.

Und die Lira fällt weiter

Auch die Ratingagentur Moody's kommt zu dem Schluss, dass sich die Risiken für die Türkei erhöht haben und senkte zudem die Bonitätsnoten für 20 Geldhäuser, darunter einige der größten Banken wie die Isbank. Von den dortigen Banken ausgegebene Dollar-Anleihen gaben am Mittwoch in Folge der Warnung für den Bankensektor und der Herunterstufung von Geldhäusern nach. Die Lira fiel weiter, ein Dollar kostete mit 6,49 Lira 3,6 Prozent mehr als am Dienstag.

Seit Wochen steht die türkische Währung unter Druck. Sie hat seit Januar zum Dollar fast 40 Prozent an Wert eingebüßt. Um die Liquidität der heimischen Banken zu sichern, hat die türkische Notenbank Mitte August die Geldschleusen geöffnet und den Instituten eine ausreichende Liquiditätsversorgung zugesichert.

Hinter dem Lira-Verfall steht unter anderem ein Streit zwischen den Regierungen in Ankara und Washington wegen der Inhaftierung eines US-Pastors in der Türkei. Zudem sehen Investoren zunehmend die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank in Gefahr.

Keine Hilfe in Sicht

Auf direkte Hilfe aus Berlin kann die Türkei, sollte Präsident Erogan darauf spekulieren, gegenwärtig nicht hoffen. Deutsche Finanzhilfen für die Türkei sind für die Bundesregierung weiter kein Thema. "Ich habe keinen neuen Stand", sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Mittwoch. Sie bezog sich auf frühere Aussagen von Regierungssprecher Steffen Seibert, der vor wenigen Tagen gesagt hatte, die Frage stelle sich aktuell nicht. Demmer ergänzte: "Die Bundesregierung verfolgt die Entwicklung in der Türkei sehr genau". Deutschland habe ein Interesse an einem stabilen, prosperierenden und demokratischen Land am Bosporus.

dk/hb (rtr)